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Peter Kern, im Februar dieses Jahres auf den Filmfestspielen in Berlin.

Peter Kern gestorben

Er ruhe in Liebe

Zum Tod des verletzbaren Wiener Exzentrikers, Film- und Theaterkünstlers Peter Kern.

Von Ulrich Seidler

Der erfolgreiche und misserfolgreiche Wiener Schauspieler, Regisseur und Produzent Peter Kern ist im Alter von 66 Jahren gestorben. Der Sohn einer Jüdin und eines Wiener Kommunisten stand zuerst als Wiener Sängerknabe auf der Bühne, brach aber die harte Ausbildung nach einem Jahr ab, flog auch aus einer sich anschließenden kaufmännischen Lehre, nahm Schauspielunterricht, trat, mit beeindruckender gelockter Mähne, über 1000 Mal in dem Musical „Hair“ auf, war an der Burgenländischen Landesbühne in Eisenstadt engagiert und bekam 1971 seine erste Filmrolle, in Peter Lilienthals „Jacob von Gunten“.

Eine steile Karriere stand in Aussicht, er arbeitete mit Wim Wenders, Hans-Jürgen Syberberg, Rainer Werner Fassbinder und Peter Zadek. 1975 und 1978 wurde er beim Deutschen Filmpreis für die beste männliche Hauptrolle ausgezeichnet. Kern machte es dem Filmmarkt nicht leicht, ihn ganz hinauf auf die Starebene zu heben. Er legte als Freund der Unterdrückten, Kranken und Verarmten, zu denen er sich in Phasen seines Lebens zählte, wohl auch keinen Wert darauf, wollte stattdessen lieber seine eigenen Werke in die Welt setzen, die er ausgiebig bereiste. Seine frühe Hinwendung zu Kitsch, Trash und zur Trivialität konnte wiederum das Feuilleton nur schwer verdauen.

Der erste Spielfilm ruinierte ihn

Der erste von ihm produzierte Spielfilm sorgte 1983 für einen zwischenzeitlichen finanziellen Ruin: „Die Insel der blutigen Plantage“ kriegt man wegen seiner linkischen und pervertierten Südseebilder nicht aus dem Kopf: Wie Udo Kier als Aufseher gezwungen wird, seine geliebte Insulanerin auszupeitschen – unter den erregten Blicken der mit Rokokoperücke und Reifrock bekleideten Despotengattin, genannt die „blutige Olga“. Der wohl faschismuskritisch gemeinte Film wurde in Deutschland indiziert und fiel als sexistisch und reißerisch durch. Christoph Schlingensief hat der Film gefallen, die beiden haben später viel zusammengearbeitet.

Kern platzte bei zahlreichen Auftritten und in Zeitungsbeiträgen stets mit seiner Gekränktheit und seiner Wut heraus – und arbeitete weiter. Es folgten viele andere Lowbudget-Produktionen, darunter viele Dokumentarfilme mit Spielfilm-Elementen oder umgekehrt, insgesamt bilden sie ein „Kino der Verletzten“, wie es vor einigen Jahren vom Filmarchiv gewürdigt wurde. „Der letzte Sommer der Reichen“, der im Februar bei der Berlinale in der Reihe Panorama seine Premiere gefeiert hatte, bleibt sein letzter Film.

Kern selbst stellte einen Zusammenhang zwischen seinem Körpergewicht und seinem Erfolg her. Je mehr von dem einen, desto weniger von dem anderen – er wog mal gute zwei, aber auch mal knappe vier Zentner. Unvergesslich ist der Walzer, den er bei der „Nette Leit Show“ mit seinem kaum weniger beleibten Gastgeber Hermes Phettberg hinlegte, dass die Bühne wackelte. Anschließend holte Phettberg zwei Papiertaschentücher aus dem zu engen Sakko, die beiden wischten sich die Münder ab und gaben einander so zärtliche wie trockene Küsse. Es klingt kitschig und ist deshalb genau angemessen, wenn man sagt, dass Peter Kern zeitlebens die echte Liebe suchte, und man wünscht ihm, dass er sie nun findet.

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