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Mit Drogen geht es leichter als mit der Liebe bei Charlie, dem einsamen Snob.

Samariter auf dem Pausenhof

Jon Polls Schulkomödie "Charlie Bartlett" bietet Sex, Drogen und sogar ein bisschen Rock'n'Roll

Von xxmk

Bevor Hollywood das jugendliche Publikum an die Computerspiel-Industrie verloren gibt, sollte es vielleicht noch einmal versuchen, seine Zielgruppe dort abzuholen, wo sie unfreiwillig die meiste Zeit verbringt: in der Schule. Sieht man von Hogwarts fliegenden Klassenzimmern ab, herrscht an ungewöhnlichen Schulkomödien derzeit akuter Mangel. Richtig Furore machten mit Wes Andersons "Rushmore" oder John Hughes' "Ferris macht Blau" in diesem Genre zuletzt Filme, an die sich wohl nur noch die Älteren erinnern können.

Zwielichtige Visitenkarte

Auch der Titelheld von "Charlie Bartlett" wird daran nichts Entscheidendes ändern, aber immerhin kommt man dank seines beherzten Auftritts wieder auf den Geschmack: Bittersüße Freiheit und ein Hauch Vergeblichkeit umwehen Charlie in seiner vornehmen Schuluniform. Gerade wird seine Mutter ins Direktorenzimmer zitiert, weil ihr Sohn mit gefälschten Führerscheinen bei seinen Mitschülern gutes Wetter machen wollte; diesmal lässt sich sein Aufenthalt nicht mehr mit einer großzügigen Spende verlängern.

Nachdem er offenbar an sämtlichen Privatschulen des Landes seine zwielichtige Visitenkarte hinterlassen hat, bleibt nur noch der zweite Bildungsweg des staatlichen Schulsystems. Mit seinen guten Manieren, dem persönlichen Chauffeur und faltenfrei gebügeltem Blazer wirkt Charlie dort einigermaßen fehl am Platz, woran ihn der Schulrowdy mit Hilfe der Toilettenspülung dann auch in regelmäßigen Abständen erinnert. Charlies neurotische Mutter tut derweil das für sie Naheliegende und schickt ihren Sprössling zum Psychiater. Der diagnostiziert ein Aufmerksamkeitsdefizit, verschreibt dem Patienten Ritalin und löst damit auf einen Schlag sämtliche Probleme - allerdings anders, als er denkt.

Jon Polls gar nicht streberhafte Komödie bietet mit Sex, Drogen und Rock'n' Roll die üblichen Zutaten des anti-autoritären Rebellentums, allerdings in etwas anderer Gewichtung: Auf die erste Liebe muss Charlie eine ganze Weile warten, dazu trällert er am liebsten alte Fernsehmelodien am Klavier. Mit Drogen auf Rezept ist er hingegen so gut eingedeckt, dass er sämtliche Mitschüler versorgen kann. Und das geht so: Erst lässt sich Charlie die Symptome der Gestressten und Depressiven schildern, dann macht er als angeblicher Patient bei den Seelenklempnern die Runde und sackt von Prozac bis Xanax alles ein, was wirksam und teuer ist.

In einer köstlichen Szene verwandelt sich eine harmlose Schulfeier durch den Zusatz von Ritalin in eine Hippie-Orgie, was die Doppelmoral in Bezug auf legale und illegale Drogen in das hübsche Bild ausflippender Pennäler fasst.

Natürlich ist "Charlie Bartlett" kein Film über einen Drogenhändler, sondern das Porträt eines zu Hause allein gelassenen Snobs, der sich nach Anerkennung sehnt und immer krumme Wege findet, sie zu ergattern. Im Grunde ist Charlie sogar der gute Samariter der Schülerschaft, weil er in seiner Praxis auf dem Herrenklo für jeden ein offenes Ohr hat und ohne Aufpreis menschlichen Zuspruch und psychologische Beratung bietet. Seine Mitschüler danken es ihm mit langen Warteschlangen, was selbst dem von Robert Downey Jr. gespielten Schuldirektor nicht ewig verborgen bleibt. Als letzterer Überwachungskameras auf dem gesamten Gelände installieren lässt, kommt es zur offenen Rebellion.

Wacher Kopf

Leider verzettelt sich Jon Poll zu oft in halbgaren Nebenhandlungen, um die Wiedergeburt der Schulkomödie tatsächlich einleiten zu können. Doch immerhin kämpft sein Titelheld wacker gegen die kränkelnde Gesellschaft der Erwachsenen und verschreibt sich und seinen Mitschülern neben der falschen auch die richtige Medizin: die Einsicht, dass einen ein wacher Kopf am weitesten bringt.

Charlie Bartlett, Regie: Jon Poll, USA 2007, 97 Minuten.

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