Als Kommissar Stellbrink muss Devid Striesow gelegentlich dem Bösen seine Grenzen aufzeigen. Zur Not mit entsicherter Waffe.
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Als Kommissar Stellbrink muss Devid Striesow gelegentlich dem Bösen seine Grenzen aufzeigen. Zur Not mit entsicherter Waffe.

"Tatort"-Kommissar Devid Striesow

Saarbrücken-Tatort macht auf Spaghettiwestern

Devid Striesow liebt seinen Jens Stellbrink, den verrückten „Tatort“-Ermittler aus Saarbrücken. Und dreht demnächst erst mal einen Nazi-Film.

Von Torsten Wahl

Der Mann, der da in Jogginghose, Leinenjäckcken und mit einem altertümlichen Helm auf einem klapprigen roten Mofa zum „Tatort“ gefahren kommt, sieht eher aus wie ein Hühnerzüchter oder Schrebergärtner. Doch es ist der Kriminalhauptkommissar aus Saarbrücken! Schon in seinem ersten Fall war Devid Striesows „Tatort“-Ermittler Jens Stellbrink durch ein bizarres Outfit aufgefallen: Er bestritt fast die Hälfte der Ermittlungen in Gummistiefeln und kurzer Hose.

Die Reaktionen auf Striesows ersten ?Tatort? waren denn auch, um es freundlich zu sagen, sehr geteilt, sowohl bei den Kritikern als auch bei den Zuschauern. Selbst der einheimische Saarländische Rundfunk fand bei Straßeninterviews Urteile von „erfrischend anders“ bis zu „an den Haaren herbei gezogen“. Bei einer Abstimmung im Online-Portal Moviepilot gaben fast siebzig Prozent der Zuschauer dem neuen Saarland-„Tatort“ die allerschlechteste Note. Wohl noch nie ist ein Fernsehfilm mit Devid Striesow derartig verrissen worden – und noch nie erreichte einer mehr als neun Millionen Zuschauer.

Striesow selbst ist von den Urteilen nicht überrascht, allenfalls von der Heftigkeit, mit der sich manche über einen Fernsehkrimi aufregten. „Wir hatten natürlich darauf gehofft, dass sich die Reaktionen nicht einfach so verlaufen.“ Klar war ihm und dem Team allerdings: „Wir wussten: Die ‚Tatort‘-Gemeinde, die ein ganz klares Bild von einem Ermittler hat, die wird toben.“

Schrulliges Outfit und Western-Parodie

Das schräg-schluffige Outfit seines Jens Stellbrink sei kein Zufall, sondern Konzept. Striesow spricht von der „Anlage unkonventioneller Möglichkeiten“ und dem „potenzierten Ungewöhnlichsein“. Vor allem aber machten ihm die Dreharbeiten einfach Spaß: „Jeder Drehtag ist doch ein herrlicher Tag. Die Kamera guckt mir bei Dingen zu, die ich selbst nie tun würde“, sagt er.

Am Sonntag nun muss Striesow als Kommissar Stellbrink seinen zweiten „Tatort“-Fall lösen. Und er wird wieder viel auf seinem Mofa sitzen. Was ihm offenkundig viel Spaß bereitet. In einer Szene fährt er mit seinem Mofa von hinten durch einen Konvoi von Motorrad-Rockern hindurch und bringt sie zum Stehen. Dabei hat Striesow, wie er stolz erzählt, für den Kinofilm „Drei“ überhaupt selbst eine Motorrad-Fahrerlaubnis gemacht.

Rund um die Motorrad-Gang kreist dieser „Tatort: Eine Handvoll Paradies“. Eine wilde Schießerei wie in einem Spaghetti-Western eröffnet den Film, eine westernartige Hinrichtungsszene in einer leeren Fabrikhalle wird zum finalen Showdown. Nachdem der erste Stellbrink-„Tatort“ mit den Mitteln des Märchens gearbeitet hatte, spielt der Nachfolger also mit den Mitteln des Western.

Wobei der Krimi allenfalls als „Western-Parodie“ daher kommt. Denn die Banditen, die „Dark Dogs“, wirken gelegentlich bösartig, oft aber nur lächerlich. Da man die Motorrad-Rocker nicht richtig ernst nehmen kann, wirken sie kaum bedrohlich – und die Frage, wer einen der ihren umgebracht hat, interessiert nicht wirklich. Devid Striesow verteidigt den Stilmix: „Jeder Western ist doch im Grunde eine Parodie!“

Er selbst hat noch eine Szene, die den Film bis an die Grenze zur Posse überdreht: Nach einem Schlag auf den Hinterkopf durchlebt Stellbrink einen Albtraum, im dem er selbst in der Lederkluft der „Black Dogs“ erwacht und einen Wortwechsel zwischen zwei Rockern nachspielt. Die Szene stand nicht im Drehbuch, verrät Striesow. Er habe einfach den Darsteller eines Rockers, der eine auffällige Stimme habe, in den Drehpausen gern nachgemacht und das Team zum Lachen gebracht. Kurzentschlossen sei er in der Maske zum Rocker mit Segelohren gemacht worden und habe die Szene nachgespielt.

Dritter Saarland-„Tatort“ in Arbeit

Mit dem Regisseur dieses „Tatorts“ Hannu Salonen sieht sich Devid Striesow auf einem „Energielevel“. Für die ersten beiden Filme, die im letzten Sommer hintereinander gedreht wurden, hatte das Team insgesamt nur 41 Tage Zeit – das verlange viel Konzentration. Derzeit steht Striesow schon für den dritten Saarland-„Tatort“ vor der Kamera – wiederum mit Regisseur Salonen.

Das eigentliche Problem des Saarland-„Tatorts“ sind aber nicht der allzu schräger Held und ein allzu ausgeprägter Stilwille, sondern die allzu klapprigen Drehbücher. Dieses Manko hatten schon Striesows Vorgänger Maximilian Brückner und Gregor Weber öffentlich kritisiert – und waren dafür geschasst worden.

Auch der aktuelle Fall, von Felice Götze ausgedacht, wirkt oft hanebüchen, scheint es darauf anzulegen, jede Krimispannung schon im Ansatz zu zerstören. Devid Striesow sieht das naturgemäß anders und verweist auf die Kompetenz des verantwortlichen Redakteurs vom Saarländischen Rundfunks, der selbst Krimis schreibe und die Drehbücher im Konsens mit Regisseur und ihm auswähle.

Wesentlich ernsthafter aber dürfte es beim Filmprojekt „Wir sind jung. Wir sind stark“ zugehen, das ihn demnächst in seine eigene Biografie zurückführt. In einem Spielfilm über die ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen spielt er den Vater eines beteiligten Jugendlichen. 1992 lebte Devid Striesow selbst in Rostock, machte sein Abi und trug lange Haare – und musste sich abends immer vorsehen, wollte er nicht zwischen Neonazis geraten.

"Tatort: Eine Handvoll Paradies", Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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