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Bruce Reynolds (links), Anführer der legendären Postzugräuber von 1963, und sein Sohn Nick.

"Die Gentlemen baten zur Kasse"

Säcke voller Geld

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Der Jahrestag eines Raubüberfalls ist normalerweise kein Grund für sonderliche Medienresonanz. Doch vor 50 Jahren ereignete sich ein Verbrechen, das zur Legende wurde. Arte widmet dem größten Eisenbahnüberfall aller Zeiten einen zweiteiligen Dokumentarfilm. Und bringt interessante Erkenntnisse zutage.

In der Nacht des 8. August 1963 wurde der Postzug zwischen London und Glasgow an einer einsamen Stelle gestoppt und einer der Waggons ausgeraubt. Die Beute: 128 Säcke voller Banknoten, die für den Schredder vorgesehen waren – nach heutigem Wert circa 50 Millionen Euro.

Das spektakuläre Verbrechen fasziniert bis heute, nicht allein wegen des beeindruckend hohen Betrages. Der von Arte gemeinsam mit ServusTV – dort wird er am 7. und 9. August ausgestrahlt – produzierte Film „Die Gentlemen baten zur Kasse“ ist selbst bereits Ausdruck dieses Phänomens: netto 160 Minuten für ein Kapitalverbrechen – soviel produktionstechnischer und zeitlicher Aufwand gilt sonst vor allem großen Ereignissen der Zeitgeschichte.

Ein Raub wird zum Medienereignis

Wenn die Filmautoren Carl-Ludwig Rettinger und Martin Witz die Geschichte dieses Jahrhundertverbrechens ausbreiten, dann gilt ihre Aufmerksamkeit auch immer der Frage, warum es zur Legende werden konnte. Die Antwort ist komplex. Zunächst einmal wurden die Tat und auch die unmittelbar danach einsetzende Polizeiarbeit wie nie zuvor zu Themen der modernen Medien, insbesondere des Fernsehens. In der Dokumentation enthalten sind Ausschnitte aus dem britischen Fernsehen, das seinerzeit live vom verlassenen Versteck der Gangster berichtete, wo sich zahlreiche Schaulustige versammelt hatten, während im Hintergrund Heerscharen von Polizisten mit der Spurensuche beschäftigt sind. Dank des Medienechos war auch die nachgerade generalstabsmäßige Planung des Coups und dessen fast gewaltfreie Durchführung allgemein bekannt. Große Teile des Publikums rückten die Verbrecher in die Nähe Robin Hoods. Doch ob die Bevölkerung nun wohlwollend oder ablehnend eingestellt war – die Suche nach den Tätern wurde zu einem hochspannenden Krimi, wie ihn ein Romanautor sich nicht besser hätte ausdenken können.

Eine Geschichte in Fortsetzungen, die immer besser wurde, nicht nur als Krimi, sondern als personalreiches Epos mit komischen und tragischen Passagen, Triumphen und Niederlagen: Nachdem einige der Eisenbahnräuber gefasst und verurteilt worden waren, gelang zweien unter wahrlich spektakulären Umständen die Flucht. Einer von ihnen, Ronald Biggs, beim Raub ursprünglich eher eine Randfigur, wurde regelrecht zum Popstar, weil er seinen Verfolgern immer wieder ein Schnippchen schlagen konnte. Er lebte unbehelligt als öffentliche Person in Brasilien und wurde vielfach bewundert. Die Sex Pistols und auch die Toten Hosen nahmen Platten mit ihm auf. Der Dokumentarfilm schildert ausführlich, was angesichts der Verherrlichung Biggs oft unerwähnt blieb: Die Flucht hatte ihn nicht nur seine Familie, sondern auch sein ganzes Geld gekostet. Sein Dasein in Rio war weit entfernt von dem eines Gentleman-Verbrechers und Lebemanns.

