feu_neu-MADISON-__Dor-Film-
+
Rennradfahren? „Madison“ zeigt Mädchen, die anfangs Freude daran haben.

Lucas Filmfestival

Schau den Lucas

  • Thomas Stillbauer
    vonThomas Stillbauer
    schließen

Das Kinderfilmfestival darf die Kinos nicht wie gewohnt füllen und macht das Beste daraus.

Ein Filmfestival in Zeiten der Pandemie, was kann es leisten? Für die Kleinsten ganz viel. Fünf der Mädchen und Jungen aus der Kita Engelsruhe in Frankfurt-Unterliederbach waren noch nie im Kino. Nie erlebt, wie es dunkel wird im Saal und hell auf der Leinwand, nie die großen bewegten Bilder gesehen. Ein Abenteuer. „Es soll eine Überraschung sein und Spaß machen“, sagt ihre Betreuerin Magdalena Pietrek, auch wenn es mit den Masken auf der Anreise anstrengend war für die Kinder. Im Saal dürfen sie zusammensitzen, immerhin.

30 Plätze hat Corona dem Kino des Frankfurter Filmmuseums gelassen, alle anderen sind gesperrt, nein, eher geschmückt mit Silberstreifen, die aussehen wie Schärpen. Fast wirkt das Bild ein wenig feierlich. Für die meisten jungen Filmfreunde ist das 43. Lucas-Festival jedoch ein Ereignis im Internet. Zumindest das hat ein Kinospektakel den anderen gebeutelten Genres voraus: Man kann es verkleinern wie Pan Tau und zu sich nach Hause holen.

Und dort „Glitter & Dust“ auspacken, den Lucas-Eröffnungsfilm in diesem Jahr. Glitzer und Staub locken die Teilnehmer der Rodeos in den USA. Aber es sind keine harten Männer, von denen die Dokumentation erzählt, sondern Mädchen. Ariyana ist neun, als sie auf den Rücken des Tieres steigt, von dem sie später sagt: „Bullen können ganz schön gemein sein.“ Und Maysuns Papa erklärt offen: „Jeder Vater wünscht sich einen Sohn. Ich habe ein kleines Mädchen.“ Maysun reitet und spricht wie ein Junge. „Glitter & Dust“ kommt Mensch und Tier beeindruckend nahe. Es ist die Art Film, an deren Anfang man sich fragt, wann uns jemand erklärt, warum die Leute tun, was sie tun, und dann schaust du zu, und es erklärt sich alles von selbst in Bildern und Gesten.

Ein Filmfestival in Zeiten der Pandemie bietet Gelegenheit, viele Diskussionen mitzuerleben, weil auch sie im Raum und in der Zeit reisen können, hinein in den heimischen PC. Da spricht etwa Katharina Bergfeld, die Produzentin von „Glitter & Dust“, über Filmdokumentationen fürs junge Publikum. „Das ist etwas, worauf meine Tochter total Bock hat. Sie fragt: Sind das echte Leute? Gibt’s die wirklich? Das ist für sie der Wahnsinn.“ Sie habe das Gefühl, da gebe es ein Publikum, „das hat Bock auf die ganze Welt“, eines, das sehen will, was es alles gibt, ganz real. Aber dann seien beide, Mutter und Tochter, enttäuscht davon, dass es diese Art Film im Kino praktisch gar nicht gebe.

Vera Schöpfer, in der Filmbildung engagiert, pflichtet bei: „Wir lassen Kinder und Jugendliche unsere Projekte zu selten sehen“, Dokumentarfilme nämlich, „dadurch vergeben wir die Chance, dass sie das auch zu schätzen lernen.“ Die Erfahrung, dass es einen Ansturm auf Dokus im Kino seitens der Heranwachsenden gebe, habe er allerdings nicht gemacht, entgegnet Alexandre Dupont-Geisselmann, Geschäftsführer der Farbfilm Verleih GmbH.

