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Bassem Youssef sitzt am Show-Schreibtisch seines amerikanischen Comedy-Vorbilds in New York, Jon Stewart. In Ägypten erntet der TV-Satiriker Youssef Todesdrohungen und Beschimpfungen für seinen teils sarkastischen Polit-Humor.

"Tickling Giants - Humor als Waffe"

Satire im Ausnahmezustand

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Bassem Youssef bringt als Satiriker in Ägypten die Obrigkeit gegen sich auf. Der Film "Tickling Giants" erzählt seine Geschichte. Nun zeigt ihn ZDF Info.

Bei einer Preisverleihung machte sich Jon Stewart als „der amerikanische Bassem Youssef“ bekannt. Eine respektvolle Verbeugung des Schauspielers, Autors und Moderators vor einem ägyptischen Kollegen. Stewart, zu jenem Zeitpunkt der prominentere von beiden, wurde als Autor und Moderator der satirischen „The Daily Show“ zu einer wichtigen Stimme nicht nur innerhalb der USA. CNN zeigte zeitweilig die „Global Edition“ der „Daily Show“, die auch in Deutschland ausgestrahlt wurde. Die „Frankfurter Rundschau“ berichtete seinerzeit.

Die von Stewart und seiner Redaktion nicht erfundene, aber fortentwickelte Manier, mit fernsehspezifisch humoristischen Mitteln Kritik an Politikern und publizistischen Medien zu üben, machte Schule. Die „heute-show“ des ZDF beispielsweise folgt diesem Muster, in Ägypten war es die Sendung, die einfach „Al-Bernameg“, „Die Show“, überschrieben wurde. Ihr Moderator war Bassem Youssef und Jon Stewart erklärtermaßen sein Idol.

Scharfe Klinge, spitze Zunge

Youssef war als Seiteneinsteiger ins Fernsehen gelangt. Von Berufs wegen ist er Chirurg und wie viele Vertreter dieses Standes mit einem robusten Humor gesegnet. Außerdem mit einer spitzen Zunge und einem gewinnenden Wesen. „Ich liebe Sarkasmus“, sagt er. „Damit kann ich menschliche Fassaden zerschneiden, ohne dass Blut fließt.“

Ein langjähriger Freund, der Internet-Unternehmer Tarek AlKazzaz, erkannte Youssefs Talent und holte ihn vor die Kamera. Anfangs in kleinem Rahmen auf einem Youtube-Kanal. Aber die gewitzten Kommentare zum politischen Geschehen, aufgenommen in Youssefs Wäschezimmer, fanden schnell Tausende, dann Millionen von Zuschauern. Die Show wechselte zum TV-Sender CBC Egypt, wo sie zeitweise wöchentlich von bis zu dreißig Millionen Zuschauern, das entspricht vierzig Prozent der ägyptischen Bevölkerung, gesehen wurde. Ab 2014 strahlte auch die Deutsche Welle die Sendung aus.

2012 erhielt Youssef Gelegenheit, seinen Lehrmeister Jon Stewart kennenzulernen – er wurde in dessen amerikanische Show eingeladen. Wie ein kleiner Junge sprang er durch das noch leere Studio, pflanzte sich auf Stewarts Moderatorensessel, war sichtlich aufgeregt vor Freude, als Stewart zur Begrüßung aus seiner Garderobe trat. Die Bekanntschaft sollte sich verfestigen. 2013 erwiderte Jon Stewart den Besuch und reiste nach Kairo. Unter strengster Geheimhaltung und schärfsten Sicherheitsvorkehrungen.

Dauerdiktatur trotz personeller Wechsel

Mittlerweile hatte Sara Taksler, eine Rechercheurin und Redakteurin aus Stewarts Team, mit den Arbeiten an einem Dokumentarfilm über Bassem Youssef begonnen. Die Geschichte wurde brisanter, als anfänglich absehbar war.

In ihrem Film macht Taksler die politischen Hintergründe deutlich. Nach dreißig Jahren ununterbrochener Herrschaft – in Youssefs Worten: „in Ägypten nennen wir das ‚erste Amtszeit‘“ – war der Diktator Mubarak vom Volk zum Rücktritt gezwungen worden. Eine Phase demokratischer Offenheit begann, der Optimismus ist im Film spürbar. Doch auch Mubaraks Nachfolger Mursi erwies sich als Despot und wurde seinerseits abgelöst von General El-Sisi, der eine Militärherrschaft errichtete und erfolgreich an den Nationalismus der Ägypter appellierte. Schon unter Mursi sahen sich Bassem Youssef und seine Mitarbeiter Repressalien ausgesetzt, unter Sisi wurde die Lage brandgefährlich.

Es ist eine bittere Pointe, dass Sara Takslers Film durch die dramatischen Umstände gewinnt. Sie hält fest, wie sich Youssef, der anfangs fröhlich scherzende Schalk, unter dem Druck der Verhältnisse wandelt, sich um seine Mitstreiter – es sind viele Frauen darunter – sorgt und darüber grübelt, ob man noch Witze reißen darf, wenn draußen Demonstranten sterben. In einem stillen Moment äußert er sogar Verständnis für Menschen, die den Freitod wählen.

Mit der Feder gegen die Tyrannen

Der Titel des durch seine Unmittelbarkeit fesselnden, Ernst und Humor gekonnt in Einklang bringenden Films verdankt sich einer Karikatur des Zeichners Andeel, der ebenfalls zum Stab von „Al-Bernameg“ zählte. Darin greift ein zwergenhafter Schelm zu einer Feder und kitzelt die Fußsohle eines alles andere überragenden Riesen. Nur ein kleines Störmanöver, aber es genügte, die Mächtigen in Rage zu versetzen. Kein befreiendes Gelächter, sondern im Gegenteil – am Ende wurde die Situation für Youssef und seine Familie bedrohlich. Verglichen damit, arbeiten deutsche Kabarettisten in einer Komfortzone.

Die Originalfassung des Dokumentarfilms, der auf vielen Festivals zu sehen war, hat 111 Minuten. Vom ZDF wurde er, so die Mitteilung des Senders, dem Programmschema von ZDF Info angepasst und auf 90 Minuten gekürzt. Es ist folglich nicht der Regisseurin anzulasten, wenn manche Passagen ein wenig sprunghaft wirken. Zudem gingen interessante Aspekte verloren. Solche Eingriffe sind generell eine Unart. Absurder noch: Auch in der ZDF-Mediathek wird die bearbeitete Version gezeigt, wiewohl hier keine zeitlichen Beschränkungen bestehen. So bringt sich das ZDF gegenüber Netflix ins Hintertreffen – bei dem kommerziellen Anbieter ist „Tickling Giants“ in der integralen Fassung in Originalsprache mit deutschen Untertiteln verfügbar.

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