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Rotwein im Regen

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Von: Frank Junghänel

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Für Karen (Corinna Harfouch) wird es eng.
Für Karen (Corinna Harfouch) wird es eng. © ARD Degeto/Conny Klein

Ein Autorenfilm im klassischen Sinne: "Die vermisste Frau" von Horst Sczerba mit Premiumbesetzung.

Der Film „Die vermisste Frau“ ist noch ein Überhang aus dem Produktionsjahr 2016. Es sieht so aus, als hätten die Programmchefs der ARD eine Weile gebraucht, um einen Sendeplatz zu finden. Für den Mittwoch nicht relevant genug, für den Donnerstag nicht reihenkonform, für den Samstag fehlt es an Kommissaren, und der Sonntag ist vom „Tatort“ besetzt.

Bleibt noch der heitere Familienfreitag, wo das Stück auch nicht hinpasst – aber jetzt gelandet ist. Dieser Fall macht einmal mehr deutlich, wie sehr sich das formatierte Hauptprogramm der öffentlich-rechtlichen Sender mitunter selbst blockiert. Was kein Krimi ist, hat kaum eine Chance. Da nützt es auch nichts, wenn es etliche Tote gibt so wie hier. 

Aber erst einmal leben sie noch. Karen (Corinna Harfouch) hat sich jedoch gerade vorgenommen, das zu ändern. „Lieber Georg, lebe wohl und werde glücklich“, formuliert sie in ihrem Abschiedsbrief. Sie sitzt im Unterrock auf einer Bank im Regen, im Mund die Zigarette, neben sich Revolver und Rotwein. Ben E. King singt „Stand by Me“ und schon schwebt sie mit ihrem Mann Georg (Jörg Hartmann) tanzend über den See. Also was jetzt, doch nicht? Schon die Ouvertüre ist ein einziges Versprechen von Kunstfertigkeit. Hier, liebe Zuschauer, bekommen Sie etwas Besonderes geboten. 

Was Karen allerdings nicht weiß, der herzige Georg, dem sie mit dem freiwilligen Dahinscheiden aus der finanziellen Patsche helfen wollte (Lebensversicherung), hatte zuvor bereits den Killer Bruno (Ulrich Matthes) auf sie angesetzt.

In der Nacht des Schicksals finden sie einander: Bruno, der Karen umbringen sollte, bringt die völlig durchnässte Frau vom See schließlich in Sicherheit. Als Karen im Auto ihres Retters schlappmacht, rät dieser ihr, tief durchzuatmen. „Gerade wollte ich mich umbringen und jetzt soll ich frische Luft schnappen“, entgegnet sie. „Ist das nicht verrückt?“

Solche Drehbuchsätze machen deutlich, mit welch einer Akribie und Lust am Doppelbödigen dieses Szenario von Horst Sczerba gearbeitet ist, der auch selbst Regie geführt hat. Sczerba (Jahrgang 1947) ist ein Autorenfilmer im klassischen Sinne. Sein Werk ist überschaubar (u.a. „Die Unschuld der Krähen“ „Herz“, Stille Nächte“) und es ist geprägt von seiner sehr eigenen oder auch eigenartigen Handschrift. 

Das Spiel um Betrug, Rache und Erpressung wechselt nicht nur des öfteren die Richtung, es wechselt vor allem Tonlage und Ästhetik. Eben noch Film noir mit Tableaus von abgründiger Finesse, dann springt einen plötzlich die Komödie an und ehe man sich’s versieht, steckt man schon mitten in einem Thriller mit Schalldämpferpistolen und irren Perücken. So schnell sich das Genrekarussell dreht, so stark wirken die Zentrifugalkräfte in diesem Film.

Entsprechend groß ist für den Zuschauer die Gefahr, aus der Bahn geschleudert zu werden. Bei aller Kunstfertigkeit im Detail, all den schönen Kleidern, schönen Bildern, schönen Dialogen, fehlt es dem Ganzen an einem emotionalen Kern, einer Figur, der man folgen möchte oder muss. Das ist ja alles sehr gekonnt gemacht, aber was soll das ganze Theater? 

Interessanterweise tragen nun gerade die großartigen Schauspieler zu diesem misslichen Befund bei. Wenn Corinna Harfouch gemeinsam mit Jörg Hartmann und Ulrich Matthes in einem Trio spielt, kann man das schon eine Premiumbesetzung nennen. Was im direkten Kontakt auf der Bühne womöglich energetisches Knistern verursachen würde, verpufft vor der Kamera zu oft als Kabinettstück, in der manche Geste zwei Nuancen zu groß wirkt, zu theatralisch eben.  Am besten kommt noch Ulrich Matthes weg, der als Auftragsmörder nicht viele Worte braucht. Hauptsache, seine Killerhandschuhe sitzen straff. Am Ende scheitert dieser Film an seinen großen Ambitionen. Aber er hatte wenigstens welche.

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