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Schauspieler William Hurt: Die Spitze des Eisbergs

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Von: Daniel Kothenschulte

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Er war einer der großen Charakterdarsteller in Hollywood und eine Ikone der achtziger Jahre: Zum Tod von William Hurt.

Wahrscheinlich hätte William Hurt die Rolle, die ihm einen Oscar und den Darstellerpreis in Cannes eintrug, heute gar nicht mehr bekommen. In „Der Kuss der Spinnenfrau“ spielte er einen jungen Mann, den man wegen seiner Homosexualität in ein lateinamerikanisches Gefängnis gesperrt hat. Während man seinerzeit heterosexuelle Schauspieler für die Kunst der Anverwandlung rühmte, sind solche Besetzungen heute umstritten. Für William Hurt aber blieb Schauspielerei genau das: die Kunst der Verkörperung all dessen, was eben nicht schon auf der eigenen Oberfläche schimmert.

Als einer der bestaussehenden Männer im amerikanischen Film der 80er Jahre hätte er sich auch nur die gut bezahlten Starrollen herauspicken können, aber das hätte ihn fraglos gelangweilt. Ihn interessierte, wie er 1988 im Gespräch mit dem Kritiker Roger Ebert erklärte, buchstäblich das Erklimmen des Gipfels: „Schauspielerei bedeutet, die Spitze des Eisbergs errichten. Man muss aufbauen, was niemand sieht und dann die Spitze spielen. Nur ein kleines Bisschen des Eisbergs ist zu sehen, aber er ist gewaltig. Das ist im amerikanischen Kino schwer, wo die Philosophie darin besteht, den ganzen Eisberg zu zeigen. Passive Helden sind wir nicht gewohnt.“

William Hurt in einer Szene des Films „Gottes vergessene Kinder“ (1986).
William Hurt in einer Szene des Films „Gottes vergessene Kinder“ (1986). © dpa

William Hurt: Akribische Arbeit an Charakteren waren ein Markenzeichen

Erst am Ende seiner Karriere gönnte er sich auch ein gutes Stück vom Kuchen jener herrlichen Chargenrollen, mit denen das Marvel-Universum verdiente Charakterdarsteller beschenkt. Da sah man ihn seit „The Incredible Hulk“ noch vier weitere Male als General Thaddeus „Thunderbolt“ Ross. Aber auch mit Blick auf die leichteren Rollen ging ihm der Ruf voraus, sich akribisch vorzubereiten. Wie Russell Crowe, der ihn als William Marshal in „Robin Hood“ inszenierte, twitterte: „Bei ‚Robin Hood‘ wusste ich, dass er dafür bekannt war, rollenbezogene Fragen zu stellen, und so hatte ich eine Akte über das Leben von William Marshal zusammengestellt. Er suchte mich auf, als er am Drehort eintraf. Ich überreichte ihm den Stapel. Ich weiß nicht, ob ich jemals ein breiteres Lächeln gesehen habe.“

Das gewinnende, aber oft verschmitzte Lächeln, das Hurt auf der Leinwand zeigte, kam vielleicht am besten zu tragen in „Nachrichtenfieber – Broadcast News“: Selten ist über Nachrichtenjournalismus als Teil des modernen Quotenfernsehens bitterer und doch hinreißender erzählt worden. An der Seite eines ehrgeizigen, aber glücklosen, von Albert Brooks gespielten Reporters ist Hurt geradezu die Verkörperung der Smartness. Wie clever durchschauten er und Regisseur James L. Brooks diese in der Yuppie-Zeit so hoch geschätzte Fähigkeit zur erfolgsverwöhnten Glätte.

William Hurt: Arthouse- und Independent-Filme konnten dank ihm profitieren

Nach „Der Kuss der Spinnenfrau“ und seiner Rolle als Lehrer an einer Gehörlosenschule in „Gottes vergessene Kinder“ war es seine dritte Oscar-Nominierung in Folge – und wie sehr unterscheiden sich diese drei Rollen voneinander.

William Hurt besaß eine klassische, fast altmodische Männlichkeit, die er wie eine leere Leinwand einzusetzen wusste. Am liebsten für kleinere Arthouse- und Independent-Filme, die von seinem Talent und auch von seinem Ruhm ungemein profitierten konnten: „Gorky Park“, „Die Reisen des Mr. Leary“ oder „Smoke“ gehörten dazu, ebenso Wim Wenders’ „Bis ans Ende der Welt“, Chantal Akermans „Eine Couch in New York“ und besonders David Cronenbergs „A History of Violence“: Mit seiner schillernden Gangsterfigur erhielt er abermals eine Nominierung für einen Oscar.

Oscar-Preisträger verstorben: Das Theater war eine von Hurts großen Leidenschaften

William Hurts Filmographie ist das Dokument einer ruhelosen Karriere, die schon eine hohe Messlatte überwand, bevor sie begann: Nur drei Bewerber schafften es in seinem Jahrgang an die New Yorker Juilliard School.

Die Schule wurde damals noch von John Houseman geleitet, einem der Väter des modernen amerikanischen Theaters – die anderen beiden, die damals angenommen wurden, waren Christopher Reeve und Robin Williams.

Hurt blieb dem Theater auch weiterhin treu, besonders gern in Shakespeare-Stücken. Mehr als 80 Kinofilme und zahlreiche Fernsehproduktionen umfasste schließlich seine Filmographie. Wie nur wenige Schauspieler war er dabei so etwas wie eine Garantie für Qualität: Berechenbar in seinem Anspruch, unberechenbar in seiner Spannbreite. Noch mehrere unvollendete Projekte standen aus, als er am Sonntag im Alter von 71 Jahren einem Prostata-Krebsleiden erlag. (Daniel Kothenschlulte)

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