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„Roald Dahls Matilda“ auf Netflix – Tanz in die Freiheit

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Von: Daniel Kothenschulte

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„Roald Dahls Matilda – das Musical“: Ganz vorne: Alisha Weir als Matilda, Bild: Dan Smith/Netflix
„Roald Dahls Matilda – das Musical“: Ganz vorne: Alisha Weir als Matilda, Bild: Dan Smith/Netflix © Dan Smith/Netflix

Netflix hat die Rechte an den Werken Roald Dahls erworben – und „Matilda“ als Musical verfilmt.

Wer geschätzte 600 Millionen Dollar für die Rechte an Roald Dahls gesammelten Werken bezahlt, muss es sich leisten können. Netflix konnte. Als die Nachricht über den Erwerb im September 2021 publiziert wurde, schien der Erfolg des Streaming-Anbieters noch unaufhaltsam. Inzwischen hat die Firma lernen müssen, dass sich Abonnentenzahlen nicht endlos steigern lassen. Aber wenn man sich schon einmal als Filmstudio wie aus dem alten Hollywood präsentieren möchte, was gäbe es Besseres als eine Bibliothek weltbekannter Familienklassiker?

Nicht einmal Disney besitzt Roald Dahl. Nun, er besaß ihn ganz am Anfang seiner literarischen Karriere – aber ließ ihn gehen. 1942 hatte Walt den jungen, hoch dekorierten britischen Fliegerkapitän eingeladen, seine Geschichte „The Gremlins“ zu einem großen Kinofilmstoff zu entwickeln. Noch immer hütet man im Disneyarchiv Berge von Zeichnungen und ein komplettes Storyboard, doch statt eines Films veröffentlichte man nur ein – heute gesuchtes – Bilderbuch. Tatsächlich passte Dahl wohl nie ganz zu Disney, weil er ihn in gewisser Weise übertraf: Es werden einfach zu viele Kinder gequält in seinen Geschichten.

Matilda immerhin weiß sich zu wehren. Bereits 1996 verfilmte Danny DeVito das unglückliche Heranwachsen des hochbegabten Mädchens im Grundschulalter, das mit seinem Bildungswunsch erst an schlechte Eltern und dann an eine sadistische Schuldirektorin gerät. 2010 zeigte die Royal Shakespeare Company eine Musical-Version von Dennis Kelly (Buch) und Tim Minchin (Musik und Songtexte), die sich bald zum Hit entwickelte und mit sieben Lawrence-Olivier-Awards ins Guinness-Buch der Rekorde eingegangen ist. Der Regisseur der Bühnenversion, Matthew Warchus, hat nun selbst den Musical-Film inszeniert.

Etwas sichtbare Theatralik gehörte schon immer zum Reiz von Filmmusicals. Bereits das Krankenhaus, in dem Matilda zur Welt kommt, besteht aus knallbunten Kulissen wie aus einem John-Waters-Film. Dort könnte man auch Matildas Eltern schon einmal begegnet sein, stolzen Vertretern des Lumpenproletariats. Die Mutter (Andrea Riseborough) verleugnet ihre Schwangerschaft noch vor dem Arzt, als die Wehen einsetzen; der Vater (Stephen Graham) hält später schlechtes Fernsehen für die beste Bildung seiner Tochter und reißt das Buch, das sie sich aus der Bücherei besorgt hat, in Fetzen. Dass es sich dabei um John Steinbecks „Früchte des Zorns“ handelt, gibt einen ersten Eindruck vom disproportionalen Bildungsgefälle zwischen Tochter und Vater.

