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Rosa von Praunheims „Rex Gildo“ und Cem Kayas „Liebe, D-Mark und Tod“: Musik als Doppelleben

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Von: Daniel Kothenschulte

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Kilian Berger als junger Rex Gildo, hier mit Sidsel Hindhede als dänische Schlagersängerin Gitte Hænning („Ich will’nen Cowboy als Mann“). Foto: Missing Films
Kilian Berger als junger Rex Gildo, hier mit Sidsel Hindhede als dänische Schlagersängerin Gitte Hænning („Ich will’nen Cowboy als Mann“). Foto: Missing Films © Missing Films

Zwei erstaunliche Dokumentarfilme öffnen verborgene Türen im Pop: Rosa von Praunheims schwuler „Rex Gildo“ und Cem Kayas „Liebe, D-Mark und Tod“ über die türkisch-deutsche Musikindustrie

Das Privatleben des Schlagersängers Rex Gildo kann man auch in drei Sätzen erzählen. Bei „Wikipedia“ lesen sie sich so: „Gildo war mit seiner Cousine Marion Hirtreiter verheiratet. Das Ehepaar hatte keine Kinder, trennte sich, blieb aber verheiratet. Über eine mögliche Homosexualität des Sängers wird bis heute spekuliert.“

Nach Rosa von Praunheims Porträtfilm „Rex Gildo – Der letzte Tanz“ dürfte der dritte Satz bald der Vergangenheit angehören. Die Liebe seines Lebens, sein Manager und künstlerischer Ziehvater Fred Miekley, ist der zweite Protagonist, Ben Beckers feinfühlige Darstellung ein emotionaler Dreh- und Angelpunkt. Stolz wirbt Praunheim mit Beckers erster schwuler Rolle und setzt damit ein Zeichen gegen die von Teilen der amerikanischen Filmindustrie eingeführte Politik, nur noch Identitäts-konform zu besetzen. Das brächte uns nicht nur um eine seltene Meisterleistung künstlerischer Anverwandlung, sondern es zwänge auch generell Mitwirkende zur Offenlegung ihrer Geschlechteridentität. Nun, da hat Praunheim mit seiner Outing-Kampagne ja einst schon mal ungebetene Hilfestellung geleistet.

In einem seiner besten Filme öffnet er nun die Tür zu jener Parallelwelt, die ein Dokumentarfilm über Hollywood einmal „The Celluloid Closet“ genannt hat: Auch wenn in der deutschen Schlagerkultur Homosexualität nicht vorkam und ein Rex Gildo bis zu seinem tragischen Tod durch einen Fenstersturz ein Versteckspiel absolvierte, hat sie doch bis heute viele schwule Fans. Praunheim wurde bereits in den späten fünfziger Jahren auf den attraktiven Darsteller und begabten Tänzer in deutschen Revuefilmen aufmerksam. Es waren Filme wie „Hula Hupp Conny“, gegen die ein anderer Teil der Filmcommunity bald darauf das „Oberhausener Manifest“ verfasste.

Für Gildo, der hier an der Seite der lange unterschätzten Cornelia Froboess spielte, war es indes ein großer Durchbruch. Und für den Teenager Holger Mischwitzky, der sich später von Praunheim nannte, sogar eine künstlerische Inspiration.

Fotografiert von Bildgestalter Lorenz Haarmann und (als Lichtgestalterin) der großen Elfi Mikesch, nehmen sich die frühen Studioszenen den Stil der damaligen Farbfilme zum Vorbild. Und entdecken sogar in diesem gern verschmähten Teil der deutschen Filmgeschichte eine vernachlässigte Schönheit. Sie ist im Folgenden die Metapher für eine verbotene Gefühls- und Lebenswelt. Doch es sind weniger die von Newcomer Kilian Berger und später Kai Schumann gespielten Spielszenen mit dem Star als Interview-Einschübe, die auf stets diskrete Weise Unerhörtes offenlegen. Von Praunheim hat die 1931 geborene Gudrun Gloth, ein Urgestein des deutschen Filmjournalismus, als tragende Zeitzeugin gewinnen können. Publikumszeitschriften wie die von ihr als Chefredakteurin bestimmte „Film Revue“ sind als historische Quellen ebenso vernachlässigt wie die Publikumsfilme, die sie den Fans vermittelten. Die einfühlsame Interviewjournalistin wurde für Gildo zur lebenslangen Vertrauten.

