ProSiebenSat1

Die Säulen eines Senders

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ProSiebenSat1 trennt sich auch von seinem Vorstandsvorsitzenden.

Die Münchner TV-Gruppe erlaubt sich mitten in der Corona-Krise den Rauswurf ihrer Führungsspitze. Nachdem erst vor zwei Wochen das Ausscheiden von Konzernvize Conrad Albert verkündet wurde, entlässt der Aufsichtsrat von ProSiebenSat1 nun auch den Vorstandsvorsitzenden Max Conze. Er wird das Unternehmen mit sofortiger Wirkung verlassen, teilte das Unternehmen ohne Begründung mit. Auch auf Nachfragen schweigt man.

Albert geht Ende April. Zum neuen Sprecher des Vorstands, nicht aber dessen Vorsitzenden hat Aufsichtsratschef Werner Brandt Finanzchef Rainer Beaujean bestimmt. Dem jüngsten Rauswurf vorausgegangen waren monatelange Machtkämpfe im Topmanagement, bei denen Conze schlechte Personalführung und strategische Defizite angelastet wurden.

Der 50-Jährige hatte vor ProSiebenSat1 beim Staubsaugerhersteller Dyson gemanagt und war vor knapp zwei Jahren branchenfremd an die Spitze der TV-Gruppe gestoßen. Das gilt auch für Beaujean, der vergangenen Sommer vom Verpackungskonzern Gerresheimer zum Konzern mit Sendern wie Pro Sieben, Sat 1 und Kabel 1 gekommen war. Neu in den Vorstand berufen werden nun der für das TV-Kerngeschäft zuständige Wolfgang Link und Personalchefin Christine Scheffler.

„Ich habe volles Vertrauen in das neue Vorstandsteam“, versichert Brandt. Der ehemalige SAP-Vorstand ist allerdings auch in Aktionärskreisen umstritten. Der neuen ProSiebenSat1-Führung gibt er zugleich einen Strategiewechsel mit auf den Weg. Die nicht erst seit der Corona-Pandemie massiv unter Druck geratenen TV-Gruppe werde sich ab sofort wieder stärker auf Unterhaltung konzentrieren und bestehende Beteiligungen „zu gegebener Zeit“ veräußern, erklären die Münchner.

In der Tochter NuCom hat ProSiebenSat1 derzeit vor allem eine Reihe von Datingplattformen wie Parship gebündelt, die auf den TV-Sendern der Gruppe wertsteigernd beworben werden. Mit dieser Säule des Geschäfts wollte sich ProSiebenSat1 unabhängiger vom TV-Geschäft machen, das durch Streamingdienste wie Netflix angegriffen wird.

Diese Zweigleisigkeit wird nun offenbar beendet. Im Fokus steht ab sofort wieder Fernsehen in seiner linearen aber auch digitalen Form. Dazu hat ProSiebenSat1 zuletzt die Streamingplattform Joyn aus der Taufe gehoben, auf der man auch mit ARD und ZDF kooperiert. Deren digitale Reichweite soll nun ausgebaut werden, kündigte ProSiebenSat1 an. „Dieses Unternehmen hat weit mehr Potential, als ihm derzeit extern beigemessen wird“, sagt Beaujean. Er zeigte sich zuversichtlich, dass ProSiebenSat1 gestärkt aus der Corona-Krise herauskommen werde.

Ob damit das letzte Wort schon gesprochen ist, kann man allerdings bezweifeln. Denn im Zuge der Corona-Krise mit stark verfallenden Aktienkursen hat der italienische Mediaset-Konzern der Berlusconi-Familie seine Beteiligung an der Münchner TV-Gruppe von 15 auf 20 Prozent aufgestockt. Das gilt auch für eine zweite Aktionärsgruppe um den tschechischen Investor Daniel Kretinsky, die ihre Anteile von fünf auf zehn Prozent ausgebaut hat.

Gemeinsam gehen beide Investorengruppen offenbar nicht vor. Kretinsky stehe hinter der aktuellen Strategie von ProSiebenSat1, heißt es in München. Bei der Berlusconi-Familie ist das eher nicht so. Seit vergangenem November gibt es aber keinen offiziellen Kontakt von Mediaset mit den Münchnern mehr. Die Italiener planen eine europäische TV-Holding, in die auch ProSiebenSat1 eingebaut werden könnten. An der Börse ist der Konzern noch rund 1,7 Milliarden Euro wert. Mediaset und andere Interessenten könnten derzeit weiter günstig zukaufen und die Macht übernehmen. Dann würden die Karten in München strategisch ohnehin neu gemischt. Die Hauptversammlung am 10. Juni dürfte interessant werden.

ProSiebenSat1ist neben RTL die hier zu Lande größte private TV-Gruppe mit rund 7000 Beschäftigten und im Jahr 2019 über vier Milliarden Euro Umsatz. Der Aktienkurs hat sich binnen Jahresfrist allerdings halbiert. Diese Entwicklung hat lange vor der Corona-Pandemie begonnen, sich währenddessen aber massiv beschleunigt. Fernsehen ist in Corona-Zeiten weiterhin gefragt, weil sich das Leben fast nur noch in den eigenen vier Wänden abspielt. Bei fast der Hälfte aller aktuell von der Unternehmensberatung Deloitte befragten TV-Zuschauer läuft das eigene Gerät derzeit täglich um rund zwei Stunden länger als vor der Pandemie.

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