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Richard David Precht bei Markus Lanz: Ein Dialog unter Kumpels

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Von: Michael Meyns

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Man ist unter sich: Bestsellerautor Richard David Precht zu Gast bei Markus Lanz.
Man ist unter sich: Bestsellerautor Richard David Precht zu Gast bei Markus Lanz. © Screenshot ZDF

Auch Markus Lanz braucht mal Pause. Bevor es in den Sommerurlaub geht, lädt der Moderator zum Gespräch mit seinem Podcast-Partner Richard David Precht.

Berlin – Hatten sie sich abgesprochen? Wollten Markus Lanz und Richard David Precht wie Zwillinge wirken? Gut, Prechts Haare sind länger und er trägt weiße Sneaker und nicht elegante Chelsea-Boots wie Lanz, aber das braune Hemd und die braunen Hosen teilte das Duo. Um das große Ganze ging es bei Markus Lanz im ZDF, um die Lage der Republik, in der die Zukunftsangst, wie Lanz behauptete, so groß sei wie noch nie. Auch Prechts Stirn zeigten tiefe Sorgenfalten, während der Autor, TV-Moderator und Philosoph erklärte, wie es um Deutschland und die Welt steht.

„Wir leben im Zeitalter einer großen Überforderung“, sagte Precht zu Beginn, Krieg, Inflation, vielleicht sogar die Notwendigkeit, weniger zu duschen, all das belastet die Stimmung. Jahrzehntelang lebten die Deutschen im Glauben, dass es in Zukunft besser werden würde, doch dieses „Aufstiegsversprechen war vielleicht eine große historische Ausnahme“, wie Precht bei Markus Lanz im ZDF meinte. Die Probleme wachsen, doch Lösungen anzugehen fällt schwer. Es gäbe eine „Ungleichheit zwischen dem, was wir einsehen und dem, was wir tun“ sagte Precht.

Richard David Precht bei Markus Lanz im ZDF: Fokus auf Afrika

Die Erkenntnis, dass es einen Klimawandel gibt, bedeutet noch lange nicht, dass auch die sinnvollen Lösungsansätze verfolgt werden. Die Konsequenzen unseres Lebenswandels spüren jedoch vor allem Andere: „Unsere Lebensweise ist ein Genozid an der Bevölkerung in Afrika“ so Precht. Und dieses Verhalten führt dazu, dass die Flüchtlingswellen zunehmen. „Die große außenpolitische Herausforderung ist Afrika“ betonte Precht. Es darf nicht mehr nur darum gehen, wie wir das Gold oder Kobalt für die Akkus der Elektroautos bekommen, sondern wie dort die Lebensverhältnisse verbessert werden können.

„Wir exportieren Moral, China investiert. Unser Afrikabild ist immer noch geprägt von Karl-Heinz Böhm“ sagte Precht bei Markus Lanz im ZDF. Der Westen habe in Afrika enormen Schaden angerichtet: Nicht zuletzt die Staatsgrenzen, die die Kolonialherren willkürlich gezogen haben, nicht nur Frankreich, England oder Belgien, sondern auch Deutschland. Volksgruppen, die nichts miteinander zu tun hatten, wurden in Ländern gepresst, was fast zwangsläufig zu Konflikten und allzu oft zu Bürgerkriegen geführt hat.

Precht wies auf die unterschiedliche Wahrnehmung hin, die zwischen dem westlichen Blick auf den Krieg in der Ukraine und dem Blick auf Afrika herrscht: Täglich verhungern dort 25.000 Menschen, während im Ukraine-Krieg bislang vielleicht 50.000 bis 60.000 Menschen gestorben sind. In Jemen sind 300.000 Menschen gestorben, in Somalia, Kamerun, Äthiopien schwelen Konflikte, doch im Blick des Westens existieren diese Konflikte kaum.

Richard David Precht bei Markus Lanz im ZDF: Der Gastgeber agiert nachdenklich

Müssen wir Afrika ernster nehmen? Oder Indien? Dort trendet momentan der Hashtag: #StandwithPutin, wie Lanz zu berichten wusste, was ihn zu der Frage führte, ob es „ein Irrglauben ist, dass wir auf der richtigen Seite stehen?“ Normalerweise ist Lanz in seinen Sendungen ja erbarmungslos mit Gästen, die auch nur vage auf eine diplomatische Lösung im Ukraine-Krieg drängen.

Im Dialog mit seinem Podcast-Kumpel Precht agierte er deutlich differenzierter, auch nachdenklicher. Bemerkenswert kritisch mit dem westlichen Selbstverständnis, mit den westlichen Institutionen waren Lanz und Precht, prangerten das Versagen der G7 an, die fehlende EU-Beitrittsperspektive für die Länder des West-Balkans.

Zur Sendung

Markus Lanz im ZDF. Die Sendung vom 12. Juli 2022 in der ZDF-Mediathek.

Einen Bedeutungsverlust des Westens konstatiert Richard David Precht bei Markus Lanz im ZDF, kritisierte besonders immer wieder das Anhängen an eine „Pax Americana“, an die Führung der USA, wirtschaftlich, aber nicht zuletzt moralisch. Diese Zeiten sind längst vorbei, nicht nur starke Länder wie China oder Brasilien stellen dieses Selbstverständnis infrage, sondern auch kleinere Länder, die nach wirtschaftlichen Perspektiven verlangen.

Richard David Precht bei Markus Lanz im ZDF: „Wir sind systemisch gierig“

Blieb das Thema Ukraine. Lanz ist bekanntermaßen vehement für Waffenlieferungen, Precht gehört zu den Intellektuellen, die sich in offenen Briefen für eine diplomatische Lösung einsetzen. Während Lanz auf eine Wende im Krieg hofft, darauf baut, dass Waffenlieferungen der Ukraine ermöglichen, den Krieg zu drehen, nahm Precht dagegen die Position ein, dass die Ukraine den Krieg nicht gewinnen kann. Und es deswegen in erster Linie darum geht, nicht noch mehr Tote zu akzeptieren. Ansonsten sei da noch der kommende Winter, wenn Putin das Gas eventuell komplett abstellt und sich auch die Stimmung in der deutschen Bevölkerung endgültig gegen den Krieg wenden könnte.

Die Abhängigkeit von russischem Gas ist die Krux, die Precht bei Markus Lanz im ZDF sehr treffend skizzierte: „Wir sind systemisch gierig“ sagte der Philosoph. Nicht persönlich, sondern als Gesellschaft, die der heiligen Kuh Wachstum auf Biegen und Brechen hinterherrennt. Plötzlich auf Moral zu pochen wirkt da scheinheilig, gerade wenn demnächst zum Beispiel eine Fußball-Weltmeisterschaft in Katar stattfindet. Eine Lösung wäre Verzicht, doch das widerspricht dem Wachstumsgedanken. So endete die intellektuell inspirierendste Lanz-Sendung seit langem in gewisser Ratlosigkeit: Die Lösungen liegen auf der Hand, doch sie umzusetzen: Das wird sehr, sehr schwer fallen. (Michael Meyns)

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