Ebenso wenig wie ihr entging einem anderen seltenen Gast in Dokumentarfilmen Gildos Homosexualität. Vera Tschechowa, diese große Intellektuelle unter den Stars ihrer Generation, begegnete dem vier Jahre älteren Gildo, den ihre Mutter Ada an den Münchner Kammerspielen besetzte, in seiner Anfangszeit.

Doch so plastisch Praunheim das Doppelleben Gildos vor dem Hintergrund einer restriktiven Zeit beschreibt, so wenig Raum gibt er seinem eigentlichen Metier, der Musik. Ist der deutsche Schlager wirklich so ein „guilty pleasure“, dass es sich nicht lohnt, ihn etwas tiefer zu durchleuchten? So offensichtlich die Schunkelrhythmen, der naive Exotismus seiner Themen und die einfachen Dur-Akkorde seine Fähigkeiten unterforderten, so beständig nisten doch „Speedy Gonzales“ und „Fiesta Mexicana“ als Würmer in deutschen Ohren.

Es ist schon ungerecht, wie gut man Musik kennt, die man nicht mag, während man einige der besten in Deutschland aufgenommenen Pop-Platten noch nie gehört hat. Daran wird der zweite wichtige Musikfilm in dieser Woche wohl nachhaltig etwas ändern. Auch „Ask, Mark ve Ölüm – Liebe D-Mark und Tod“ führt in eine Parallelkultur, doch sie existierte in aller Öffentlichkeit. Seit den sechziger Jahren produzierten nach Deutschland emigrierte türkische Musiker und Musikerinnen Schallplatten und seit den siebziger Jahren vor allem Musikkassetten, die migrantische Lebenserfahrungen in mitunter millionenfach verkaufte Lieder einfließen ließen – und dabei nicht nur romantische Sehnsüchte bedienten.

Die Filme

Rex Gildo – der letzte Tanz. D 2022. Regie: Rosa von Praunheim. 90 Min.

Liebe, D-Mark und Tod. D 2022. Regie: Cem Kaya. Dokumentarfilm. 96 Min.

Die türkischen Schlager bersten förmlich vor etwas, das die deutschen höchstens, ironisch gebrochen, in einem Fassbinderfilm entfalten: Sozialkritik mit dem Potenzial zum Klassenkampf. Der von der deutschen Politik so konsequent ignorierte institutionelle Rassismus, dem die sogenannten Gastarbeiter täglich ausgesetzt waren, ist ein Leitmotiv. Köln etablierte sich als Zentrum einer Musikszene, die in Sichtweite des größten europäischen Schallplattengeschäfts Hits in Serie produzierte, die dort niemand kannte.

Regisseur Cem Kaya hat gleichwohl vor allem im WDR-Archiv erstaunliche Bilddokumente gefunden; dort gab es im Dritten Programm seit 1965 eine Sendung namens „Ihre Heimat – unsere Heimat“, die jeder Migrantengruppe etwa zehn Minuten Sendezeit pro Woche zubilligte. Als einziger türkischer Musiker in Deutschland schaffte es in den Achtzigern, auf dem Höhepunkt des Phänomens, Cem Karaca bis in die Biolek-Show. In der Türkei politisch verfolgt, floh er nach Deutschland, wo er seine aus türkischen und westlichen Einflüssen kombinierte Stilistik weiter verfeinerte.

Stimmlich war er ein Celentano der türkischen Musik, der mit seinen düsteren Melodien und eindringlichen Texten keine Gefangenen machte: „Es wurden Arbeiter gerufen/ doch es kamen Menschen an“. Der große Vertreter des Anadolu-Rock starb 2004 in Istanbul, aber viele Zeitzeugen und Zeitzeuginnen erzählen und musizieren vor der Kamera dieses erstaunlichen Films. Seit Wim Wenders’ „Buena Vista Social Club“ hat kein Dokumentarfilm in ähnlicher Weise die Ohren geöffnet für ein dem westlichen Mainstream verborgenes Musikphänomen.

Rex Gildo – der letzte Tanz. D 2022. Regie: Rosa von Praunheim. 90 Min.

Liebe, D-Mark und Tod. D 2022. Regie: Cem Kaya. Dokumentarfilm. 96 Min.

Yüksel Özkasap, Jahrgang 1945, wurde auch als Köln’ün Bülbülü gefeiert, als „Nachtigall von Köln“ Foto: Filmfaust/Film Five
Yüksel Özkasap, Jahrgang 1945, wurde auch als Köln’ün Bülbülü gefeiert, als „Nachtigall von Köln“ Foto: Filmfaust/Film Five © Filmfaust/Film Five

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