Die Berliner Farbfilm verleiht zurzeit etwa „Madison“, einen weiteren Lucas-Wettbewerbsbeitrag. Der Spielfilm über eine zum Ehrgeiz erzogene junge Rennradfahrerin zeigt große Bergbilder und ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Leidenschaft und Vernunft. Er lässt den Vater (Florian Lukas) sagen: „Es geht immer ums Gewinnen!“, und er lässt die Tochter (Felice Ahrens) schließlich antworten: „Nein – es geht darum, dass man seine Freunde nicht im Stich lässt.“

Es geht bei Filmen mit jungen Darstellern aber auch ums Feingefühl. „Madison“-Regisseurin Kim Strobl erzählt, wie sie Felice Ahrens für den Film auswählte: Ein Naturtalent fürs Bahnradfahren sei sie, eigentlich Tänzerin, aber „sie wollte gar nicht mehr von der Bahn runter“. Felice ist bei einer Casting-Agentur unter Vertrag – aber man kann auch im ganz normalen Leben entdeckt werden. „Heute hat man allerdings Skrupel, Kinder auf der Straße anzusprechen und zu sagen: Ich bring dich ganz groß raus“, sagt Talentsucherin Jacqueline Rietz. Daher gehe sie eher den Weg, etwa Vereine anzusprechen und junge Interessierte dorthin einzuladen.

Bei derselben Casting-Agentur wie Felice Ahrens sind auch die bereits erfolgreichen Geschwister Claude, 14, und Cloé Heinrich, 12. Sie sprechen beim Lucas über die Arbeit am Set. Dass sie sich dafür vom Schulunterricht befreien lassen müssen, wobei es hilfreich sei, gute Noten zu haben und ein gutes Verhältnis zu den Lehrkräften. Dass es auch brutale Filmszenen beim Dreh gebe. „Ich sehe das eher so, dass es Spaß macht, mal bei so was dabeizusein“, sagt Claude. „Man weiß ja, dass es ein Film ist. Man kann sich danach mit den blutverschmierten Leuten unterhalten.“ – „Es werden oft Witze gemacht, wenn jemand da blutverschmiert liegt“, sagt Cloé. „Dinge, die schlimm sind, werden uns gar nicht gezeigt.“

Dem Publikum schon. Lucas verteilt die Schwerpunkte auch in diesem Jahr in seinen 43 Wettbewerbsbeiträgen und insgesamt mehr als 50 Filmen gleichmäßig zwischen dem Ermutigenden und dem Tiefgründigen, dem Traurigen und dem Erhellenden. „Ecstasy“ etwa, die Collage aus Fiktion und Autobiografie über Essstörungen. Der Kurzfilm „Boredom“, ganz und gar unlangweilig in Schwarzweiß und 4:3-Format, brillant gespielt. Der erschütternde Zwölfminüter „Song Sparrow“, eine Tragödie aus Filzfiguren über Geflüchtete in einem Kühllastwagen. Und der herrliche Trickfilm „Matilda and the spare head“ über ein Mädchen, dessen Kopf so vollgelernt ist, dass die strenge Mutter ihm einen zweiten zum Wechseln kauft.

Zurück in den Saal des Filmmuseums. Die kleine Publikumsgemeinschaft schaut „My Mum is an airplane“. Die Mama fliegt am Himmel, kann auf Wolken laufen, Briefe an den Eiffelturm und nach Pisa ausliefern, Stürmen trotzen, und Sie glauben ja nicht, als welches Verkehrsmittel sich der Papa am Ende herausstellt! Was sie gesehen hätten, werden die Kinder gefragt. „Einen Monsterwind, der ist dann geplatzt, und dann kam Regen“, sagt ein Mädchen. Das alles gibt es zu erleben bei einem Filmfestival in Zeiten der Pandemie, und beileibe nicht nur im Kino.

Lucas: noch bis Mittwoch, Preisverleihung am Donnerstag. Programm und Zugang: lucas-filmfestival.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare