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„Rot“: Das Tier in dir

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Von: Daniel Kothenschulte

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Die 13-jährige Meilin muss sich erst darauf einstellen, gelegentlich ein Panda zu sein. Foto: Disney/Pixar
Die 13-jährige Meilin muss sich erst darauf einstellen, gelegentlich ein Panda zu sein. © Disney/Pixar

In ihrem Pixar-Debüt erzählt die chinesisch-kanadische Regisseurin Domee Shi eine Teenager-Kafkaeske – beeinflusst vom Corona-Lockdown.

Franz Kafka war ein leidenschaftlicher Kinogänger. Als er 1915 in seiner Erzählung „Die Verwandlung“ einen Mann in Ungeziefer-Gestalt erwachen ließ, hieß der Blockbuster der Saison „Der Golem“: Paul Wegener spielt darin den berühmten Tonmann, dem das Schicksal die Tragik seiner Existenz auf die harte Tour vor Augen führt: Als die Tochter des Trödlers seine Liebe verschmäht, mutiert er vollends zum Monstrum. Der jüdische Mythenstoff war ein Riesenerfolg, dem noch zwei Fortsetzungen folgten.

Heute ist das kalifornische Pixar-Studio auf Kafkaesken spezialisiert. Wie in „Brave“, „Soul“ und „Luca“ steckt auch in „Red“ jemand zeitweilig in der falschen Haut. Es ist die 13-jährige Meilin Lee, die eines Morgens in einer seltsamen Gestalt aufwacht. Man könnte sagen, es hätte schlimmer kommen können, immerhin ist sie kein Käfer. Aber wer wäre schon gerne ein orangefarbener Riesenpanda? Wenn man es positiv ausdrücken möchte, gleicht sie einem chinesischen Olympia-Maskottchen, dessen Überproduktion auf Kirmesständen verlost wird.

Als sie sich schockiert im Zimmer verbarrikadiert, spult ihre Mutter das Programm ab, das sie sich für diesen Augenblick aufgehoben hat: Denn tatsächlich ist die Verwandlung in einen Panda zumindest in dieser Familie genetisch festgelegt. Und so muss Meilin erfahren, dass schon ihre Mutter und Großmutter eine monströse Seite haben.

Es liegt in der Familie

Angesiedelt in einer chinesisch-stämmigen Familie, die im Toronto des Jahres 2002 einen Tempel betreibt, scheint es mit der „Verpandaung“ keine große Sache zu sein. Ein bestimmtes Ritual vermag den unruhigen Geist weitgehend unter der Oberfläche zu halten. Tatsächlich ist der orangefarbene Panda wohl vor allem ein Symbol: Für die Pubertät und die Periode, Sexualität, weibliche Urkräfte und einiges mehr. Das alles ist natürlich nicht nur für Meilin ein bisschen viel auf einmal.

Dies ist nicht Pixars „Alles steht Kopf“, der die mentale Veränderung während des Erwachsenwerden in einer Vielzahl surrealer Episoden orchestrierte. Unter den vielen Meisterwerken, die das Studio in den letzten Jahren herausbrachte ist es eher ein Nebenwerk. Reizvoll allerdings ist, wie hier aus dem Genre des Monsterfilms eine weibliche Teenagergeschichte abgeleitet wird: Zunächst meldet sich der Panda als Reaktion auf peinliche Situationen, wie man sie in diesem Alter magisch anzieht. Dann aber lernt das Mädchen das Tier in ihr einigermaßen zu beherrschen – bis sich schließlich auch die anderen Monster der Familie nicht mehr unter der Oberfläche halten lassen.

Es ist der erste Langfilm von Domee Shi, die selbst als Zweijährige nach Toronto emigrierte. Das Bemerkenswerteste daran ist einmal mehr die bei Pixar immer wieder neue Ästhetik – hier eine schillernde Buntfarbigkeit, die einerseits den Geist der 2000er Jahre atmet, anderseits aber auch den schnellen Rhythmus der Tic-Toc-Generation aufnimmt.

Wie Meilin die Welt sieht

„Ich glaube, der Stil von ,Red‘ sollte so anders sein wie der Film selbst und sollte die Welt so zeigen, wie Meilin, die Hauptfigur, sie sieht“, sagt die Regisseurin am Telefon aus London. „Ich bin gleichermaßen von westlicher wie östlicher Animation beeinflusst, von Disney und Warner ebenso wie von Anime und Miyazaki. Man sieht beide Einflüsse auf der Leinwand verschmelzen.“

Man fühlt sich aber auch an die japanischen Godzilla-Filme erinnert. Ist das Unterdrücken gewaltiger Monster in asiatischen Gesellschaften besonders verbreitet? „Wir waren ja alle schon mal da. Mit 13 ist man doch schockiert, was mit einem körperlich und seelisch passiert. All dieses Chaos zu unterdrücken und sich präsentabel zu machen, um durchs Leben zu gleiten. Irgendwo wollten wir schon einen Riesenmonsterfilm machen, aber es sind natürlich die ganz alltäglichen Probleme, die in dem Alter riesengroß werden können.“

Nun scheint es ja kein Zufall zu sein, dass dieser Film über einen persönlichen Ausbruch ausgerechnet in dieser Lockdown-Zeit entstand. „Das Finale ist auf jeden Fall vom Lockdown beeinflusst“, bestätigt die Filmemacherin. „Wir wollten doch alles kaputt schmeißen. Oder mal wieder auf ein Konzert gehen! Wir haben uns das so lange versagt.“

Rot. USA 2022. Regie: Domee Shi. 100 Min. Läuft auf Disney plus.

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