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Pressefreiheit in Russland: Nun ist auch die letzte Zeitung bedroht.

Russische Medien

Pressefreiheit in Russland: Zeitung kämpft gegen Kreml-Kontrolle

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Eine der letzten unabhängigen Qualitätszeitungen Moskaus droht unter Kontrolle des Kreml zu geraten. Schlechte Nachrichten für die Pressefreiheit in Russland.

  • Um die Pressefreiheit in Russland steht es schon seit Jahren schlecht
  • Der Kreml kontrolliert mittlerweile die meisten Zeitungen des Landes
  • Nun ist auch die letzte Qualitätszeitung „Wedomosti“ bedroht

Moskau - Der geschäftsführende Chefredakteur habe schon klargemacht, wie er die Politik der Redaktion verändern wolle. „Solche Veränderungen untergraben das Vertrauen in unsere Zeitung.“ So fängt ein Artikel an, der kürzlich in dem angesehenen Wirtschaftsblatt „Wedomosti“ erschien. Ein Artikel über die „Mitteilungen“ (so die deutsche Übersetzung des Titels) selbst – und ihren neuen Chefredakteur Andrei Schmarow. Der habe verboten, künftig Umfragen des unabhängigen Meinungsforschungszentrums Lewada abzudrucken, habe Artikel durch verquere Überschriften entstellt oder ganz gestrichen.

Russland: Pressefreiheit der letzten Zeitung bedroht

In der Redaktion der „Wedomosti“, einer der letzten unabhängigen Qualitätszeitungen Russlands, wird erbittert gekämpft. Ihre Mitarbeiter befürchten, Schmarow wolle ihr Blatt auf Kremllinie bringen, sie schlagen dem Aufsichtsrat eine von ihnen gewählten Gegenkandidatin vor. Aber es gilt als fraglich, ob sie den neuen Chef wieder loswerden können.

Die „Wedomosti“, 1999 gegründet, werden auf rosa Papier gedruckt. Kein Zufall, die ersten Besitzer waren die damals noch niederländische Gruppe Independent Media sowie die Verleger des „Wall Street Journals“ und der – ebenfalls rosafarbenen – „Financial Times“. Die „Wedomosti“ übernahm deren Stil, ausführliche wirtschaftliche Berichterstattung, gründlich recherchiert und streng objektiv. 

„Unser Ruf basierte auf Transparenz und Vertrauen: zwischen Reportern und Redakteuren, Journalisten und Newsmakern“, heißt es in dem Redaktionsartikel. Bei aller Ausgewogenheit gelten die Analysen auf ihrer Meinungsseite als die vielleicht intelligenteste Regimekritik in derrussischen Presse. Das Blatt, Auflage 70.000, kann sich im Gegensatz zu anderen Moskauer Zeitungen erlauben, den Großteil seiner digitalen Artikel hinter eine Paywall zu stellen.

Pressefreiheit in Russland: Letzte Zeitung unter Kontrolle des Kreml

Die Machtansprüche des Kreml aber wuchern inzwischen auch in die Business- oder Börsenberichterstattung hinein. 2014 verbot die Staatsduma, Ausländern den Besitz von mehr als 20 Prozent eines russischen Massenmediums, die „Wedomosti“ mussten an den russischen Verleger Demjan Kudrjawzew verkauft werden. Der mischte sich zunächst kaum in die Arbeit der Redaktion ein, will das Blatt aber jetzt weiterverkaufen, an den Besitzer des kremlnahen Boulevard-Verlags Wersija und den Chefmanager der Investmentgruppe Arbat Capital. 

„Hinter beiden Strukturen steht der Staatskonzern Rosneft“, sagt Dmitri Muratow, Chefredakteur der ebenfalls noch unabhängigen „Nowaja Gaseta“. Rosneft-Direktor Igor Setschin gilt als Feind der Redaktion, verklagte sie 2016 erfolgreich wegen eines Artikels über den Bau einer Villa in der Nachbarschaft Wladimir Putins. Und eine der ersten Amtshandlungen des neuen „Wedomosti“-Chefs Schmarow war es, eine gemäßigt kritische Analyse über Setschins Arbeit als Rosneft-Manager aus der Internetausgabe zu werfen.

Das Portal meduza.io schreibt, Schmarow, Mitbegründer des linientreuen Wirtschaftsjournals „Ekspert“, sei vor dem Verkauf auf Drängen des Kreml eingesetzt worden. „Schmarow sagte uns sinngemäß, wenn die Redaktion überleben möchte, müsse sie auf die Wünsche der Präsidialverwaltung hören“, schreibt die Redakteurin Xenia Bolezkaja auf ihrem Telegram-Kanal. Schmarow staunte gegenüber der Nachrichtenagentur RIA Nowosti über die Unabhängigkeitsansprüche der Redaktion. „Wie kann ein Unternehmen unabhängig von der Leitung sein?“ Kremlsprecher Dmitri Peskow versicherte, man mische sich nicht in die inneren Angelegenheiten russischer Medien ein.

Zeitung unter Kreml-Kontrolle: Pressefreiheit in Russland verschlechtert sich

Doch nach Ansicht vieler Moskauer Journalisten hat der Kreml inzwischen fast alle großen Zeitungen mehr oder weniger vollständig seiner Kontrolle unterworfen. Auch Qualitätsmedien wie die Zeitung „Kommersant“ oder das Wirtschaftsportal RBK riskieren kaum noch direkte Kritik an Wladimir Putin und seiner Umgebung. Dmitri Muratow fürchtet, den Wedomosti könne es ergehen wie den meisten Hauptstadtblättern: „Sie sind so unabhängig wie russische Richter: Wenn es um die Interessen des Staates und der Geheimdienste geht, müssen sie diese Interessen vertreten. Wenn nicht, können sie nach der Faktenlage urteilen.“

Von Stefan Scholl

Tag der Pressefreiheit: Mahnende Stimmen in Zeiten von Corona. Die Presse wird stärker geknebelt. Autoritäre Regierungen nutzen dafür auch die Corona-Krise. Der Journalismus muss die Herausforderung annehmen.

Die ehemalige österreichische Außenministerin Karin Kneissl, die international vor allem dadurch bekannt wurde, dass sie Wladimir Putin im August 2018 zu ihrer Hochzeit in der Steiermark einlud, schreibt nun für den russischen staatlichen Medienkonzern „Russia Today“.

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