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Martin Luther (Maximilian Brückner) und Albrecht von Brandenburg (Joachim Król)

"Zwischen Himmel und Hölle", ZDF

Die Revolution frisst ihre Kinder

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Der 160 Minuten lange Luther-Film erzählt die Geschichte der Reformation als Zweikampf zwischen zwei Wortführern, ist aber viel zu lang.

Anlässlich des Reformationstages erleben die Jubiläumsfeierlichkeiten ihren Höhepunkt; auch im Fernsehen. Die ARD hat ihren großen Luther-Film („Katharina Luther“) schon im Februar gezeigt, nun folgt mit „Zwischen Himmel und Hölle“ (heute um 20.15 Uhr) auch das ZDF. Das Drehbuch von Stefan Dähnert und Marianne Wendt konfrontiert Luther, der sich sonst stets mit Vertretern der Kirche rumschlagen muss, mit einem Gegenspieler aus den eigenen Reihen.

Dramaturgisch ist das ausgesprochen clever: Der Film setzt dem Reformator zunächst ein Denkmal, um ihn dann vom Sockel zu stoßen; ein bisschen zumindest. Auch der theologische Ansatz ist hochinteressant: Luther (Maximilian Brückner) will die Kirche verändern, aber nicht die Welt. Wenn er von Freiheit spricht, dann meint er die religiöse Freiheit, nicht die soziale.

Sein Mitstreiter Thomas Müntzer (Jan Krauter) dagegen ist ein Radikaler, der sich schließlich den aufständischen Bauern anschließt. Es wird kein Zufall sein, dass die Konstellation an die Protagonisten der Zeit nach 1968 erinnert: hier der Marsch durch die Institutionen, dort der Untergrund. 

All‘ das prägt jedoch erst den letzten Akt. Bis dahin erzählt „Zwischen Himmel und Hölle“ eine weitgehend bekannte Geschichte mit bekannten Bildern. Das Spätmittelalter von Regisseur Uwe Janson ist exakt so dreckig und finster wie in den meisten anderen Filmen über diese Zeit. Und selbstredend gibt es mehrfach Kamerafahrten durch die Kulissen, damit die Sorgfalt der Ausstattung (Ettore Guerrieri) gewürdigt werden kann.

Manche Einstellung ist arg klischeehaft, aber das Licht ist mit sichtbarer Sorgfalt gestaltet (Kamera: Michael Wiesweg). Schauspielerisch gibt es ebenfalls Licht und Schatten. Einige der jungen Ensemblemitglieder sind teilweise nicht kantig genug für ihre Rollen und stoßen an Grenzen, wenn sie die Stimme erheben. Außerdem deklamieren sämtliche Darsteller selbst banale Sätze, als seien ihre Worte in Stein gemeißelt. 

Kein B-Movie-Spektakel

Ausgerechnet der große Armin Rohde interpretiert den Chefschergen des Erzbischofs genauso schlicht, wie sich die Figur beschreiben lässt: als schurkischen Mann fürs Grobe, der keine Sekunde zögert, Müntzer für seinen Widerstand ans Kreuz zu nageln, und der am Ende für seine Missetaten bezahlt.

Seine besten Auftritte hat der Dominikaner, wenn er in glühenden Farben und mit Hilfe von allerlei Hokuspokus die Apokalypse ankündigt, damit sich die verängstigen und von Pest und Hunger gebeutelten Menschen noch rasch mit Hilfe eines Ablasses sich selbst und am besten gleich auch noch ihre verstorbenen Angehörigen von ihren Sünden und somit der drohenden „Höllenpein“ freikaufen; schließlich braucht der Papst Geld für den Bau des Petersdoms.

Wenn sich später im Volk der Unmut breitmacht, trumpfen einige Nebendarsteller auf, als gelte es, im Freilichttheater auch das Publikum in der letzten Reihe noch zu beeindrucken; deshalb erinnert „Zwischen Himmel und Hölle“ mitunter ein wenig an „Terra X“, das populäre Geschichtsfernsehen im „Zweiten“. 

Davon abgesehen ist dem Film anzumerken, dass Janson auf keinen Fall ein B-Movie-Spektakel à la „Die Ketzerbraut“ (Sat.1) drehen wollte. Mit Ausnahme weniger Gewaltszenen verzichtet der Film auf spekulative Bilder. Selbst die Bauernkriegsgefechte am Schluss sind vergleichsweise dezent inszeniert. Sex, im Mittelalter von Sat.1 immer ein Faktor, spielt überhaupt keine Rolle, obwohl es doch Luther zu verdanken ist, dass der Zölibat zumindest für protestantische Pfarrer kein Thema mehr ist.

Der Verzicht auf Schauwerte ist zwar aller Ehren wert, hat aber auch zur Folge, dass sich die 160 Minuten ganz schön ziehen. Mit der Erotik des Geistes wuchern Janson, Dähnert und Wendt dafür umso mehr, jedenfalls immer dann, wenn das Autorenduo nicht gerade wieder versucht, so viele Redensarten wie möglich unterzubringen. Höhepunkt, inhaltlich wie auch schauspielerisch, ist ein Disput zwischen Luther und Erzbischof Albrecht, eine Szene, die nach Punkten klar an Joachim Król geht.

Der Religionsfürst sorgt auch für die grimmige Schlusspointe des Films, als er Müntzers Hand bei der Unterschrift unterm Widerruf führt; und zwar nur die Hand. Maximilian Brückner wiederum interpretiert den Kirchenmann völlig anders und vor allem mit weitaus mehr missionarischem Eifer als Devid Striesow in „Katharina Luther“.

Gerade zu Beginn, als sich Luther in einen Rausch redet und die blauen Augen vor Eifer nur so strahlen, lässt ihn die Beleuchtung fast naiv wirken. Umso größer ist der Kontrast, wenn er sich später als Machtmensch entpuppt, dem viel daran gelegen ist, dass die Reformation untrennbar mit seinem Namen verbunden wird. Gerade in der Entzweiung der Kampfgefährten liegt der wichtige Beitrag der ZDF-Produktion zum Luther-Jahr: weil sie verdeutlicht, dass eine Revolution nie nur von einem Einzelnen entfacht werden kann. 

Sehr interessant ist in diesem Zusammenhang auch eine Figur, die Fabian Hinrichs mit stiller Souveränität verkörpert: Georg Spalatin, die rechte Hand von Kurfürst Friedrich (Rüdiger Vogler), zieht als graue Eminenz die Fäden. Ohne ihn und Luthers Freund und Förderer, dem Maler, Grafiker und vor allem Verleger Lucas Cranach (der Ältere), so erzählt es der Film, hätte es die Reformation womöglich nie gegeben. 

Luthers Botschaft, Religion solle Freude und nicht Angst verbreiten, steht im geistigen Zentrum des Films. Einen für damalige wie für heutige Zeiten nicht minder revolutionären Satz hat das Autorenduo Müntzers Frau Ottilie (Aylin Tezel) in den Mund gelegt, er fällt fast beiläufig: „Was, wenn die Menschen frei von Religion wären?“. Der Glaube, sagt sie, wäre dann jedermanns ganz persönliche Angelegenheit; und die Welt, lässt sich im Stillen ergänzen, womöglich ein besserer Ort. 

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