Um einen noch bildungsfeindlicheren Ort als ihr Zuhause kennenzulernen, muss Matilda, gespielt von Newcomer Alisha Weir, allerdings erst eine Schule betreten. Jenseits der sonstigen Pappkulissen dient hier ein britisches Kulturdenkmal, das gewaltige Landschloss Bramshill House, als Drehort der Schule Crunshem Hall. Emma Thompson, durch plastisches Make-up fast zur Unkenntlichkeit verhässlicht, füllt den gewaltigen Ort mit ihrer physischen Präsenz als Direktorin Agatha Knüppelkuh. Die ehemalige olympische Hammerwerferin hält sich in Übung, indem sie schon mal ein Mädchen an seinen Zöpfen über den Zaun schleudert. Als Roald Dahls Spätwerk 1988 erschien, mochten sich deutsche Kinder an Frau Mahlzahn erinnert fühlen, dem ikonischen Schuldrachen aus Michael Endes „Jim Knopf“.

Der Atem stockt einem freilich bereits vorher angesichts einer Geschmacksverirrung der Ausstattung: Das Schultor trägt einen eisernen Schriftzug wie in einem NS-Konzentrationslager, „Bambinatum est Maggitum“ heißt es da, „Kinder sind Maden“. Diesen Einfall kann man in einer Dahl-Verfilmung nicht ganz als naturgemäß sarkastischen britischen Humor abtun. Roald Dahl war ein bekennender Antisemit, der einmal über Juden sagte, „sogar ein Taugenichts wie Hitler hackte nicht ohne Grund auf ihnen herum“. Auch diese unrühmliche Seite des Schriftstellers ist, ebenso wie seine Werke, in Großbritannien etwas bekannter als hierzulande. 2018 verhinderte sie die Herausgabe einer offiziellen Gedenkmünze. Nun gehören vermutlich auch seine judenfeindlichen Bemerkungen zu Netflix’ Erwerbung – unter den Teppich kehren sollte man sie nicht.

Bevor sich im Film die Kinder, angeführt von Matilda, ihrer Peinigerin entledigen und die üble Schrift ersetzen, füllen auch poetischere Einfälle die Leinwand: In Ergänzung der Vorlage wird die liebenswerte Nebenfigur einer Bibliothekarin eingeführt. Sindhu Vee spielt diese Frau Phelps, die das Mädchen in ihrem Bibliotheksbus zum Geschichtenerfinden animiert. Das gibt Gelegenheit zu einer zweiten Erzählebene, in der auch die Emma-Thompson-Figur als Peinigerin einer Zirkusartistin wiederkehrt.

Und in dieser wiederum begegnet man dem heimlichen Star des Films: Lashana Lynch, die künftige 007-Darstellerin, spielt zugleich die gutmütige Lehrerin Jennifer Honig. Erst als Matilda übersinnliche Fähigkeiten entwickelt, eröffnet sich auch für sie ein Ausweg vom Joch ihrer sadistischen Vorgesetzten Knüppelkuh.

Wenn diese Ebenen leichthändig ineinander fließen, ist das ein Verdienst der höchst dynamischen Musicaldramaturgie. Die Songs halten die Handlung nicht auf, sie führen sie an Höhepunkte, orchestriert durch virtuose Choreografien, die besonders in den Kinderszenen für das Genre Maßstäbe setzen. Wenn Kinder allzu artistisch tanzen – wie etwa in der thematisch verwandten Dickens-Adaption „Oliver“ – hat das oft etwas Aufgesetztes. Hier gelingen tänzerisch einfache, aber raffiniert-rhythmische Massenchoreografien. Deutlich inspiriert von Tim Burtons „Charlie in der Schokoladenfabrik“ ist es ein hoch artifizieller, aber zugleich unaufdringlich stilisierter Film.

Die Songs fügen sich in klassische Musicalformen mit einer Vorliebe für schmissige Show-stopper. Es ist weder ein Pop-Musical noch operettenhaft, also etwas, das heute selten geworden ist. In dieser Musical-Version ist Dahl, wenn man so will, doch noch ein wenig näher an Disney gerückt – auch wenn die „Marke“ nun zu Netflix gehört. Anders als in Großbritannien, wo Netflix den Film sehr erfolgreich ins Kino brachte, ist er hierzulande nur auf der Plattform zu sehen.

Roald Dahls Matilda – das Musical. USA/GB 2022. Regie: Matthew Warchus. 117 Min.

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