Der Geliebte erscheint der Trauernden in Wasserhüllen. 
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Der Geliebte erscheint der Trauernden in Wasserhüllen.

Anime

„Ride Your Wave“: Ozeanische Gefühle

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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„Ride Your Wave“ ist eine überwirkliche Romanze, wie sie nur der Anime erzählen kann.

Uneingeweihte in die Geheimnisse des Anime fragen schon mal: Warum betreibt man in Japan all diesen Aufwand im handgezeichneten Trickfilm für Alltagsgeschichten, die man auch mit Schauspielern filmen könnte? So wie die Romanze zwischen einer Surferin und einem Feuerwehrmann in „Ride Your Wave“?

Vielleicht weil schon Andy Warhol feststellte, dass auch der Siebdruck einer Suppendose einen künstlerischen Mehrwert freisetzt. Oder weil es nur im Anime Augenblicke gibt, wie jene unscheinbare Szene, in der Hinako und Minato bei ihrem ersten Date auf die See hinausblicken. Die Rückenansicht des Paars erlaubt es dem Wind, ein abstraktes Farbspiel mit der flatternden Kleidung der beiden anzustellen, das anders kaum zu inszenieren wäre. Aber es steckt noch etwas mehr in dieser kleinen Szene.

Schon immer wussten japanische Filmemacher, dass die Natur und die Kraft der Elemente ebenso wichtig für eine Geschichte sind wie menschliche Figuren. Und dass sie Gefühle und Schicksale im Inselreich ja auch oft genug maßgeblich bestimmen. Die Filme des großen Yasujiro Ozu wären undenkbar ohne diese Augenblicke, in denen die Handlung stillsteht, als wolle sie sich kurz vor einem Windhauch verbeugen.

Und hier, in einer Geschichte, in der schon die Surferin und der Feuerwehrmann die Elemente Wasser und Feuer symbolisieren, muss eben auch dem Wind wie einer Gottheit gehuldigt werden.

Von seiner Feuerwache aus bewundert Minato die sportliche Einzelgängerin Hinako auf ihrem geliebten Surfbrett, das sie wie eine Virtuosin beherrscht. Sie weiß nicht, dass er sie als Kind einmal vor dem Ertrinken gerettet hat, was ihn wiederum seine Berufung hat erkennen lassen, anderen zu helfen. Als bald darauf ihr Wohnhaus durch zündelnde Jugendliche in Brand gerät, kann er sie darum erneut retten. Kurz nachdem sie ein Paar geworden sind, verunglückt er tödlich bei einem Rettungseinsatz. Doch dies ist erst der Ausgangspunkt einer metaphysischen Liebesgeschichte, in der er der Trauernden unter Wasseroberflächen erscheint, wann immer sie das Lieblingslied der beiden anstimmt.

Als metaphysische Liebesgeschichte gehört Masaaki Yuasas Film in ein Genre, das im westlichen Kino nie alltäglich gewesen ist, aber dafür so zeitlose Romanzen hervorbrachte wie „Peter Ibbetson“, „Portrait of Jenny“ oder „Ghost – Nachricht von Sam“. Steven Spielberg hat mit seinem fast vergessenen Drama „Always“ sogar schon einmal einen Film über die Geistererscheinung eines Feuerwehrmanns gedreht. Für sich genommen keine allzu originelle Idee. Umso interessanter, wie sie der 55-jährige Masaaki Yuasa weiterentwickelt, der in seinem Werk gern zwischen populären Serien und künstlerischen Kurzfilmen wechselt.

Wie sich herausstellt, hat sich auch ein junger Kollege des Toten in die Trauernde verliebt, was diese jedoch nur noch mehr verirrt. Trost findet sie bei Minatos Schwester, die sich bald zur interessantesten Nebenfigur entwickelt: Menschenscheu und zunächst abweisend, ist sie der Gegenpol zu jenem Wildfang, der Hinako vor dem Unglück war. Um das emotionale Geflecht noch einmal zu verbinden, liebt sie wiederum im Stillen Hinakos Verehrer, den jungen Feuerwehrmann.

Das ist ebenso konstruiert wie zugleich stimmig – denn manche Dinge gibt es eben doch nur im Anime: Realistische Figurenzeichnungen, überwirkliche Kräfte – und die Möglichkeit, den ganz großen Gefühlen jenen Ausdruck zu geben, den wir ihnen im Leben meistens verwehren.

Ein paarmal kommt diese verwegene Vierecksgeschichte an Momente, an denen man eine mögliche Verknüpfung der sorgsam gespannten Handlungsfäden kommen sieht. Dann aber, und das gilt besonders für das Finale, kommt es doch etwas anders, als man denkt – spektakulärer einerseits, aber auch bescheidener.

Gleich mehrfach bedanken sich die Figuren beieinander für in der Vergangenheit geleistete Lebenshilfe. Gut möglich, dass dieser Film seinem Kernpublikum, Teenagern und jungen Erwachsenen, in seiner klugen Behandlung von Trauer und Selbstfindungssorgen einmal ähnlich wertvoll erscheinen wird. Denn auch das verbindet diesen Anime mit dem klassischen japanischen Kino eines Ozu, Naruse, Mizogushi oder Kurosawa: Diese Filmemacher erklärten das Leben auf besondere Weise. Deshalb darf man das so vollmundig sagen, wie Anime-Figuren manchmal über ihre Gefühle sprechen: Wer japanische Filme versteht, versteht das Leben.

Ride Your Wave.Japan 2019. Regie: Masaaki Yuasa, 96 Minuten. Läuft nur am 28. Juli in den Kinos im Rahmen der „Kaze Anime Night“; in Frankfurt im Cinestar Metropolis.

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