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"37 Grad: Mit 100 ist noch nicht Schluss", ZDF

Runter vom Sofa, raus ins Leben!

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Die Reportage zeigt drei rüstige alte Herrschaften, die das Leben auch mit 100 Jahren noch genießen.

Die meisten Menschen hoffen, alt zu werden. Andererseits fürchten viele, dieses Alter nicht genießen zu können. Gebrechlichkeit, Krankheiten, Altersarmut, Einsamkeit: Es gibt viele bedrohliche Faktoren. Yves Schurzmann stellt in seiner „37 Grad“-Reportage drei Menschen vor, deren Dasein Mut macht: Sie sind hundert Jahre oder älter. Der Film begleitet die beiden Frauen und den Mann in ihrem Alltag.

Natürlich sind sie nicht mehr so gut zu Fuß wie mit sechzig, aber ihre Mobilität ist deshalb nur unwesentlich eingeschränkt: Der hundertjährige Franke Hermann Körber, ein ehemaliger Landwirt, ist ständig mit seinem Elektromobil unterwegs; in seinen Garten fährt er bei gutem Wetter ohnehin jeden Tag. Inge Wolf aus der Nähe von Frankfurt ist 103, wirkt aber mindestens zwanzig Jahre jünger, weil sie großen Wert auf ihr Erscheinungsbild legt. Einmal in der Woche geht sie ins Fitnessstudio, und es klingt nicht wie eine Schmeichelei, wenn ihr der Trainer eine für ihr Alter erstaunliche Beweglichkeit attestiert. Ein Phänomen ist auch die Berlinerin Hildegard Lehmann, die wie Frau Wolf ohne Rollator auskommt und trotzdem ständig auf Achse ist.

Schurzmann beobachtet die drei alten Herrschaften mit einer Mischung aus Erstaunen, Bewunderung und Sympathie. Die beiden Frauen sind dabei die etwas dankbareren Protagonistinnen, weil Ex-Bauer Hermann nicht unbedingt redselig ist. Gerade Frau Lehmann ist offenbar unternehmungslustiger als manch’ anderer mit sechzig. Schurzmann begleitet sie unter anderem in ihre alte Heimat zum Jubiläumsfest eines Eisenbahnmuseums, wo sie auf einer Dampflok mitfahren darf; das Gefährt ist zwar uralt, aber dennoch deutlich jünger als sie. Am Ende geht Frau Lehmann, jahrzehntelang begeisterte Schlittschuhläuferin, im Rahmen einer Gala sogar aufs Eis, wenn auch zur Sicherheit auf vier (Stuhl-)Beinen. Die Ebene mit der alten Dame verdeutlicht unter anderem den Respekt, mit dem Schurzmann und sein Kameramann den Film gestaltet haben: Hilde Lehmann ist nur 138 Zentimeter groß; trotzdem schaut die Kamera nie auf sie herab, sondern ist in den Gesprächsszenen stets auf Augenhöhe.

Die Ausflüge von Herrn Körber und Frau Wolf sind weniger spektakulär. Anlässlich des Hochzeitstages fährt das Ehepaar Körber gemeinsam mit den Töchtern zu dem Ort, an dem es sich vor siebzig Jahren das erste Mal begegnet ist. Frau Wolf hat einen Termin mit dem bekannten Frankfurter Fotografen Karsten Thormaehlen. Er hat schon die halbe Welt bereist, um alte Menschen zu porträtieren; dass jemand problemlos in sein Studio kommen kann, weil Inge Wolf nach wie vor selbst Auto fährt, hat er auch noch nicht erlebt. Es ist ohnehin ein Vergnügen, dem Trio zuzuschauen; die knapp dreißig Minuten vergehen im Nu, weil Schurzmann die Verknüpfung der drei Handlungsstränge gut gelingt. Die sorgfältige Gestaltung des Films zeigt sich schon im Vorspann, der gewissermaßen auf Schaufensterscheiben projiziert wird.

Allerdings muss Schurzmann mit der Kritik leben, das Dasein seiner Protagonisten auf die schönen Seiten reduziert zu haben. Frau Lehmann Ausstieg aus der Lokomotive wirkt etwas waghalsig und vermittelt, dass Mobilität im Alter immer auch mit gewissen Risiken verbunden ist. Ansonsten signalisieren die Bilder vor allem, dass der Wagemut mit einem unvergesslichen Erlebnis belohnt wird. Dies ist auch die Botschaft des Films: runter vom Sofa, raus ins Leben!

Gerade die Gespräche bleiben jedoch Vieles schuldig. Das Trio blättert zwar hin und wieder in alten Alben, aber die Rückblicke beschränken sich auf die eigenen Biografien. Dabei hätten die drei sicher Einiges zu erzählen, schließlich haben sie hundert Jahre deutsche Geschichte erlebt; als Inge Wolf auf die Welt gekommen ist, war der Erste Weltkrieg noch nicht zu Ende. Die Frage, wie sich die Welt entwickelt habe, stellt Schurzmann ausgerechnet dem eher einsilbigen Körber. Der alte Mann deutet immerhin an, dass er es in jungen Jahren, als die wohlhabende Bauerntochter Eleonore ausgerechnet ihn, den Flüchtling und Habenichts, geheiratet hat, nicht leicht gehabt habe.

Umso seltsamer, dass Schurzmann solch’ eine Unterhaltung nicht auch mit der eloquenten Frau Wolf geführt hat. Sie hat in den Fünfzigerjahren Innenarchitektur studiert, als das für Frauen noch keineswegs selbstverständlich war, und immer gearbeitet, unter anderem als Geschäftsführerin. Sie war also in gewisser Weise eine Vorkämpferin, aber ihr Berufsleben wird nur beiläufig abgehandelt. Die Zeit des Nationalsozialismus, die alle drei als Jugendliche stark geprägt haben muss, kommt überhaupt nicht vor. Derart düstere Erinnerungen hätten vermutlich nicht ins Konzept gepasst, denn Schurzmann wollte vor allem „drei Menschen voller Tatkraft, Humor und Lebenserfahrung“ zeigen, wie es im ZDF-Pressetext heißt.

Reportage „37 Grad: Mit 100 ist noch nicht Schluss“, Sendetermin TV: Dienstag, 22.1., 22.15 Uhr, ZDF (ZDF-Mediathek, verfügbar bis 28.1.2020)

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