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Rote Matrosen stürmen den Kieler Bahnhof.

1918 Aufstand der Matrosen, Arte

Rote Fahnen über Kiel

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Arte erinnert in "1918 Aufstand der Matrosen" an den Versuch einer deutschen Revolution.

War einmal ein Revoluzzer / im Zivilstand Lampenputzer; /ging im Revoluzzerschritt / mit den Revoluzzern mit... .“ So beginnt Erich Mühsams Spottgedicht über den verhinderten deutschen Revolutionär, der am Ende lieber seine Lampen schonen will und ein Buch schreibt, „nämlich, wie man revoluzzt / und dabei doch Lampen putzt.“

Aber es gab sie tatsächlich: Menschen, die einen Umsturz der Verhältnisse in Deutschland erreichten: die Matrosen des Kaiserreichs am Ende des Ersten Weltkriegs. „1918 Aufstand der Matrosen“ heißt ein Film von Jens Becker (Regie und Buch), der an die Erhebung im November vor 100 Jahren erinnert. Für sein „Doku-Drama“ hat er auf zahlreiche filmische Dokumente zurückgreifen können, die nicht alle aus den Novembertagen stammen, aber eindrucksvoll die Entwicklungen zu skizzieren vermögen. Zudem verwebt er Berichte von Zeitzeugen damals und Kommentare von Zeitgenossen heute. 

Parallelen zum aktuellen Konflikt der Genossen

Seine Gewährsleute sind dabei Björn Engholm, der ehemalige SPD-Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, und die Linken-Galionsfigur Sahra Wagenknecht. Warum gerade diese beiden? Nun, Becker destilliert aus ihren Bewertungen und seinem historischen Material geschickt die frühe Geschichte der Sozialdemokratie in ihrer Zerrissenheit zwischen Angepassten (MSPD) und Unabhängigen (USPD) – man ist fast versucht, Parallelen zum aktuellen innerparteilichen Konflikt der Genossen zu ziehen. 

Es beginnt mit der Weigerung einiger Matrosen, sich weiter für die Admiralität verheizen zu lassen, die noch einmal, wenige Tage vor Kriegsende, gegen die englische Flotte kämpfen will. Die Meuterer landen mit ihrem Schiff in Kiel, damals wie heute der wichtigste Ostseehafen, und entfachen das Feuer des Aufstands gegen ihre Offiziere. Aber durch das Eingreifen des SPD-Reichstagsabgeordneten Gustav Noske, der sich in den Arbeiter- und Soldatenrat einbringt und dessen Führung an sich reißt, wird dem Umsturz die Energie entzogen. Noske setzt erst den Gouverneur in Kiel ab und schickt dann alle Matrosen in Urlaub... Später wird er als Reichswehrminister der Weimarer Republik auf Arbeiter schießen lassen und mit seinem Namen für den Satz stehen: „Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten.“ 

Becker verfügt eigentlich über genügend Film- und Foto-Zeugnisse und nachgelassene Berichte der Protagonisten, aber er will die Geschichte anhand von Personen erzählen. Und lässt Schauspieler die Szenen nachspielen, in denen die Anführer der Erhebung debattieren. Das hätte er nicht tun sollen. Die Inszenierung wirkt bisweilen linkisch, allzu gestellt. Zwar schildert Becker auch anhand der beiden Hauptfiguren Karl Artelt und August Hartung den Konflikt der Sozialdemokratie zwischen Radikalen und Bedenkenträgern. Doch die Schauspieler vermögen nicht zu überzeugen, auch wenn mit Henriette Confurius einer der aktuellen Jungstars mittut. Aber es muss eben immer eine Frau dabei sein... So droht die spannende und letztlich weltbewegende Geschichte des Kieler Matrosenaufstands passagenweise auf eine Liebesromanze verkleinert zu werden. 

Insgesamt aber bleibt das Unterfangen verdienstvoll. Denn der Aufstand steht auch exemplarisch für die Kraft, die aus der Verzweiflung über Unterdrückung erwachsen kann, und den Konflikt zwischen Mut zum Risiko und dem Versuch einer vor-sichtigen Änderung der Verhältnisse. Der Anarchist Mühsam hat sein Spottlied übrigens  „der deutschen Sozialdemokratie“ gewidmet.

„1918 Aufstand der Matrosen“,  Arte, Di., 30. Oktober, 20.15 Uhr.

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