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Juno Temple, neu auf Coney Island, wird Kate Winslets Rivalin um die Gunst des Bademeisters sein. Überraschend ist das nicht.

Woody Allens "Wonder Wheel"

Das Riesenrad des Lebens

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Woody Allens enttäuschendes Drama "Wonder Wheel" erzählt von Ambitionen auf dem Rummelplatz.

Jedes Jahr gibt es eine Bescherung mit ungewissem Ausgang. Es ist der Moment, in dem Woody Allen sein neuestes Werk präsentiert. Der imponierende Filmausstoß des nunmehr 83-Jährigen wirkt wie eine Versicherung gegen die lähmende Macht von Selbstzweifeln.

Tatsächlich sind es ja ironischerweise gerade stets diese Zweifel gewesen, die den Charme von Woody Allens Filmfiguren ausmachten. Als Regisseur und Autor hält er es aber lieber mit dem Versprechen des Spielorts von „Wonder Wheel“, der New Yorker Vergnügungsinsel Coney Island: Neues Spiel, neues Glück.

Als im vergangenen November in den USA die überwiegend schlechten Kritiken über diesen Fim hereinbrachen, war der nächste Allen schon abgedreht. Glücklich ein Künstler, der wie das Riesenrad im Filmtitel nie zum Stillstand kommt.

Symbol des Wohlstands

Mit warmbunten Bildern führt Kameramann Vittorio Storaro ins prosperierende Amerika der fünfziger Jahre. Selbst im abgetakelten Glanz des Vergnügungsparks ist ein wenig davon spürbar: Durch die Fenster des armseligen Heims des Karussellbesitzers muss dieser sein Riesenrad nicht aus den Augen lassen. Es ist das Symbol des bescheidenen Wohlstands, auf dem der von Jim Belushi verkörperte Humpty ein kleines Patriarchat errichtet hat: Dass seine von Kate Winslet gespielte Ehefrau Ginny als Kellnerin ebenfalls zur wirtschaftlichen Existenz beiträgt, kratzt nicht an seinem gönnerhaften Selbstbewusstsein. Ihrem mit in die Ehe gebrachten Sohn ist er ein durchaus liebenswerter Stiefvater.

Wie so oft bei Woody Allen glauben wir seine Figuren schon beim ersten Auftritt zu kennen. Und mit ihnen ihre potentielle Verwundbarkeit in den zur Schau gestellten Ambitionen und Sehnsüchten. Dieser ebenso gestandene wie naive Mann wird wohl wie sein Namensvorbild Humpty Dumpty aus dem Kinderreim früher oder später von seiner Mauer stürzen. Schwarze Kriminalfilme wie „Wenn der Postmann zweimal klingelt“ haben uns mit solchen bedauernswerten Existenzen bekannt gemacht.

Der gut aussehende junge Mann, an den er seine Frau verlieren wird, hat sich der Kamera schon in der Eröffnungsszene in all seinem Ehrgeiz offenbart. Es ist der von Justin Timberlake gespielte Bademeister. Und auch er hält mit seinem wahren Lebensziel nicht lange hinter dem Berg: Er fühlt sich zur Schriftstellerei berufen. Da ist er bei Kate Winslets Ginny in bester Gesellschaft. Die verblühende Schönheit hatte einmal Schauspielambitionen, und sieht sich keineswegs als Kellnerin. Eher schon als eine Schauspielerin, die eine Kellnerin spielt.

Vorhersehbare Folgen

Die nächstliegende Variante dieser Geschichte wäre jene, in der sich beide zusammentun und den armen Humpty aus dem Weg räumen. Woody Allen hat sich für eine unwesentlich komplexere Variante entschieden.

Im zweiten Akt des theatralischen Films zieht eine Rivalin um die Gunst des Bademeisters in den Haushalt ein; es ist die von Juno Temple gespielte, bildhübsche Tochter des Karussellbesitzers. Auf der Flucht vor bösen Gangstern muss sich die denkbar unschuldig agierende junge Frau verstecken. Natürlich läuft sie sofort – und mit vorhesehbaren Folgen – dem Strand-Beau über den Weg.

Woody Allen sind alle Figuren in ihren so durchsichtigen Ambitionen gleichermaßen sympathisch, was im Gegenzug bedeutet, dass einen ihr Glück oder Unglück nicht wirklich kümmert. In ihrer Fehlbarkeit sind sie einander ebenbürtig. Mögen die Götter über sie urteilen oder besser noch, die Ironie des Schicksals. Anders als etwa im viel besseren Allen-Drama „Match Point“ (wo Kate Winslet ursprünglich ebenfalls besetzt war) lässt uns auch die Tragik dieser glücklosen Existenzen kalt.

Nach Vorbild der 50er Jahre

Einzig die Kate-Winslet-Figur interessiert den Filmautor genug, um sie mit etwas feineren Tönen auszumalen. Wenigstens diese tragische Figur, die so lange hofft, im Riesenrad des Lebens wieder aufwärts zu fahren, müsste uns doch ähnlich zu Herzen gehen wie etwa Cate Blanchett als vom Leben enttäuschte „Blue Jasemine“ – doch nichts davon passiert. Als wäre Woody Allen selbst jener ehrgeizige junge Autor in seinem Film ergeht er sich in langen Monologen, wie sie einst Thornton Wilder oder Tennessee Williams für die Bühne schrieben. Ein Glück, dass er wenigstens auch, wenn er ernst sein will, noch ein paar Witze übrig hat.

Nicht nur die Dialoge, auch der Filmstil ist an Vorbildern der fünfziger Jahre geschult. Joshua Logan, der große Theater- und Filmregisseur, scheint das Vorbild gewesen zu sein mit seinen Gesellschaftsdramen „Picknick“ und „Bus Stop“. Doch es ist eine Annäherung auf halbem Weg, Allen ist nicht souverän genug, um einen eigenen Retro-Stil zu entwickeln, aber auch nicht sorgfältig genug, um auf Augenhöhe mit den Klassikern zu stehen. Auch Storaro, den Meisterkameramann, der schon Bertoluccis „1900“ fotografierte, bleibt in den Innenaufnahmen wenig mehr zu tun als bunte Farben anzurühren. Aber wie gesagt, der nächste Film der beiden ist ja schon fertig, und einen Titel, der neugierig macht – Woody-Allen-Fans besonders – hat er auch: „A Rainy Day in New York“.

Wonder Wheel. USA 2017. Regie: Woody Allen. 101 Min.

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