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Puppen nach lebenden Vorbildern, die wissen, wie man Schurken besiegt.

Robert Zemeckis

„Das Fernsehen war mein Tor zur Welt“

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Hollywood-Regisseur Robert Zemeckis über „Willkommen in Marwen“ und die Verarbeitung von Traumata im Puppenspiel.

Mr. Zemeckis, auf dem Filmplakat zu „Willkommen in Marwen“ sitzt Steve Carrell in der gleichen Pose wie Ihr berühmter Filmheld Forrest Gump. Sind Zuschauer vielleicht enttäuscht, die noch einmal die gleiche Outsider-Figur erwarten?
Es könnte riskant sein, aber vom Marketing verstehe ich nichts. Das ist definitiv kein Remake von „Forrest Gump“. Ich empfinde meine Figuren übrigens gar nicht so sehr als Outsider. Für mich sind das heroische Geschichten über Menschen, die eine charakterliche Verwandlung durchleben. Man nennt das Charakterbogen in der Erzähltheorie, und damit kenne ich mich aus. Vermutlich funktionieren sie mit Outsidern am besten, aber ich suche nicht speziell danach.

Ihr Held erschafft sich mit Actionfiguren seine eigene Kunstwelt, obwohl er mit Kunst gar nicht sozialisiert wurde. Sie kamen auch aus einem eher kunstfernen Elternhaus.
Diese Parallele hat mich ganz besonders an der Geschichte dieses Mannes interessiert. Ich konnte mich mit einem Menschen identifizieren, der die Kunst brauchte, um herauszufinden, was in seinem Innern vor sich ging.

Wie war denn Ihre Kindheit in den fünfziger Jahren? Der Fernseher soll darin eine wichtige Rolle gespielt habe.
Ich betrachtete das Fernsehen damals gar nicht mal so sehr als inspirierend. Der Fernseher war mein Fenster in die Welt. Offensichtlich sickerte es langsam in mich ein. Vielleicht habe ich sogar meine Fähigkeit, wie eine Szene funktioniert, aus diesen endlosen Stunden vor dem Fernseher entwickelt.

Und woher haben Sie die Geschichte Ihres neuen Films?
Ich habe abends beim Fernsehen rumgeschaltet und stieß auf einem nichtkommerziellen Kanal auf diese Dokumentation über Mark Hogencamp. Ich konnte mir die Geschichte dieses Mannes sofort als Film vorstellen. 

Robert Zemeckis gewann für „Forest Gump“ einen Oscar. Das Fernsehen war für ihn „mein Fenster in die Welt“.

Ihr Held verarbeitet sein Trauma – er wurde von einem homophoben Mob misshandelt – indem er sie als Nazi-Schurken parodiert.
Wir haben diese Actionfiguren in den USA, da gibt es Nazi-Offiziere, die von Hobbysammlern gekauft werden. Das sind teure Spielsachen. Als Mark Hogencamp anfing, diese Tableaus zu bauen, waren diese Schurken die Alter Egos der Männer, die ihn angegriffen hatten. Seine Vision des Zweiten Weltkriegs entstand aus seiner eigenen Leidensgeschichte mit den Menschen, die ihn so schwer misshandelt hatten. Er dachte sich also einen Spielort und eine Zeit aus, in die er das Geschehen verlagerte, das war Belgien im Jahr 1944. Offensichtlich ist diese Subkultur eine Erweiterung der Ikonographie von Kriegsfilmen. Es ist die trivialisierte Version dieses Teils der Geschichte.

Man kann es auch mit der Vermischung zwischen kollektiver Erinnerung und Filmnarrationen in der Nachkriegszeit vergleichen. Es gibt viele Fälle von deutschen Soldaten, die nach dem Krieg glaubten, Dinge erlebt zu haben, die sie tatsächlich erst in Filmen sahen wie „Die Brücke“ von Bernhard Wicki.
Sehr interessant, genau um so etwas geht es. Alles, was ich lange über den Zweiten Weltkrieg wusste, wusste ich aus Kriegsfilmen.

Können Sie verstehen, dass bestimmte Fiktionalisierungen des Zweiten Weltkriegs mit karikierten Nazis manchmal in Deutschland auf Befremdnis stoßen?
Wirklich, warum denn das?

Man tut sich hier immer noch schwer, über Nazis in Uniformen zu lachen.
Aber hat nicht einer meiner Lieblingsregisseure einen Film darüber gemacht? David Wnendt? Er hat „Feuchtgebiete“ gedreht und dann diesen Film über Hitler, der im modernen Deutschland herumfährt…

Sie kennen das deutsche Kino besser als ich, den Film hatte ich fast vergessen: „Er ist wieder da!“.
David Wnendt ist ein hervorragender Regisseur. Ich konnte diesen Film leider nicht sehen, aber das wäre ein Beispiel, dass man auch bei Ihnen darüber lachen kann.

Zur Person

Robert Zemeckis, 66, der für „Forrest Gump“ einen Oscar gewann, schuf moderne Klassiker wie „Falsches Spiel mit Roger Rabbit“ oder „Zurück in die Zukunft“. In seiner Tragikomödie „Welcome to Marwen“ erzählt er die wahre Geschichte des Zeichners Mark Hogencamp, der Opfer eines Überfalls wird und sich schwer traumatisiert eine neue Existenz aufbauen muss.

Mit Actionfiguren schafft er Kunstwelten aus dem Zweiten Weltkrieg, in denen heroische Widerstandskämpferinnen Nazis besiegen. Zemeckis Film nutzt dabei Animationstechniken seiner früheren Filme, um die Puppen lebendig werden zu lassen; tatkräftig unterstützt von menschlichen Darstellern wie Diane Kruger. 

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