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„Rifkin’s Festival“ von Woody Allen kommt ins Kino – Mach’s nicht wieder, Sam

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Von: Daniel Kothenschulte

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Wallace Shawn als Mort Rifkin in Woody Allens „Rifkin’s Festival“.
Wallace Shawn als Mort Rifkin in Woody Allens „Rifkin’s Festival“.. © dpa

Ein cinephiler Alptraum: „Rifkin’s Festival“ ist möglicherweise Woody Allens schlechtester Film.

In der goldenen Zeit der Cinephilie, den 50ern und 60ern, verglichen Pariser Intellektuelle alte Filme schon einmal mit gutem Wein. Woody Allens neue Komödie „Rifkin’s Festival“ handelt von einem solchen Filmenthusiasten, einem pensionierten Filmkritiker und Hochschullehrer, den Wallace Shawn verkörpert; man kennt ihn aus Allens Klassikern „Manhattan“ und „Radio Days“.

Beim Filmfestival von San Sebastian hat dieser Rifkin reichlich Gelegenheit, seine kanonisierten Helden wie Godard, Truffaut, Bergman oder Bunuel über ihre Nachfahren in der Gegenwart zu stellen. Namentlich einem erfolgsverwöhnten französischen Jungfilmer (Louis Garrel), auf den seine Frau (Gina Gershon) ein Auge geworfen hat, lässt er keine Chance. Dieser wiederum hat schnell den Spitznamen für den kleinen Mann mit der Halbglatze aufgeschnappt und kann sich revanchieren: Für seine Verachtung von Hollywoodlieblingen wie Frank Capras „Ist das Leben nicht schön?“ nennt man Rifkin auch den „Grinch“. Zu lieben scheint ihn nur einer in dieser Geschichte, und der ist leider unsichtbar: Woody Allen. Gut möglich, dass der Filmkritiker Allan Felix, den er in „Mach’s noch einmal, Sam“ verkörperte, heute ähnlich frustriert durchs Leben schlurfen würde: Ungeliebt von seiner attraktiven Frau – und selbst hoffnungslos einer drei Jahrzehnte jüngeren spanischen Ärztin (Elena Anaya) entgegenschmachtend. Nur, wen würde es interessieren?

Gut möglich, dass große Filme mit dem Alter noch besser werden. Schlechte Filme allerdings mutieren mit höherer Wahrscheinlichkeit in die gegenläufige Richtung. Gedreht 2019 noch vor der Corona-Pandemie, ist dieser Film selbst das Produkt einer Krise. Auch wenn es sich Allen in den vergangenen Jahren kaum anmerken ließ, als er das Rampenlicht scheute und allein als Autor einer vorzüglich geschriebenen Autobiographie hervortrat: Aus dem schweren Stand, den er vor allem in der US-Öffentlichkeit hat, lassen sich offensichtlich keine leichten Filme machen.

Nach den Alterswerken

Auch wenn die Missbrauchsvorwürfe um seine damals siebenjährige Tochter vor Gerichten nie Bestand hatten, haben sie eine Distanzierungswelle unter US-Schauspielerinnen und -Schauspielern ausgelöst. Damit endete eine Periode nicht immer origineller, aber stets sehenswerter und bestens besetzter Alterswerke. Darsteller wie Owen Wilson („Midnight in Paris“) oder Jude Law („Rainy Day in New York“) brachen Rollenmuster, die er früher selbst verkörperte, an der Gegenwart. Und die Fähigkeiten einer Charakterdarstellerin wie Cate Blanchett war der entscheidende Schlüssel, mit der Tragikomödie „Blue Jasmine“ noch einmal wirkliche Meisterschaft zu beweisen.

Und nun also das: Wie der 86-Jährige im Instagram-Interview mit Alec Baldwin lässig einräumte, empfindet er seine europäischen Koproduktionen wie Urlaubsreisen. Die sind ihm zu gönnen, und es ist ja auch kein Billig-Tourismus: Kamera-Veteran Vittorio Storaro, der für „Apocalypse Now“ den ersten von drei Oscars gewann, taucht den spanischen Festivalort in so warme Farben, dass man jeden bedauern würde, der dort wirklich im Kino verschwindet.

Europäische Gaststars, die nicht der Anti-Allen-Liga beigetreten sind, geben sich für einzelne Drehtage die Ehre: Der Spanier Sergi Lopez („Pan’s Labyrinth“) chargiert als örtlicher Maler-Macho und untreuer Ehemann der schönen Ärztin. Und Christoph Waltz stiehlt wieder allen die Schau im Kostüm des Schach-spielenden Sensenmanns aus Ingmar Bergmans „Das siebte Siegel“. Selbstlos gibt er Tipps, wie man seine Rückkehr hinauszögern kann: Darmspiegelungen seien da sehr wichtig. Aber Wallace Shawn wirkt als Rifkin ohnehin die meiste Zeit, als habe er gleich eine.

Es ist noch die gelungenste einer Reihe von Traumsequenzen, die Filmklassikern nachempfunden sind. Rifkin durchlebt darin seine wehleidige Weltsicht; tatsächlich sind es besonders diese stillosen Parodien, die den Film selbst zu einem cinephilen Alptraum machen. Gern würde man in dieser Revision des filmhistorischen Kanons einen selbstkritischen Verweis auf den konservativen Geschmack alternder Filmfans sehen. Aber Allen setzt sich schon lange nicht mehr mit dem eigenen Selbstbild auseinander.

Man glaubte ihm gern, als er im Gespräch mit Baldwin erklärte, Filme zu veröffentlichen mache ihm keinen Spaß mehr in Streamingzeiten. Schließlich hätten einst ein halbes Jahr lang Menschen für den „Stadtneurotiker“ Schlange gestanden. Für „Rifkin’s Festival“ aber wird niemand irgendwo auf der Welt Schlange stehen, im Gegenteil: Es ist eben diese Selbstgefälligkeit konservativer Filmfans, die nichts Neues in ihren Kanon aufnehmen, die schon renommierte Filmclubs und Cinematheken auf das kulturpolitische Abstellgleis manövriert hat.

„Manhattan“ schwächelt

Und was das Altern von Filmklassikern angeht: Auch Allens Werk ist dagegen nicht gefeit. Es lohnt sich, es von Zeit zu Zeit zu überprüfen. Während „Hannah und ihre Schwestern“ nichts von seiner Größe und Tschechow’schen Eleganz verloren hat und ein Nebenwerk wie die Bergmaneske „Innenleben“ sogar noch gereift ist, sieht „Manhattan“ weniger gut aus: Nur Gershwin und die Wolkenkratzer haben die 42 Jahre schadlos überstanden, die disproportionale Liebesgeschichte lässt sich nur noch schwer genießen.

Bis heute reproduziert Allen die Angst des Stadtneurotikers vor intelligenten, attraktiven Frauen, die in den Augen der männlichen Helden ein Makel verbindet: Die Angewohnheit, sich an unwürdige Männer zu verschenken. Hier werden gleich zwei attraktive Frauen aus der lamoryanten Perspektive des Chronisch-Zukurzgekommenen dafür bedauert.

Für den Cinephilen, der keinen Allen-Film ausgelassen hat, ist es seine denkwürdige Erfahrung: Da sieht man einen neuen und zugleich sehr alten Film; doch zum Klassiker taugt nichts daran.

Rifkins Festival. USA 2020. Regie: Woody Allen. 88 Minuten

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