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Rosa von Praunheim: Die buntere Wahrheit

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Von: Daniel Kothenschulte

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Der Regisseur Rosa von Praunheim im November 2022 vor Bildern seiner neuen Ausstellung „nackte Männer – nackte Tiere“ in der Galerie Mond.
Der Regisseur Rosa von Praunheim im November 2022 vor Bildern seiner neuen Ausstellung „nackte Männer – nackte Tiere“ in der Galerie Mond. © Jörg Carstensen/dpa

Der große Filmemacher Rosa von Praunheim feiert heute seinen 80. Geburtstag

Vermutlich wäre Rosa von Praunheim früher oder später auch unter seinem Geburtsnamen Holger Bernhard Bruno Mischwitzky bekannt geworden. Nur der Frankfurter Stadtteil Praunheim wäre es wohl ein kleines bisschen weniger. Das heißt, vielleicht auch nicht, denn darüber hat dieser vielleicht persönlichste und ausdauerndste Erzähler des deutschen Kinos ja auch schon einmal einen Dokumentarfilm gedreht. Natürlich war es auch ein Rosa-von-Praunheim-Porträt, der zu Beginn dem örtlichen Männerchor eine Praunheim-Hymne in die Münder legte: „Hier malt’ ich wilde Bilder/ Hier träumte ich vom Ruhm/ Hier war ich voller Hoffnung/ und ohne Aussicht auf Aussicht.“ Bereits sein erster Fernsehfilm von 1969 trug den Titel „Von Rosa von Praunheim.“

Am heutigen Freitag wird er, auch wenn man es ihm nicht ansieht, 80 Jahre alt, und er könnte sich eigentlich entspannt zurücklehnen. Mit seiner jüngsten Arbeit, „Rex Gildo – Der letzte Tanz“, gelang ihm noch einmal, was wohl niemand besser kann: Geschichte und Gegenwart, Dokumentarisches und Erspieltes zu verbinden und dabei Lichter anzuknipsen in den versteckten und verdunkelten Ecken eines doch niemals wirklich inklusiven Museums namens Deutschland.

„Das schöne Mädchen von Seite eins, das will ich haben und weiter keins“, spielt der Hammondorgelspieler in Rosa von Praunheims bis heute wohl populärstem Film, „Die Bettwurst“. Das schöne Mädchen ist in diesem Augenblick Luzi Kryn, die eine üppige Sekretärin in den besten Jahren spielt, ihr Bewunderer ist Dietmar, jung und doch schon vorbestraft, verkörpert vom früh verstorbenen ehemaligen Strichjungen Dietmar Kracht.

Rosa von Praunheim hat der Laiendarstellerin wie dem Laiendarsteller schon etwas mehr als die berühmte Warhol’sche Viertelstunde Berühmtheit beschert. Luzi Kryn spielte in insgesamt sechs seiner Filme, darunter einigen der erfolgreichsten: „Unsere Leichen leben noch“ oder der in Hollywood gedrehte Erotic-Tales-Folge „Can I Be Your Bratwurst, please“. Er selbst erzählte die Erfolgsgeschichte gerne umgekehrt: Luzi habe ihn berühmt gemacht. Zumindest dafür, dass er es geblieben ist, muss er sich selber danken.

In der Geschichte des Neuen Deutschen Films, der mit wechselhaften Vorlieben von Förderungen und Fernsehanstalten zu kämpfen hatte, gelang ihm vielleicht als einzigem eine bis heute bruchlose Karriere: Nicht weniger als 93 Regiearbeiten bis heute. Das hat vielleicht damit zu tun, dass es in seinem Werk Kunst und Unterhaltung nie Gegensätze waren.

Geboren 1942 während der deutschen Besatzung im Zentralgefängnis von Riga, zur Adoption freigegeben und aufgewachsen als Holger Mischwitzky in Ost-Berlin, flüchtete er 1953 in den Westen, nach Frankfurt am Main. Über die Malerei kam er Mitte der 60er Jahre zum Experimentalfilm.

1969 veröffentlichte er gemeinsam mit der späteren Kamerafrau Elfi Mikesch den anarchischen Fotoroman „Oh Muvie“, ein vergessenes Juwel der deutschen Pop-Art-Geschichte. Sein Dokumentarfilm „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“, brachte ihn 1972 zur Documenta 5. Die vorausgegangene WDR-Fernsehausstrahlung führte zu einem Skandal und war entscheidend für die Entstehung einer modernen Schwulenbewegung.

Praunheims filmischer Appell an die Homosexuellen, sich auf kein Versteckspiel mit einer restriktiven Gesellschaft einzulassen, überzeugte nicht nur politisch. Heute bewundert man seine ungewöhnliche Form: Als nachvertonter Stummfilm konterkariert das Werk seine politische Aufklärungsleistung mit künstlerischer Distanz. Wie leicht und spielerisch dagegen die „Bettwurst“, die Praunheim auch als großen Humoristen zeigte. Auch heute finden wir kein Haar in dieser Wurst und erst recht kein graues.

Über Rosa von Praunheims Ruhm als Aufklärer und Dokumentarist darf man seinen Rang als Künstler nicht vergessen. Weltweit wird er als Pionier des unabhängigen Films verehrt. Längst ist der „Reiz des Privaten“ ein geflügeltes Wort in der Kunstwelt. Praunheims Filmkunst balancierte von Anfang an dieser magischen Grenze und war seiner Zeit manchmal weit voraus: Wie wird die Beobachtung von Privatheit der Peinlichkeit enthoben? Und wie wird, umgekehrt, die Inszenierung von Intimität nicht ins Überhöhende verfälscht?

Rosa von Praunheim hat früh erlebt, was mit der Spontaneität des privaten Ausdrucks passieren kann, wenn man sie in großzügige Dekors stellt. Sein Fortsetzungsfilm „Berliner Bettwurst“ in teuren Kulissen war nicht annähernd so erfolgreich wie das Original. Für seine weitere Arbeit muss das ein Antrieb gewesen sein, dem Ausdruck des Echten, das seine Darsteller und Darstellerinnen mitbrachten, nichts entgegen zu stellen. Das hieß manchmal sogar, die eigene Fantasie zu bremsen. Denn bei aller ästhetischen Durchdringung, die seine Filme nicht zuletzt durch ihre unverwechselbare Farbigkeit ausstrahlen, bei aller dramatischen Führung, die zu all den großen Gefühlen führt, ist er ja im Grunde ein Verist. Er liebt Menschen, die sich finden, indem sie sich erfinden, und er feiert die Wahrhaftigkeit dieser Selbsterfindungen. Hoffentlich noch lange.

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