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Enigmatisch: Daniel Day-Lewis als US-Präsident Abraham Lincoln.

Oscars 2013

Rezension "Lincoln" von Steven Spielberg

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Ein Präsident mit dem Rücken zur Wand: Steven Spielbergs für zwölf Oscars nominierter Politthriller „Lincoln“ mit Daniel Day-Lewis ist nicht nur meisterlich, sondern auch hochaktuell.

Wer je vor dem riesigen steinernen Präsidenten im Washingtoner Lincoln Memorial gestanden hat, fühlt sich wie in einer Filmkulisse. James Stewart hielt hier Einkehr in „Mr. Smith geht nach Washington“ – ebenso wie Klaatu, der Außerirdische im Science-Fiction-Klassiker „Der Tag, an dem die Erde stillstand“. „Das sind große Worte“, sagt der Marsianer mit Blick auf Abraham Lincolns in Stein gehauene Rede von Gettysburg. „Er muss ein großer Mann gewesen sein.“

Das jüngste Lincoln-Denkmal läuft ab morgen in unseren Kinos. Es ist ein 150-minütiges Drama, das man nicht Biopic nennen möchte, beschränkt es sich doch auf wenige Monate in der Biografie des legendären US-Präsidenten. Aber zeitliche Beschränkung ist oft der beste Weg, ein filmisches Porträt zu zeichnen. John Ford etwa befasste sich in „Der junge Mr. Lincoln“, dem berühmtesten aller Lincoln-Filme, lediglich mit dessen Anfängen als Anwalt, dem es etwa gelingt, einen Lynchmob zu zerstreuen. Und Steven Spielberg schließt nun die Klammer zum Ende: Beginnend mit der Gettysburg-Rede und endend mit dem tödlichen Attentat, konzentriert er sich auf die wenigen Wochen, in denen Lincoln sein Lebenswerk gelang – die Abschaffung der Sklaverei.

Spielberg wiederholt dabei keins der Lincoln-Bilder, die es schon gibt. Die berühmte Rede auf dem Schlachtfeld lässt sich der Präsident von einem Soldaten aufsagen, der sie im Kopf behalten hat. Und während ihn die tödliche Kugel im Ford-Theater trifft, besuchen wir stattdessen mit seinem Sohn eine andere Aufführung. Höchst elegant umschifft Steven Spielberg all die visuellen Klischees, die zu einem solchen Historienfilm scheinbar dazugehören.

Grausame Szenen

Es gibt nur wenige Schlachtenszenen, aber gleich die erste ist deutlich grausamer, als es in einem klassischen Hollywood-Film der Fall gewesen wäre. Sie ist von jener Deutlichkeit, die Margaret Mitchell in ihrem Südstaaten-Roman „Vom Winde verweht“ die Feder führte und die man dann auf der Leinwand nicht wiedersah. Hier sind wir natürlich auf der anderen Seite. Doch das Blut, das in diesen Szenen fließt, ist der Preis, den hier das Gute fordert: Lincoln konnte den Bürgerkrieg erst beenden, nachdem er die Sklaverei abgeschafft hatte. Das ist sein Dilemma.

Im Januar 1865 wäre ein Frieden leicht zu erreichen gewesen, aber der von Daniel Day-Lewis mit brüchiger, aber unnachgiebiger Stimme verkörperte Präsident kann nicht anders. Er fürchtet mit gutem Grund, dass mit der Rückkehr der abtrünnigen Südstaaten in die Union sein dreizehnter Verfassungszusatz – die Abschaffung der Sklaverei – keine Mehrheit mehr finden würde. Die Front der Republikaner, die ihn unterstützen, schwächelt; die Demokraten sind dagegen. Der einzig sichere Weg bedeutet, binnen weniger Wochen eine Mehrheit zu beschaffen. Der Schlüssel sind die bereits abgewählten Demokraten, die sich um ihre innerparteiliche Reputation nicht mehr zu sorgen brauchen. Zwanzig Stimmen würden Lincoln reichen; sein Berater weiß auch schon, wie man die bekommt: „Für zweitausend Dollar kaufen Sie jeden!“ Politik mag in der jungen Demokratie noch im etwas wörtlicheren Sinne ein Kuhhandel gewesen sein, aber als Bestechungsgeld offeriert Lincoln lieber Jobs. Hat sich bis heute wirklich so viel geändert?

"Lincoln" hat Allgemeingültigkeit

Spielbergs Film über einen Präsidenten mit dem Rücken zur Wand, dem die Kongress-Mehrheit fehlt, um das moralisch Richtige zu tun, hat weit mehr mit der Gegenwart zu tun als Kathryn Bigelows Terrorismus-Thriller „Zero Dark Thirty“. Man kann gar nicht anders, als an Obama zu denken. Spielberg plante schon seit über zehn Jahren einen Lincoln-Film. Doch das Drehbuch von Tony Kushner, das auf dem Sachbuch von Doris Kearns Goodwin beruht und nun verfilmt wurde, stammt von 2009. Da zeichnete sich bereits ab, dass der frisch gewählte Präsident Obama mit seiner Gesundheitsreform einen schweren Stand haben würde. Oder lesen wir dies nur hinein, weil „Lincoln“ Allgemeingültigkeit besitzt?

Ein klügerer Film über Politik lässt sich mit den Mitteln des Erzählkinos jedenfalls kaum herstellen. Vielleicht fragt man sich, wieso ein Drama, in dem endlos debattiert, gepredigt, geschwindelt, eingelenkt und wieder neu verhandelt wird, ein solches Kino-Ereignis sein kann. Aber waren nicht auch Hollywoods große Gerichtsfilme spannende Thriller? Man muss das alles nur gut schreiben, scharf inszenieren und vielleicht, wie der Kameramann Janusz Kami?ski, in die matten, staubigen Farben einer vom Krieg ausgezehrten Zeit tauchen.

Sally Field als First Lady

Spielberg weiß genau, wann es Zeit ist, die Leinwand mit 200 Statisten zu füllen, die einer Rede zuhören, und wann Kammerspiel angebracht ist. Dann nimmt Sally Field als First Lady ihren Mann ins Gebet, weil sie fürchtet, einen Sohn im Bürgerkrieg zu verlieren. Lincoln war ein Mann des Wortes, und da er alles mit Geschichten erklärt, sind seine Einwürfe manchmal wahre Geduldsproben. Spielberg hat perfektes Gefühl dafür, zwischen dem genialen Rhetoriker und dem Bildungsautodidakten hin- und herzublenden.

Ein wunderbares Gegenüber zu seinem unbeirrbaren Helden kreiert er im schillernden republikanischen Wortführer Thaddeus Stevens, was dem sonst eher einsilbigen Tommy Lee Jones eine hinreißende Sprechrolle beschert. Wenn es um seine Leidenschaft, die Abschaffung der Sklaverei geht, ist Stevens ein Dogmatiker für die gerechte Sache. Wenn ihm die Diplomatie dann doch gebietet, sich an einem strategisch wichtigen Punkt selbst zu verleugnen, ist das fast herzzerreißend.

Lincoln USA 2012. Regie: Steven Spielberg, Darsteller: Daniel Day-Lewis, Sally Field, Tommy Lee Jones u. a.; 150 Min., Farbe. FSK ab 12.

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