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Retro-Thriller „The Outfit“ kommt ins Kino: Das tapfere Schneiderlein

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Von: Daniel Kothenschulte

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Bald ist das ganze „The Outfit“-Ensemble verdächtig, hier in der Mitte: Nikki Amuka-Bird als Violet.
Bald ist das ganze „The Outfit“-Ensemble verdächtig, hier in der Mitte: Nikki Amuka-Bird als Violet. © dpa

Graham Moores kammerspielhafter Retro-Thriller „The Outfit“ wurde offenbar Pandemie-bedingt mit der heißen Nadel gestrickt.

Das Comeback des Genrekinos in den 90er Jahren war die große Zeit der Filmlehrer und selbsternannten Skriptdoktoren. Einer der erfolgreichsten war ein amerikanischer Vietnamkriegsveteran namens Dov Simons, der mit seiner „2 Day Film School“ die Welt bereiste. Die Qualität eines Drehbuchs bemaß er an seinen „Oh shits“ und „Oh Gods“. Andere nannten sie Plotpoints. Wer nicht bei der Lektüre regelmäßig das eine oder andere ausrief, lege es wohl bald zur Seite.

„The Outfit“ ist das Regiedebüt eines Oscar-gekrönten Drehbuchautors, und es wimmelt von „Oh shits“ und „Oh Gods“. Den Preis, der ihn berühmt machte, gewann Graham Moore für „The Imitation Game“, diesmal teilt er sich den Autorencredit mit Jonathan McClain, der selbst als FBI-Agent einen kurzen Auftritt hat. Die Bühne aber gehört Mark Rylance, selbst Oscar-Preisträger für seine Nebenrolle in „Bridge of Spies“, der einen feinen Schneider im Chicago des Jahres 1956 spielt.

Eine Bühne ist es wirklich, denn der einzige Spielort sind die beiden Räume von Ladenlokal und Atelier. Die spektakulärsten Einstellungen gehören freilich seinem Handdouble, das schon zum Filmanfang die feinen Stiche demonstriert. Auch das ist eine beliebte Genrekonvention: Zu den erklärenden Worten des Protagonisten erfahren wir die Grundlagen des Handwerks, vor dessen Hintergrund eine Geschichte angesiedelt ist. Die kurze Einführung in die Kunst der Kunstschneiderei nehmen wir freilich, als das, was sie ist: Eine stimmungsvolle Ouvertüre in einen Gangsterfilm. Dafür hat der Plakatgestalter (in Nachahmung des Designers Saul Bass) die Schneiderschere einfach zu bedrohlich ins Bild gerückt.

Die diskrete Art des britischen Meisters, der sein Handwerk in Londons Savile Row erlernt hat, macht ihn uns zugleich verdächtig, ebenso wie seine junge Sekretärin (Zoey Deutsch) kaum die arglose Sammlerin von Schneekugeln sein kann, als die sie sich uns präsentiert.

Schon bald wird klar, dass man es hier mit der organisierten Kriminalität zu tun hat. Eine mächtige Mafiosi-Sippe nutzt das unscheinbare Ladenlokal als konspirative Anlaufstelle. Mordsgefährliche Post wird hier deponiert, darunter auch ein ominöses Tonband, über das der Schneider irgendwann trocken bemerkt: „Warum werft ihr es nicht einfach weg?“ So ein Satz kann eine ganze Filmkonstruktion ins Wanken bringen. Wie oft wollte man schon in einem Film Noir dem tragischen Helden, der sich mit dem Beseitigen einer Leiche bis zum Hals in die Bredouille brachte, zurufen: Rufen Sie doch einfach die Polizei! Dann aber gäbe es keine „Oh shits“ mehr und keine „Oh Gods“.

Hier fallen sie schon früh im ersten Akt. Die unschuldig anmutende Sekretärin hat etwas mit dem Sohn des Obergangsters am Laufen. Ob das so eine gute Idee ist? Und der wiederum muss sich nach einer Schießerei vom Schneider persönlich wieder zusammenflicken lassen. Gut, dass sich der kurz zuvor als Veteran aus dem Ersten Weltkrieg zu erkennen gegeben hat. Die Pistole des Gangsterkumpanen, ihm vors Gesicht gehalten, lässt seine Hand kein bisschen zittern. Weitere Zuspitzungen wecken bald darauf allerdings Zweifel, ob sich die Mühe überhaupt gelohnt hat.

Wie bei Agatha Christie

Gesucht wird eine sogenannte Ratte, wie man in Gangsterkreisen Spitzel nennt. Jedenfalls im Kino. Längst verdächtigen wir wie in einem Agatha-Christie-Krimi das gesamte Ensemble. Außer der einen, wichtigen Figur, die überraschend schon in der Filmmitte das Zeitliche segnet. Oh God!

Man kann „The Outfit“ für ein typisches Genre-Kammerspiel in der Nachfolge von Quentin Tarantinos Frühwerk „Reservoir Dogs“ betrachten – wenn auch nicht auf dessen Niveau. Filmhistoriker werden aber bald einen besseren Begriff zur Hand haben: Das „Corona Picture“. Darunter wird man Filme verstehen, die in den vergangenen Jahren mit kleinen Besetzungen an wenigen Studio-Schauplätzen realisiert wurden. Für ein Publikum, das sie auch nur in den eigenen vier Wänden besichtigen würde. Letzteres ist nun glücklicherweise nicht mehr nötig, aber vielleicht ist das Kino nicht einmal der beste Ort für diesen kleinen, unscheinbaren Dialogfilm. Das wäre das Theater.

The Outfit. USA 2022. Regie: Graham Moore. 105 Min.

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