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Die 15-jährige Ballettänzerin Karina ist, allen Widerständen zum Trotz, Sashas Freundin in Gorchilins „Acid“.

Go East Festival in Wiesbaden

Säure in einem Taufbecken

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Auf dem Go East Festival in Wiesbaden zeigen osteuropäische Filmemacher die Gegenwart.

Beim diesjährigen „Go East Festival“ für Mittel- und Osteuropäischen Film zeichnen sich klare Tendenzen ab. Insbesondere der Generationenkonflikt zwischen den in der Sowjetunion aufgewachsenen alten und den in kapitalistischen Verhältnissen lebenden jungen Menschen spielt eine zentrale Rolle. Aber auch der Stellenwert der Religion im heutigen Osteuropa wird filmisch erforscht.

Der Film „Strip and War“ von Andrei Kutsila hat zunächst einmal eine vielversprechende Grundidee: Der junge Anatoliy arbeitet als Stripper. Sein Großvater hingegen, mit dem er zusammenwohnt und um den er sich kümmert, ist ein ehemaliger Militär und glühender Anhänger des Sozialismus. Die sich im Titel bereits andeutende Parallelsetzung wird konsequent weiterverfolgt, vielleicht ein bisschen zu sehr. Anatoliy, der junge Stripper auf der einen Seite, sein militärischer Großvater auf der anderen. Das wird filmisch immer wieder unterstrichen. Dafür stehen Kameraeinstellungen aus der Wohnung der beiden. In der Bildmitte eine Wand, rechts und links in getrennten Räumen Großvater und Enkel. Anatoliy arbeitet nachts und schläft tagsüber, bei seinem Großvater ist es umgekehrt. Man hat das spätestens in der Mitte des Filmes verstanden, trotzdem wird das bis zum Schluss wiederholt. Hier verschenkt der Film Subtilität, das Prinzip seiner Machart drängt sich dem Zuschauer zu sehr auf.

„Strip and War“: Anatoliy bei der Arbeit. 

Dann gibt es aber auch Momente, in denen die beiden zueinander finden. Zwar wird der Großvater nicht müde, seinem Enkel zu sagen, dass er von seinem Beruf und den Ambitionen nichts hält und predigt militärische Werte. Anatoliy wirft ihm Gestrigkeit vor und enttarnt die Arbeitsmoral seines Großvaters als Bereitschaft zum Sklaventum. Trotzdem gehen die beiden sehr zärtlich miteinander um. Im Krankenhausbett hält der Großvater fest, dass Anatoliy das Wichtigste in seinem Leben ist.

Der Film schöpft reichlich aus dem Humor, der sich durch diese Opposition ergibt. Es wird hin und her geschnitten zwischen absurden Striptease-Einlagen auf Junggesellinnenabschieden und dem Großvater, der vor dem Fernseher in sowjetischer Nostalgie versinkt. Die Szene, in der der Großvater eine Amerikaflagge bügelt, die Teil eines Stripperoutfits seines Enkels ist, steht pars pro toto für diesen Humor. Das ist so witzig gemacht, dass man beim Schauen vergisst, wie redundant das ist.

„Acid“, das Regiedebüt von Alexander Gorchilin

Ein anderer Film, der sich ebenfalls mit dem Generationenkonflikt befasst, ist „Acid“, das Regiedebüt von Alexander Gorchilin. Nachdem ein Freund sich auf einem LSD-Trip umgebracht hat, verlieren die Freunde Sasha und Petya den Draht zueinander. Petya, der sich absichtlich mit Säure den Mund veräzte, taucht unter.

Auch in diesem Film spielt der Generationenkonflikt eine zentrale Rolle: Die in Kambodscha lebende Mutter von Sasha versucht vergeblich, eine Verbindung zu ihrem Sohn herzustellen, der dies ablehnt. Auch die Eltern von Petya haben sich vor längerer Zeit von ihrem Sohn abgewandt, der im Film alleine in Moskau nach etwas sucht, von dem nie so ganz klar ist, was das sein könnte.

