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Auch die talentierte Sonja Gerhardt kann das Expositions-Dialog-Gerippe zu keinem Zeitpunkt mit Leben füllen.
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Auch die talentierte Sonja Gerhardt kann das Expositions-Dialog-Gerippe zu keinem Zeitpunkt mit Leben füllen.

„Jack the Ripper“, Sat 1

Sack überm Kopf

Der Sat1-Eventfilm über den legendären Londoner Prostituiertenmörder „Jack the Ripper“ schrammt nur haarscharf an der unfreiwilligen Komik vorbei und hat sein eigenes Thema nicht verstanden.

Von D.J. Frederiksson

In den späten 90ern veröffentlichte Alan Moore sein Comic-Inferno „From Hell“, ein 600-Seiten-Mammutwerk über Jack the Ripper, in dem er penible Recherche, sinistre Verschwörungstheorie und mystische Prophezeiungen durchmischte. Danach geschah das tragisch Unausweichliche: Das Buch wurde verfilmt. Und aus einem der finstersten, unverdaulichsten und in jeder Hinsicht grauenerregendsten Werk der Comicgeschichte wurde ein üppig ausgeleuchteter Hollywoodfilm. Der plumpe Altpolizist wurde durch einen schmucken Johnny Depp mit hellseherischen Fähigkeiten ersetzte und die ungewaschene Straßenhure durch die weißhäutige Bohnenstange Heather Graham – beide entschieden unbritisch.

Mit dieser Art Albernheit rechnet man natürlich auch, wenn sich nun Sat1 eher ungebeten an einer Verfilmung der Kriminallegende versucht. Tatsächlich rechnet man sogar mit weit schlimmerem, spätestens wenn man die Website zum Film besucht und gleich mal gefragt wird: „Bist du Jack the Ripper? - Mach jetzt den Test!“

Und tatsächlich strahlen auch hier die Zahnreihen weiß und perfekt vor sich hin, die Sets sind elegant ausgeleuchtet, und selbst der Schmutz sieht noch schillernd und sexy aus. So weit, so vorhersehbar: Eine realistische Darstellung der hygienischen Zustände im  prä-industriellen Rotlichtslum vor 130 Jahren würde das heutige Fernsehpublikum wohl auch schwerer traumatisieren als manches Pasolini-Spätwerk.

Auch die historischen Verfälschungen ist man inzwischen gewöhnt. Der legendenumrankte Chefermittler Abbeline, ausgewählt in Wirklichkeit für seine langjährige Erfahrung und seine kühlen Analysen, wird (wie schon in Hollywood) zum heißblütigen Helden-Liebhaber. Neu dagegen ist die krampfhaft herbeifantasierte Deutschlandverbindung: Indem man aus dem polnisch-russischen Juden Aaron Kosminski kurzerhand den deutschen Bürgersohn Jakob Kosminski macht, bringt man schnell ein hübschen deutschen Mädel als Hauptfigur ins Spiel.

Nun könnte man noch sehr lange darüber schreiben, wie die eigentlich talentierte Sonja Gerhardt dieses Expositions-Dialog-Gerippe zu keinem Zeitpunkt mit Leben füllen kann, auch wenn sie durch noch so viele unmotivierte Kampf- und Fluchtsequenzen gehetzt wird. Wie unfassbar albern der Mörder mit Leinensack überm Kopf wirkt. Und überhaupt: wie künstlich und streckenweise dilettantisch dieser Film daherkommt; wie die unnatürlichen Schärfewechsel zwischen realen Schauspielern und digitalen Hintergründen nach Photoshop aussehen; und wie der ganze Film, selbst die Passagen der deutschen Darsteller, komplett nachsynchronisiert scheint.

Aber das sind nur oberflächliche Makel. Die eigentliche Sünde besteht darin, dass Sat1 den eigentlichen Horror dieses „ersten Serienkillers der Geschichte“ einfach nicht verstehen will. Und nicht nur, weil – absurde Ironie der Geschichte – die berühmteste unaufgeklärte Mordserie der Geschichte hier kurzerhand ein Happy End mit vollständiger Aufklärung bekommt. Sondern auch, weil die neue Theorie wieder mal mit einer Verschwörung des Establishments zu tun hat.

Und spätestens damit beweist jemand, dass er fundamental das Genre nicht verstanden hat. Natürlich darf Jack bei Sat1 kein wahlloser Killer sein. Natürlich ist es hier erneut eine falsche Fährte, dass es anonyme Huren trifft – es war natürlich alles geplant. Doch die grauenhafte Wahrheit, die uns hinter der Ripper-Geschichte (und hinter allen anderen Serienkiller-Narrationen) so reizt und zugleich erschreckt, ist eben genau die Wahllosigkeit, die Zusammenhangslosigkeit, die Unvorhersehbarkeit. Der eigentliche Schrecken besteht nicht darin, dass der Fall nicht aufgeklärt ist, sondern dass es vielleicht aufzuklären, nichts zu verstehen gibt. Die Anonymität sowohl der Opfer als auch des Täters – das ist der Stoff von gesellschaftlichen Alpträumen. Jack the Ripper, wie sein selbstgewählter Name schon sagte, ist ein Niemand – und dadurch ein Jedermann.

Der Website-Aufmacher „Bist du Jack the Ripper? Mach jetzt den Test“ liefert also unabsichtlich eine ganz neue, beängstigende Perspektive – es könnte jeder sein, auch wir selbst. Aber soweit will diese Verfilmung natürlich nicht gehen – und verpasst damit das eigentliche Thema dieses Stoffs und seines Genres. Natürlich muss der Ripper hier ein Fernsehfilm-Bösewicht sein, den man verstehen, vorhersehen und schließlich zur Strecke bringen kann. Alls andere wäre wirklich, wirklich angsteinflößend.

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