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Mit allen Wassern gewaschen: Unternehmerin Lilian Norgren (Katja Riemann) versucht, Reporterin Rommy Kirchhoff (Nina Kunzendorf, l.) für sich einzunehmen.
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Mit allen Wassern gewaschen: Unternehmerin Lilian Norgren (Katja Riemann) versucht, Reporterin Rommy Kirchhoff (Nina Kunzendorf, l.) für sich einzunehmen.

„Tödliche Geheimnisse“, ARD

Die Rückkehr der Paranoia

Hinter dem generischen Titel verbirgt sich ein Highlight des Fernsehjahres, in dem Regisseurin Sherry Hormann und ein fabelhaftes Ensemble klug die Motive des Politthrillers variieren.

Von D.J. Frederiksson

Vorab muss geklärt werden, dass man diesen ARD-Thriller nicht mit dem zwei Tage zuvor ausgestrahlten ZDF-Thriller „Tödliche Gefühle“ verwechseln sollte – oder mit den älteren ZDF-Thrillern „Tödliche Versuchung“, „Tödliches Vertrauen“ und „Tödliche Liebe“.

Ursprünglich sollte der Film „Geraubte Wahrheit“ heißen, was wiederum Erinnerungen an die ZDF-Thriller „Gefährliche Wahrheit“ und „Tödliche Wahrheit“ hervorruft. Man sieht: Die deutsche TV-Film-Betitelung hat eine gleichgültige Schlampigkeit erreicht, die es unmöglich macht, einen aufwendig produzierten Prime-Time-Film mit Starbesetzung von mehreren Soap-Episoden mit dem exakt gleichen Titel zu unterscheiden.

Das ist schade, weil es die Erwartungen an den Film gleich mal herunterschraubt, obwohl hier doch Sherry Hormann, eine der wenigen TV-Regisseure mit erkennbarem eigenen Profil, ein hochklassiges Ensemble um Nina Kunzndorf, Katja Riemann und Anke Engelke auf das derzeit brandaktuelle Thema der TTIP-Verhandlungen und ihrer mangelnden Transparenz für die Bevölkerung loslässt.

Und zusammen mit Drehbuchautor Frank Oeller sorgt Hormann gleich einmal für eine angenehme Überraschung: Anstatt der sonst im deutschen Fernsehen üblichen Zeitlupen-Dialoge gibt es schlagfertige, schnelle Antworten, ohne Angst vor Komplexität und mit glaubwürdiger Schnoddrigkeit. Sicher, ein bisschen Erklär-Bär steckt auch da in manchen Nebenfiguren, die sich selbst und dem Publikum erst mal die Hintergründe erklären müssen, aber das hält sich im Rahmen.

Auf dieser sehr soliden Grundlage aus mitreißender Geschwindigkeit und klugen Dialogen breitet der Film anschließend die Motive des Corporate Thrillers aus: Figuren verschwinden, Firmenchefs intrigieren, Druck wird ausgeübt, Zeugen bedroht, Insider angeworben, Täuschungsmanöver gestartet – alles nicht neu, aber durchaus klug variiert. Vor allem die hohe Dichte weiblicher Protagonisten in Machtpositionen auf beiden Seiten fällt angenehm auf. Und auch, dass einige dieser Frauen lesbische Beziehungen pflegen oder gepflegt haben, ohne dass darüber jemals ein großes Aufheben gemacht wird, bereichert und aktualisiert das Genre.

Übrigens: Dass das Genre der Nadelstreifen-Paranoia-Thriller seit ein paar Jahren wieder zurück ist, stimmt nachdenklich. Die letzte große Welle an Filmen, die hinter Politik und Hochfinanz eine menschenverachtende Verschwörung voraussetzten, waren die US-Thriller der 70er, nachdem Watergate jedes Vertrauen in die herrschende Klasse nachhaltig zerstört hat. Dass das Misstrauen in Firmenlenker und öffentliche Institutionen wieder auf diesem Stand angekommen ist, sollte zu denken geben.  

Katja Riemann glänzt als Firmenchefin

Und so sind es denn auch recht junge Vorbilder, die sich der Film nimmt, am deutlichsten vielleicht Tony Gilroys „Michael Clayton“, der ebenfalls um die tödliche Intrige eines Agrarkonzerns kreist. Und auch wenn Katja Riemanns Portrait einer überforderten Firmenchefin mit persönlichem Säuberungskommando nicht ganz die Oscar-prämierten Höhen von Tilda Swintons paralleler Rolle im Vorbildfilm erreicht, so liefert sie doch, wie alle hier beteiligten Schauspieler, eine beeindruckende und angenehm nüchterne Glanzleistung ab. Das gleiche gilt für Regie, Musik, Kamera und Schnitt – alle Künste ziehen hier effektiv an einem Strang, und niemand muss sich in den Vordergrund spielen.

Und genau so, durch sorgfältige, selbstlose und mutige Arbeit talentierter Kräfte, entstehen die wirklichen und seltenen Highlights des deutschen Fernsehfilmschaffens. So wie dieser Film. Jetzt hätte er nur noch einen halbwegs brauchbaren Titel gebraucht.

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