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DCI Alec Hardy (David Tennant) und DS Ellie Miller (Olivia Colman) sind entschlossen, Dannys Mörder zu finden.
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DCI Alec Hardy (David Tennant) und DS Ellie Miller (Olivia Colman) sind entschlossen, Dannys Mörder zu finden.

TV-Kritik „Broadchurch“

Am Fuß der roten Klippen

  • Harald Keller
    VonHarald Keller
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Die Serie „Broadchurch“ erzählt in acht Teilen von nur einem Mord und dessen Aufklärung. Psychologisch ausgefeilt, handwerklich perfekt, größtenteils an realen Schauplätzen gedreht. Britische Krimikunst vom Feinsten.

Er könnte gefallen oder gesprungen sein. Die Leiche des elfjährigen Danny Latimer liegt auf dem Strand, und über ihm erheben sich die mächtigen Klippen der südenglischen Jurassic Coast. Im Durchschnitt sind die Wände aus brüchigem Gestein dreißig Meter hoch. Oben verläuft der Küstenpfad, und er ist zum Abgrund hin nicht gesichert.

Je nach Sonnenstand zeigen diese so malerischen wie gefährlichen Klippen ein mattes Terrakotta oder aber sie leuchten in kräftigem Kupferrot. Dann erscheinen sie besonders unwirklich, wie von einem Computergrafiker ins Filmbild montiert. Doch die Landschaft ist echt, man findet sie nicht weit von Weymouth, wo Dorsets grüne Hügel abrupt ins Meer stürzen. Der nächste größere Ort heißt Bridport, und hier lebt Chris Chibnall, der mit der TV-Serie „Broadchurch“ einen Publikumserfolg und modernen Klassiker geschaffen hat. Eine zweite Staffel wurde in Großbritannien bereits ausgestrahlt, eine dritte ist in Arbeit. In der US-Lizenzversion „Gracepoint“ spielte die aus „Breaking Bad“ bekannte Anna Gunn die Hauptrolle; auch in Deutschland war der Einfluss spürbar: Der zweiteilige ZDF-Film „Tod eines Mädchens“ war der britischen Produktion so ähnlich, dass man von einem heimlichen Remake sprechen kann.

Erschütterungen 

„Broadchurch“ erzählt von einem Mord an einem kleinen Jungen und davon, wie sich die schreckliche Tat auf Eltern, Freunde und Nachbarn auswirkt, auf die ermittelnden Polizisten und andere, die zunächst unbeteiligt erscheinen. Die achtteilige ITV-Produktion nimmt das Publikum gefangen, ohne ständig mit neuen Bluttaten aufzuwarten; es gibt keine wildgewordenen Kleinbürger oder selbstzerstörerische Soziopathen wie in etlichen hochgelobten US-Serien, deren Autoren selten ohne gestörte Charaktere auskommen.

Der eine oder andere Bewohner Broadchurchs begegnet uns als Typus häufiger in Kino und Fernsehen: der Polizist, der unter den Schatten der Vergangenheit leidet, der ehrgeizige Jungjournalist, die verbitterte Rentnerin. Aber in Chris Chibnalls vorzüglichem Drehbuch wird keine dieser Figuren zum rein funktionalen Klischee degradiert. Sie alle haben ihren Platz in einer Kleinstadtgesellschaft, in der, und deshalb wirkt der Mord so verstörend, viele sich bestens kennen und teils engen oder sogar intimen Umgang pflegen.

Aus dieser Enge erwachsen jedoch mannigfaltige Probleme. Der ungestüme junge Journalist ist der Neffe der ermittelnden Polizistin Ellie Miller (Olivia Coleman), deren Sohn ging mit dem Mordopfer in eine Klasse, die Eltern sind Nachbarn und befreundet. Als zuständige Ermittlerin sollte Detective Sergeant Ellie Miller Distanz waren. Oftmals verstößt sie gegen diese Regel und wird wiederholt zurechtgewiesen von ihrem Vorgesetzten, Detective Inspector Alec Hardy (David Tennant). Der wirkt anfangs unterkühlt, aber das ist Fassade. Er trägt noch schwer an einem Fall, den er nicht lösen konnte, und der der Grund ist, warum er sich nach Broadchurch versetzen ließ. Dort bekam er den Chefermittlerposten, der eigentlich Ellie Miller versprochen war. Reibungen bleiben nicht aus, als die beiden zur Klärung der Mordsache zusammengespannt werden.

Sogwirkung 

Die Ausnahmestellung dieser Serie zeigt sich bereits zu Beginn. Chris Chibnall legt uns Zuschauern nicht einfach in Standardmanier eine Leiche vor, er nähert sich dem Auffindeort in kreisender Bewegung. DI Hardy ist mit einem Bagatellfall beschäftigt, DC Miller versteckt sich auf der Toilette und beklagt am Telefon die ungerechte Personalpolitik. Beth Latimer nimmt an einem Schulsportfest teil. Auch ihr Sohn Danny sollte dort sein, ist aber nicht erschienen. Die Kamera begleitet die Stimmungswechsel der jungen Mutter, von der ersten Verwunderung über leichte Unruhe und tiefe Besorgnis bis hin zur ahnungsvollen Gewissheit. Vom Autor subtil und psychologisch ausgefeilt angelegt, filmisch perfekt umgesetzt, von Jodie Whittaker mit höchster Intensität gespielt.

Bei „Broadchurch“ zeigt sich einmal mehr: Nicht der plakativ ausgestellte Effekt, sondern gutes Handwerk macht Qualität aus. Die Filmschaffenden hinter „Broadchurch“ wählten eine eher unaufgeregte Machart. Gerade in dieser Zurückgenommenheit liegt die Raffinesse. Die Regisseure James Strong und Euros Lyn arbeiten geschickt mit Zwischenschnitten, Schärfeverlagerungen, Perspektiven und wohlbedachten Positionierungen der Schauspieler. Der Zuschauer wird kaum merklich hineingezogen in die Geschichte, mehr noch: Teil der Gemeinschaft.

Realitätsgehalt 

Die Musik des Isländers Ólafur Arnalds beeinflusste Chibnall schon beim Schreiben, Arnalds‘ elegische Kompositionen für die Serie bestimmen deren Tonalität. Besondere Kraft bezieht die Geschichte aus den Schauplätzen und dem Umstand, dass chronologisch gedreht wurde. Chibnall orientierte sich bei seinem Handlungsentwurf vielfach an realen örtlichen Gegebenheiten in Bridport und Umgebung, die der Wirklichkeit entsprechend in die Serie eingebaut wurden. Den Zeitungsladen gibt es in der gezeigten Form, das runde Gebäude, in dem die – erfundene – Polizeiwache untergebracht ist, liegt in Sichtweite auf der anderen Seite des kleinen Hafens. Hoch oben, ein Stück den Küstenweg hinauf, findet man das schmucke Haus, in dem die von Charlotte Rampling in der zweiten Staffel verkörperte Prozessanwältin Jocelyn Knight eine beeindruckende Aussicht aufs Meer genießt. Nur die Hauptstraße mit Hotel und Zeitungsredaktion, die zu Beginn der ersten Folge mit einer brillant choreografierten Kamerafahrt erfasst wird, befindet sich nicht in Bridport, sondern im Westküstenörtchen Clevedon.

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