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Hartwig Seeler - Gefährliche Erinnerung.

„Hartwig Seeler ‒ Gefährliche Erinnerung“, Das Erste

Trügerische Vorstellungen

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Das Erste beweist mit einem Samstagskrimi: Spannende Erzählungen brauchen nicht notwendig blutige Szenarien.

In einem früheren Stadium der Programmplanung war dieser Film einmal für den Krimisendeplatz am Donnerstag vorgesehen. Auch wenn dort längst nicht mehr nur Beiträge zu sehen sind, deren Urheber die touristischen Attraktionen der jeweiligen Schauplätze wichtiger nehmen sind als die Handlungslogik, wäre „Hartwig Seeler“ doch als besondere Ausnahme aufgefallen. 

Nun rückt der von Johannes Fabrick verfasste und inszenierte Film auf den Samstag und erweist sich als ansehnliche Alternative zum Überangebot der Rate- und Spielshows anderer Kanäle. Dies gilt nun nicht für Anhänger blutstrotzender Krimis. Manche mögen es gar als Verstoß gegen gängige Genrekonventionen begreifen: Es gibt keine sichtbaren Morde auf den ersten Filmmetern. Und später auch nicht. Hartwig Seeler (Matthias Koeberlin) war Kriminalpolizist, ist aus dem Dienst ausgeschieden, arbeitet nun als Privatdetektiv. Sein aktueller Auftrag macht ihn zum unbemerkten Zeugen einer heimlichen Liebesbeziehung. Durchs Teleobjektiv seiner Kamera beobachtet er, wie sich auf dem Trottoir ein Mann und eine Frau begegnen und verstohlen einen liebevollen Händedruck tauschen. Seeler folgt der Frau, sieht sie weinen. Daheim zieht er die Fotos auf den Heimcomputer, zögert aber, sie abzuschicken.

Die Insel der Sektierer

Der Mann ist eindeutig nicht abgebrüht genug für seinen Job. Ein neuer Auftrag wartet schon. Die junge Rechtsanwältin Evelyn Kepler (Caroline Hellwig) ist spurlos verschwunden. Der Vater (Michael Wittenborn) sorgt sich, ist unzufrieden mit den Maßnahmen der Polizei und heuert Seeler an. Der geht ganz unspektakulär seiner Ermittlungsarbeit nach, befragt die Eltern, die Kollegen, sieht sich in Evelyn Keplers Wohnung um. Es ist dann aber Seelers Instinkt und weniger die forensische Spurensuche, der ihn auf die richtige Spur führt. In Keplers Kontoauszügen entdeckt er, dass sie das Buch „Glückselige Erinnerung“ von einem Autor namens Aljoscha gekauft hatte. Ein esoterisches Sachbuch, das eine spirituelle Form der Hypnose als Weg zur heilsamen Selbsterkenntnis propagiert. Aljoscha und seine Anhänger praktizieren dieses angeblich jahrhundertealte Wissen auf einer abgelegenen kroatischen Insel.

Im Banne des Propheten

Seeler fliegt hin, mischt sich unter falschem Namen unter die Anhänger des Propheten, dessen Anblick vor allem die weiblichen Gläubigen in schiere Ekstase versetzen kann, und nimmt unter Anleitung der Betreuerin Amanda (Friederike Becht) selbst eine Therapie auf. Aus beruflichen, aber auch privaten Gründen. Wie die abgängige Evelyn Kepler, trägt auch er eine seelische Last mit sich herum. Das Publikum erfährt es durch eine ausnehmend ungelenk gebaute Szene. Beim Bier mit einem Ex-Kollegen bricht es aus Seeler heraus: Seine Frau hatte einen mysteriösen, bis dato ungeklärten Autounfall, war auf einem Pass von der Straße abgekommen. Es gab keine Bremsspuren und keinen Hinweis auf Fremdverschulden. Hatte sie den Freitod gewählt? Hat er, Seeler, etwaige Anzeichen übersehen? Diese Fragen quälen und verstören ihn. Manchmal glaubt er, ihre Anwesenheit zu spüren: „Es macht mich verrückt!“

Wohltuende Zurückhaltung

Seelers Seelenpein ist keine aufgesetzte Masche, sondern handlungsrelevant. Sie macht ihn einerseits anfällig, andererseits empfindungsfähig für die Nöte Evelyn Seelers. Im Zuge der Hypnosetherapie erinnerte sie sich an einen sexuellen Missbrauch durch den Vater. Als Seeler davon erfährt, wechselt er die Seiten, gibt den Auftrag zurück. Aber dann kommen ihm Zweifel. Er stellt jetzt auch seine eigenen Erinnerungen in Frage. Wurde er Opfer einer Manipulation? Recherche und Deduktion sind Merkmale des Krimis, aber eben nicht nur Mordermittlungen vorbehalten. In „Hartwig Seeler“ gilt die detektivische Arbeit den Wirrungen der Psyche und trügerischen Gedächtnisleistungen. Hauptdarsteller Matthias Koeberlin ist hier seiner Rolle in der ZDF-Reihe um Kommissar Marthaler recht nahe, insgesamt aber weiß die Schauspielriege zu überzeugen. Johannes Fabrick inszeniert wohltuend zurückhaltend, ohne Voyeurismus, ohne drastische Gewalt- und ausufernde Erotikszenen. Ihm genügt die Andeutung ‒ leidenschaftliche Küsse am nächtlichen Strand –, um zu transportieren, was gesagt werden soll. Der Rest bleibt der Fantasie der Zuschauer überlassen. Vereinzelt verfällt Fabrick in einen Erklärmodus. Da wirkt dann beinahe überstürzt, wie er bestimmte Informationen einbaut, wenn er auf den Text setzt, wo sich auch bildliche Lösungen hätten finden lassen. Ein allerdings kleinerer Vorbehalt angesichts eines insgesamt sehenswerten Krimidramas.

„Hartwig Seeler – Gefährliche Erinnerung“, Samstag, 11.5., 20:15 Uhr, Das Erste

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