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Die Gäste bei Maischberger (v.l.): Dieter Eckstein, Martina Leisten, Sandra Maischberger, Britta von Lojewski, Florian Homm.

"Menschen bei Maischberger", ARD

Vom Scheitern und Bösewichten

Bei Sandra Maischberger kamen die schicksalsgeprüften Promis zu Wort: Privatinsolvenz, Krebs, der totale Abstieg. Das alles rührt zu Tränen. Und am Ende gibt es auch noch einen Bösewicht zu bestaunen. Aber warum gab es kein dringenderes Thema?  

Von Thilo Streubel

Es fällt den deutschen Talks im öffentlich-rechtlichen Fernsehen oft nicht leicht, die passenden Themen zum aktuellen Zeitgeist zu finden. Da fühlt man in themenarmen Zeiten mit den Redaktionen. Am Dienstagabend fühlte man sich eher ein bisschen verschaukelt, denn was ist im Moment wichtiger als Zehntausende, die vor Krieg und Armut fliehen und ihr Land in Richtung Europa verlassen?

Bundesliga! Deshalb fängt Sandra Maischberger erst nach halb zwölf in der Nacht mit ihrem Thema an: "Mein Leben als Crash - Von der Schlossallee ins Sozialamt". Warum gerade das Thema auf der Agenda stand, lässt sich nicht erklären und ist auch kein bisschen an einen aktuellen Fall gebunden. Schade.

In der Runde sitzen drei Prominente, die allesamt zuerst einmal Opfer sind. Ob nun selbstverschuldet oder nicht, steht nicht zur Debatte. Allen steht der Crash ins Gesicht geschrieben. Moderatorin Britta von Lojeski (Kochduell u.a.), Ex-Profifußballer Dieter Eckstein und Börsenspekulant Florian Homm sehen im Vergleich zu der braungebrannten Maischberger gezeichnet aus: fahle, faltige Haut, graue Haare und ein müder Blick. 

Von Lojeski ist ihre Krebserkrankung zudem durch die fehlenden Haare anzusehen. Ihre  erschütternde Geschichte erzählt sie allerdings in einer so positiven Art, dass es wirkt als moderiere sie immer noch eine Vox-Unterhaltungssendung. Trotz Privatinsolvenz nach einem missglückten Immobilienkauf in Ostdeutschland und der Krebsdiagnose strahlt sie eine unglaubliche Zuversicht aus. "Wenn man alles verloren hat, kann man nur noch gewinnen!", so ihr Credo. Hut ab für diese Haltung.

Ex-Nationalspieler Dieter Eckstein packt kurz darauf eine so unglaubliche Leidensgeschichte aus, dass auch der aalglatte Börsenspekulant Homm schlucken muss. Die Kurzfassung: Mit elf Jahren begeht Ecksteins Vater Selbstmord, drei Jahre später stirbt seine Mutter, Eckstein ist das jüngste von fünf Kindern, einer seiner Söhne stirbt an plötzlichem Kindstod, er verschuldet sich, 2011 die Diagnose Hodenkrebs, 2013 erleidet er einen Herzinfarkt, ist einige Minuten klinisch tot. Anders als von Lojeski wirkt Eckstein angeschlagen, nicht ganz so optimistisch wie die Moderatorin. Er habe falsche Entscheidungen in seinem Leben getroffen, gibt er zu. Die Melange aus Schicksal und Naivität spielt bei den Geschichten der gefallenen Menschen bei Maischberger eine wichtige Rolle. 

Auch Martina Leisten, die einzig Nicht-Prominente in der Runde ging mit ihrem Laden in Berlin pleite. Sie verarbeitete ihr Scheitern in einer sogenannten Fuckup-Night. Dort können Gescheiterte über ihr Scheitern sprechen, ganz offen und frei. Die junge Startup-Szene in den deutschen Großstädten geht mit Niederlagen anders um, als die Generation Eckstein und von Lojeski. Das Scheitern ist hier auch immer Chance und wird einkalkuliert. So wirkt Leisten ein wenig erschrocken, aber durchaus befreit. 

Alles andere als befreit gibt sich der letzte Gast der Sendung. Florian Homm ist sozusagen der dickste Fisch im Becken. Der ehemalige Börsenspekulant galt als einer der reichsten Menschen Deutschlands, verdiente sein Vermögen aber mit fragwürdigen Geschäften an der Börse. Nach seinem Untertauchen saß er nun bei Maischberger. Geläutert? Immerhin saß er ein Jahr in einem italienischen Gefängnis und in den USA drohen ihm 225 Jahre Gefängnis. Trotz zaghafter Versuche schafft es Homm nicht glaubwürdig zu erklären, dass er alles bereue und nun auf den Pfad der Erleuchtung getreten ist. Zu laut, zu unsouverän sein Auftritt. Von seinen 600 Millionen sind angeblich 25 Millionen auf Schweizer Konten eingefroren. Was mit dem Rest sei? Keine Antwort. Ob seine Geschäfte amoralisch waren? Keine Antwort. Am Ende muss ein Journalist zugeschaltet werden, um Homm als Täter zu entlarven. Das war Maischbergers leicht zu durchschauender Plan. Nicht zu durchschauen bleibt die sehr fragwürdige Themenwahl der Sendung, da lässt sich auf etwas mehr Fingerspitzen Gefühl hoffen. 

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