Dies war zumindest zeitweilig dem eigentlichen Kopf der Bande vergönnt, Bruce Reynolds. Nach einer langwierigen Flucht, die nicht minder clever organisiert war wie der Überfall, verbrachte er mitsamt seiner Familie einige gute Jahre in den USA und in Mexiko. Glücklich wurde er dadurch nicht. Wie Biggs, zog es ihn in gehobenem Alter zurück nach England. Wo er gefasst und verurteilt wurde. 1978 wurde ihm eine vorzeitige Entlassung gewährt. Er starb Anfang 2013. Bruce Reynolds‘ Sohn Nick, heute bekannt als Mitglied der Band Alabama 3 – von ihr stammt der Titelsong der US-Serie „Die Sopranos“ – zählte zu den Interviewpartnern der Filmautoren. Er erlebte die Flucht seines Vaters als kleines Kind, Super-8-Aufnahmen aus Familienbesitz dokumentieren diese Zeit.

Ein Fernsehklassiker mit Horst Tappert

Durch den enormen Widerhall in den Medien ist der große Eisenbahnraub von 1963 für Dokumentarfilmer ein dankbares Thema. In den Archiven lagern Wochenschau- und Fernsehberichte, ältere Zeitzeugengespräche, sogar Talkshow-Auftritte. Und ein besonderes Kuriosum: Im Jahr 1998 überreichte der frühere Strafgefangene Bruce Reynolds dem deutschen Schauspieler Horst Tappert im Rahmen einer festlichen Gala den von ARD und ZDF vergebenen Fernsehpreis „Telestar“ für sein Lebenswerk. Reynolds‘ Einladung war eine Reminiszenz an eine von Tapperts bekanntesten Rollen: 1966 hatte er in der deutschen Verfilmung des Zugüberfalls den Anführer der Bande gespielt. Zwar hatte man den Namen verändert, aber bei dem Part handelte es sich um Bruce Reynolds. Der Dreiteiler, damals ein Fernsehereignis, trug den in die Umgangssprache eingegangenen Titel „Die Gentlemen bitten zur Kasse“. Er basierte auf einer Artikelreihe des „Stern“, die zuvor bereits als Buch erschienen war. Der „Stern“-Reporter Henry Kolarz, der auch am Drehbuch mitwirkte, und ein Kollege waren als Korrespondenten in England bei der Gerichtsverhandlung gegen die Zugräuber zugegen gewesen.

Obwohl in Ermangelung der nötigen Drehgenehmigungen nicht an Originalschauplätzen, sondern zum größten Teil in Deutschland gedreht, wirkte das von John Olden und Claus Peter Witt detailfreudig inszenierte Dokumentarspiel sehr authentisch. Das tut es bis heute, sodass Carl-Ludwig Rettinger und Martin Witz der Versuchung erlagen und zahlreiche Szenen aus dem bei aller Realitätsnähe doch fiktionalen Fernsehfilm übernahmen. Dieser übermäßigen Verwendung des Fremdmaterials ist es denn auch zu verdanken, dass der schon im Titel auf den TV-Klassiker abhebende Dokumentar-Zweiteiler merklich zu lang ausfiel. Etliche Inhalte hätten ohne Verlust bündiger erzählt werden können, das lange Verweilen bei der Totenfeier für Bruce Reynolds gegen Ende des zweiten Teils war gänzlich überflüssig.

Der zweite Teil, der beinahe ohne Spielfilmszenen auskam, verfolgte die weiteren Lebensgeschichten der Zugräuber, ihre Fluchtwege und Haftjahre und die Zeit danach. Auch fand ein sonst selten erwähnter Aspekt Beachtung: Der Fall der Posträuber war zugleich ein Justiz- und ein Polizeiskandal. Hier wurden nun nicht mehr nur Stationen aufgezählt, vielmehr kam mit dem menschlichen Faktor Nachdenklichkeit ins Spiel und die allgemeingültige Frage: Was passiert eigentlich, wenn der Wunsch nach einem sorglosen Leben in Erfüllung gegangen ist? Diese Haltung machte den zweiten Teil der Dokumentation zum inhaltlich wertvolleren. Wobei ohne die Informationen aus Teil 1 die Wirkung vermutlich geringer ausgefallen wäre.

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