Gorchilin beherrscht eine subtile und gleichzeitig sehr präzise Bildsprache. Man wird nicht richtig schlau aus seinen Figuren, die wie in Trance durch Moskau, Drogenexzesse, Sexexperimente und Perspektivlosigkeit taumeln. Dafür steht eine Traumszene: Sasha läuft alleine über ein verschneites Feld, mehrmals läuft sein toter Freund mit nichts als einem umgeworfenen Bettlaken bekleidet an ihm vorbei und schreit. Dann taucht auf dem Feld plötzlich ein schlecht animiertes 3D-Baby auf, das auf einmal wie eine Feuerwerksrakete in den Himmel schießt und dort explodiert. Die verschobene Art, mit der diese Traumelemente mit dem Rest des Filmes assoziiert werden, gelingen. Ein weiteres Bild findet sich am Ende des Films: Sasha kippt Säure in ein Taufbecken, in das anschließend ein Säugling untergetaucht werden soll. Das tragende Motiv der Säure erhält hier eine religiöse Konnotation, die Schockwirkung beim Zuschauer sitzt.

„God Exists, Her Name Is Petrunya“

Das Moment des Religiösen verbindet diesen Film mit „God Exists, Her Name Is Petrunya“. Die 31 Jahre alte Petrunya hat Geschichte studiert, ist übergewichtig und hat keine Chance, einen Beruf zu erlangen. Als am Dreikönigstag traditionell ein gesegnetes Kreuz von einem Priester in den Fluss geworfen wird, ist sie es und nicht die Männer, die das Kreuz wieder aus dem Fluss holt. Der daraus erwachsende Skandal lichtet die verkrusteten patriarchalen Strukturen ab, die Mazedonien nach wie vor beherrschen. Petrunya will das Kreuz nicht hergeben, koste es, was es wolle. Feminismus ist in Mazedonien zwar bereits angekommen, was sich in der Rolle der Reporterin abbildet, die diesen Skandal abzufilmen versucht, allerdings stößt er auf patriarchale Widerstände.

„The Curse of the Hedgehog“: Kaum Teppiche ohne Löcher.

Im Rahmen des Symposiums „Konstruktionen des Anderen“ wandte man sich in diesem Jahr den vorurteilsbelasteten Sinti und Roma zu. Im Dokumentarfilm „Merry Is the Gipsy Life“ wirft die Romni Ludmila Zhivkova einen genauen Blick auf die wenig beleuchtete Geschichte der Roma und Sinti während des Zweiten Weltkriegs. Dieser Dokumentarfilm geht auf der einen Seite sehr historisch vor, indem Archivaufnahmen und Rechercheergebnisse präsentiert werden, bietet aber auch einfühlsame Gespräche mit Zeitzeugen.

Besonders klare Einblicke in das Leben der Sinti und Roma vermittelte der Film „The Curse of the Hedgehog“ von Dumitru Budrala. Beinahe kommentarlos filmt er den Alltag einer in bitterster Armut lebenden Romafamilie in Rumänien ab. Weil diese in ihrem Dorf nicht die geringste Möglichkeit zum Arbeiten bekommt, wildern sie in den Wäldern Holz, um daraus Löffel, Körbe und Besen zu fertigen, die sie auf 40 Kilometer langen Tagesmärschen in der Umgebung für Centbeträge versuchen, an den Mann zu bringen. Man ist mitgenommen von den prekären Verhältnissen und den Stereotypen, unter denen sie leiden. In Erinnerung bleibt einem der spezielle Galgenhumor, den Menschen unter diesen Umständen entwickeln und den sie selbst in den übelsten Situationen nie ablegen.,Sicherlich kann dieser Film Vorurteile gegenüber dieser Bevölkerung abbauen, die in Rumänien nach wie vor präsent sind.

Go East Festival in Wiesbaden und Mainz: bis 16. April. www.filmfestival-goeast.de

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