1. Startseite
  2. Kultur
  3. TV & Kino

RTL schafft Arte-Niveau

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Ost-Berliner marschieren am 17. Juni 1953 mit wehenden Fahnen durch das Brandenburger Tor gen Westberlin.
Ost-Berliner marschieren am 17. Juni 1953 mit wehenden Fahnen durch das Brandenburger Tor gen Westberlin. © dpa

ARD und RTL arbeiten mit großartigen Dokumentationen den Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 in der DDR auf. Sogar dem Privatsender gelingt mit "Wir wollen freie Menschen sein!" ein Qualitätsfilm. Dennoch: Mit "Griff nach Freiheit" zeigt die ARD, wie man's richtig macht.

Von Tilmann P. Gangloff

Auch nach fast dreißig Jahren genießt RTL zumindest beim anspruchsvollen Fernsehpublikum immer noch einen eher zweifelhaften Ruf. Gelegentlich aber hat der Privatsender richtig gute eigenproduzierte Dokumentationen zu bieten. „Wir wollen freie Menschen sein!“ über den ostdeutschen Volksaufstand am 17. Juni 1953 (Sonntagabend) zum Beispiel konnte man selbst jenen empfehlen, die angeblich immer nur Arte sehen. Mit Ausnahme der kurzen (und eigentlich unnötigen) Zwischenmoderationen von Peter Kloeppel hätte dieser Film auch bei ARD oder ZDF laufen können. Die Mischung aus Interviews, nachgestellten Szenen und dokumentarischen Bildern entsprach exakt der Machart, mit der beispielsweise der MDR die DDR-Vergangenheit aufzuarbeiten pflegt. Im Großen und Ganzen war die Dokumentation (Buch und Regie: Freya Klier) sorgfältig gemacht und gerade gemessen am Image des Senders ausgesprochen zurückhaltend. Dass der Kommentar die Spannung mit typischen Versatzstücken („Noch ahnen sie nicht...“) anheizte, gehört ebenso zum Handwerk solcher Filme wie die Emotionalisierung durch individuelle Erinnerungen. Tatsächlich gehörten die Schilderungen eines Mannes, der als Kind am 17. Juni 1953 von einer Polizeikugel in den Bauch getroffen wurde, zu den bewegendsten Momenten des Films.

Klug war auch die Auswahl des Historikers. Ilko-Sascha Kowalczuk ist Experte für die Geschichte der SED-Diktatur, sieht aber nicht aus wie ein Wissenschaftler und klingt auch nicht so. Natürlich sollte die Herkunft eines Historikers eigentlich keine Rolle spielen, zumal der gebürtige Ost-Berliner erst 14 Jahre nach den Ereignissen von 17. Juni zur Welt gekommen ist; aber aus Sicht ostdeutscher Zuschauer wirkt es fraglos stets etwas zwiespältig, wenn ein „Wessi“ ihnen die eigene Geschichte erklärt. „Wir wollen freie Menschen sein!“ ist mit Hilfe der katholischen Kirche und der Bundesstiftung Aufarbeitung der SED-Diktatur zustande gekommen. Die redaktionelle Verantwortung lag bei Dieter Czaja, dem Jugendschutzbeauftragten von RTL. Der Film ist nicht die erste Kooperation dieses Gespanns. Der Sachse Czaja war einst Programmplaner beim Fernsehen der DDR und ist kurz vor dem Mauerfall in den Westen übergesiedelt. Heute kappt er im Programm von RTL die exzessiven Spitzen und sorgt außerdem immer wieder dafür, dass sein Arbeitgeber nicht bloß Zeitvertreibsfernsehen ausstrahlt.

ARD zeigt, wie man's richtig macht

Doch bei allem Respekt für das Engagement: Heute Abend zeigt die ARD, wie man’s richtig macht. Nicht zuletzt dank der unverwechselbaren Stimme des großartigen Thomas Thieme entwickeln Andreas Christoph Schmidt und Artem Demenok mit ihrem der Film „Griff nach der Freiheit“ schon nach wenigen Momenten eine fesselnde Magie, zumal sie die Dokumentation nicht mit Antworten, sondern mit Fragen beginnen: „Wessen Aufstand? Warum?“.

Thieme, geboren in Weimar, hat die DDR 1984 verlassen. Er ist ein vielbeschäftigter Schauspieler und Theaterregisseur. Man kann also davon ausgehen, dass es ihm ein besonderes Anliegen war, den Kommentar zu diesem Film des RBB zu sprechen; und das spürt man. Anders als die RTL-Produktion verzichtet „Griff nach der Freiheit“ auf szenische Rekonstruktionen. Die Autoren haben bis auf eine Ausnahme auch auf Historiker verzichtet. Statt dessen erinnert sich Jens Reich, der den Aufstand 1953 miterlebt und als Bürgerrechtler die Revolution 1989 mitgeprägt hat. Schmidt und Demenok öffnen mit ihrem Film ohnehin stärker den Horizont, stellen zum Beispiel einen Zusammenhang zwischen dem „Aufstand der Namenlosen“ und dem Machtkampf im Kreml her und rücken einen Propaganda-Effekt der SED zurecht, dem sich selbst viele Intellektuelle nicht entziehen konnten: Der 17. Juni war nicht, wie die Einheitspartei im Zuge ihrer publizistischen und ideologischen Aufräumarbeiten verbreitete, eine faschistische Erhebung, sondern in der Tat ein Volksaufstand. Einig aber sind sich beide Filme in dem Bedauern darüber, dass der 17. Juni 1953 zunehmend in Vergessenheit gerät und der deutschen Einheit statt dessen mit dem 3. Oktober an einem „Papierfeiertag“ (Arnulf Baring) gedacht wird. 

Auch interessant

Kommentare