Owen (r.) und sein Bruder Walter am Strand.
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Owen (r.) und sein Bruder Walter am Strand.

Im Kino: "Life, animated"

Die Rückkehr aus Nimmerland

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Roger Ross Williams? bewegender Dokumentarfilm "Life, animated" über einen autistischen Jungen, der durch Disneyfilme sprechen lernt.

In den vergangenen drei Jahrzehnten sind Filme über Krankheiten beinahe ein eigenes Hollywood-Genre geworden. Eine plausible Erklärung dafür ist bislang nicht aufgetaucht. Vielleicht musste die Traumfabrik einfach selbst in die Jahre kommen, um wie nicht wenige Senioren auf dieser Welt die Krankheit als ein Lieblingsthema zu entdecken.

Tatsächlich erlauben diese „Krankenfilme“ große Heldenreisen auf engstem Raum. Sie wecken Mitgefühl, liefern Aufklärung über die oft seltenen Erkrankungen, von denen sie handeln, und finden in ihnen übermächtige, aber dennoch sehr realistische Schurkengestalten.

Einer der ersten dieser Erfolgsfilme war 1988 der Oscar-Gewinner „Rain Man“, der einer bis dahin wenig bekannten Erkrankung zu enormer Publizität verhalf, dem Autismus. Und wie Hollywood einmal so ist, erhob es den von Dustin Hoffman gespielten kranken Helden zu überrealistischer Größe. Man konnte nur hoffen, dass in der Folge nicht von jedem Autisten erwartet wurde, komplizierte Rechenaufgaben zu lösen.

Auch der Dokumentarfilm „Life, animated“ über Owen Suskind, den autistischen Sohn des in den USA bekannten Journalisten und Pulitzer-Preisträgers Ron Suskind, ist eine Heldenreise. Doch allein in der Darstellung des ersten Auftretens der Erkrankung erreicht er eine verstörende Tiefe, die einem „Rain Man“ fehlt. Da lernt man einen agilen Dreijährigen kennen, der sich mit seinem Vater einen bravourösen Fechtkampf liefert, Peter Pan und Käpt’n Hook im Sandkasten. Kurz darauf ist das Kind nicht mehr fähig, seinen Vater oder irgendeinen anderen Menschen auch nur mit den Augen zu fixieren. Wie es die Eltern beschreiben, tauchte er ab, und das Bild dafür lieferte das Disney-Video im Recorder gleich mit: Wie Peter Pan hatten sie ihn in ein Nimmerland verloren. Nicht nur die Kommunikation ist verloren, auch die Bewegungen sind mit einem Mal haltlos und unbestimmt geworden.

Ärzte machen ihnen wenig Hoffnung, wenn sie ihnen Kinder zeigen, die nach dem Beginn der Erkrankung kein Wort mehr gesprochen haben. Und ein Jahr lang sieht es so aus, als sei dies auch Rons Schicksal. Nur eine gemeinsame Lieblingsbeschäftigung behält ihre Faszination, das Anschauen von Zeichentrickfilmen aus dem Disneystudio.

Als sich erstmals wieder ein wenn auch unverständlicher Satz aus dem Mund des Kindes formt, erkennen sie darin eine Zeile aus „Arielle – die Meerjungfrau“. Es ist ausgerechnet die Forderung der Meereshexe Ursula nach der Stimme des Mädchens als Bezahlung für dessen Menschwerdung, die er immer wiederholt: „Just your voice“.

Wie viel Bedeutung mag man in diese Worte legen? Sind sie wirklich so symbolkräftig, wie es die dokumentarische Erzählung nahelegt? Anderseits neigen Eltern ja stets dazu, eine Menge in die ersten Wörter ihrer Kinder hineinzuinterpretieren. Und doch kann es kein Zufall sein, dass dieses Kind Disneyfilme aufsaugt und sich anscheinend für nichts anderes entflammen kann.

Er erfindet das Land der verlorenen Nebenfiguren

Einerseits sind sie eine Brücke zu seiner frühen Kindheit vor der Krankheit. Anderseits liefern Disneyfilme nun einmal unendliche Identifikationspunkte für Einsame und Ausgestoßene: Jeder, der in eine andere Welt geworfen wird, mag sich fühlen wie ein Disney-Waisenkind, wie Pinocchio ohne Meister Gepetto, wie Dumbo ohne seine Elefantenmutter oder Bambi, nachdem im Wald die Schüsse fallen.

Wer Disneyfilme für ihre einfachen Handlungsmuster kritisiert, wird sich hier zunächst bestätigt fühlen. Und kann doch noch eine Menge lernen über ihre so ausgeklügelten Rezepturen und ihre im Idealfall offensichtlich universelle Ausdruckskraft. Aber kein Disneyfilm (und erst recht kein „Krankenfilm“) ohne Rückschläge.

Nachdem es zunächst so scheint, als würde der Junge über Disney wieder ein Stück ins Leben zurückfinden, kommen auch Zweifel. Jede Dialogzeile kennt er auswendig, aber kommuniziert er mit ihnen wirklich? Immer wieder schneidet Regisseur Roger Ross Williams in die Gegenwart des nunmehr 25-Jährigen, um unsere Sorgen zu zerstreuen. Da erzählt der Erwachsene kindlich, aber durchaus eloquent in eigenen Worten über sich. Nach dem Abschluss einer speziellen Schulausbildung – wie wir später erfahren nach vielen vergeblichen Anläufen – bereitet er sich auf den Auszug von zu Hause vor. Doch man ahnt, dass eine schwere Krise noch gar nicht erzählt worden ist.

Mit etwa zehn Jahren, das Kind ist gerade „mangels Fortschritten“ aus einer teuren, aber offensichtlich schlechten Sonderschule geflogen, zieht Owen sich wieder ganz in sich selbst zurück. Dann aber beginnt er zu zeichnen. Wundern wir uns nicht: Disneyfiguren. Doch dem Vater fällt nach Durchsicht von Hunderten von Blättern eine Systematik auf: Es sind nur Nebenfiguren, die sogenannten Sidekicks: Jiminy Grille aus „Pinocchio“, der Lumière, der Leuchter aus „Die Schöne und das Biest“, Sebastian, die Krabbe aus „Arielle“, Balu, der Bär, und viele andere. Sogar eine eigene Geschichte erfindet der Junge über das Land der verlorenen Nebenfiguren, wo ihm selbst die Rolle ihres Beschützers zukommt. Was für eine poetische Vorstellung: Bei Disney sind all diese Figuren die Beschützer ansonsten einsamer Kinder, hier ist es umgekehrt.

Im Dokumentarfilm wird diese Geschichte  in einen Animationsfilm verwandelt, und man kann Disney nur gratulieren, dass es die seltene Genehmigung erteilte, die originalen Figuren dafür zu verwenden – wenn auch ein wenig verfremdet. Etwas Besseres könnte dem Konzern auch kaum passieren als solch ein Film über die Heilkraft seiner Werke.

Andererseits hätte es diesem Film gutgetan, insgesamt etwas weniger wie eine Disneyproduktion auszusehen. Besonders auf die durchgängig emotionalisierende Filmmusik hätte man gerne verzichtet. Und wieder fragt man sich, warum überhaupt solch eine Konvention aus der Darstellung von Krankheit im amerikanischen Kino entstehen musste, verbunden mit der unausgesprochenen Erwartung, im Leiden einen höheren Sinn zu finden. Dies immerhin bleibt uns in dieser fraglos ergreifenden Geschichte erspart.

Life, animated. Dokumentarfilm, USA 2016. Regie: Roger Ross Williams. 89 Minuten.

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