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Viele Firmen schicken ihre Mitarbeiter zum Coaching.
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Viele Firmen schicken ihre Mitarbeiter zum Coaching.

TV-Kritik: Der Coaching-Wahn

Reparaturwerkstatt für Mitarbeiter?

Mitarbeiter wie Unternehmen wollen es als Teil ihres Personalentwicklungsportfolios nicht missen: Coaching gilt inzwischen als Status Symbol, zeigen Daniela Hoyer und Franca Leyendecker in einer spannenden Dokumentation.

Von Cathy de Haan

Höher – schneller – weiter : Effizientere Arbeitsleistung, Ausbau der Führungskompetenz, Training neuer Fähigkeiten... Um den, sich ständig wandelnden, Herausforderung der Arbeitswelt gerecht zu werden, ist Coaching der Mega-Trend. Weltweit werden damit jährlich 1,9 Milliarden Dollar umgesetzt. Allein in Deutschland liegt der Branchenumsatz pro Jahr bei 450 Millionen Euro. Coaching boomt also und ist vielfältig. Doch was ist dran? Die Dokumentation „Der Coaching-Wahn“ von Daniela Hoyer und Franca Leyendecker stellt verschiedene Coaching-Methoden vor und hinterfragt kritisch Kosten und Nutzen.

In Deutschland arbeiten derzeit etwa 8000 Coaches. Das ist weltweit Rang drei - nach den USA und Großbritannien. Was unterscheidet Coaching von der klassischen Beratung oder dem Mentoring? Vor allem die Augenhöhe. Es erfolgt keine Belehrung durch überlegenes Fachwissen – der Coach hilft, die Lösung selbst zu finden und Leistung zu steigern. 

Zwei Denkschulen prägen die Coachingansätze in Deutschland: Zum eine das systemische Coaching, das Probleme nicht isoliert betrachtet, sondern das Umfeld des Klienten –z.B. durch Organisationsaufstellung – rekonstruiert. Und zum anderen das Neurolinguistische Programmieren – kurz NLP, das mit über 1000 Interventionstechniken das Gehirn so umprogrammiert, dass unerwünschte Verhaltenswesen verschwinden. 

Oft arbeiten Coaches dabei mit einer Kombination beider Ansätze und oder erschaffen individuelle Methoden. Dazu zählen ebenso „Business-Schamanismus“ wie das beliebte Outdoor Coaching“. Während es beim Business- Schamanismus um das Lösen energetischer Engpässe geht, setzt das Outdoor – Coaching darauf, Führungskräfte an ihre körperlichen und mentalen Grenzen zu führen. Wir begleiten dazu mit den Regisseurinnen Gruppen beim „Lagerfeuer – Los – lass – Ritual“ in den Schwarzwald sowie bei Höhlenwanderungen und Gipfel- und Kanu- Touren im Dachsteingebirge. 

Aus Einzelkämpfern sollen so Teamplayer werden, die Kraft schöpfen für neue Aufgaben.

Outdoor Coach Michael Ofner setzt mit seinem „Metaphorischen Modell“ auf außergewöhnliche Situation, wo starke Emotionen eine Rolle spielen. Dieses soll sich verankern und tief im Unterbewusstsein verbinden. Vorher erfragt er mit Fragebogen konkrete Bedürfnis der Teilnehmer und versucht während der Touren immer wieder den konkreten Bezug zum Berufsleben herzustellen. 

Ganz anders arbeitet Uwe Böning, ein Pionier der deutschen Coaching Szene. In 4 – Augen-Gesprächen versucht er zunächst, sich den Charakter von Topmanagern zu erschließen – darauf baut er seine Strategie für den Coachingprozess. „Möglichst normal und ruhig - Coaching dabei kann Sicherheitsanker als auch Tröster sein“, sagt Psychotherapeut Böning. 

Expandierendes Berufsfeld – Coaching als Statussymbol 

Mitarbeiter wie Unternehmen wollen es als Teil ihres Personalentwicklungsportfolios nicht missen: „Coaching gilt als Status Symbol“, stellt der Ökonom Michael Stephan, der alle 2 Jahre mit der Marburger Coaching Studie Daten zum Coaching Markt erhebt, fest. 

Der Wirtschaftspsychologe Uwe Kanning nimmt den Wildwuchs in der Branche Wildwuchs kritisch unter die Lupe, „Das Problem ist, dass die Bezeichnung nicht geschützt ist“.

Das bedeutet es gibt keine Qualitätssicherung“. Und - gibt nicht einen Berufsverband, sondern gleich 20. Eine Einigung auf gemeinsamen Standards ist so nicht möglich. Doch  Coaching lohnt sich auf jeden Fall  – für den Coach: Der Durchschnitt des Tageshonorars liegt bei 1200 Euro – doch die Spanne ist groß, von 180  bis 15.000 Euro...

Lernen kann man das an über 300 Weiterbildungsorganisationen. Und auch deren Preise und Profil schwanken: Vom zweiseitigen Exposé bis zum ausgefeilten Lehrbuch, zwischen einem Monat und zwei Jahren , zwischen 300 und 17.000 Euro. Nur die wenigsten haben einen wissenschaftlichen Hintergrund. 

„Wäre Coaching ein Medikament, müsste es vom Markt“ 

Teilnehmer an Coaching-Maßnahmen geben in der Regel ein positives Feedback. „Am Ende sah ich ein Licht“, sagt ein Teilnehmer der Höhlenwanderung. Doch - „Die Studien zum Erfolg sind mangelhaft.“ kritisiert Uwe Kanning.  Richtige Kosten-Nutzen-Analyse der Coachings gibt es kaum, nur vereinzelte empirische Arbeiten, wie die Promotion der Wirtschaftswissenschaftlerin Annette Pannenberg, liegen dazu vor. Sie kommt zu einem positiven Ergebnis:“ Ein zentrales Ergebnis der Studie war“, dass Coaching sich lohnt, zu 60 – 100% überstieg der Nutzen die Kosten“. 

Hier stellen sich zahlreiche Aufgaben für Wissenschaft. Der Psychologe Hansjörg Künzli von der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften nimmt das genau unter die Lupe, „Wenn Coaching ein Medikament wäre, müsste man es vermutlich vom Markt nehmen, es gibt noch keine Studie, die die Qualität einer Medikamentenstudie erreicht“. 

Also Outdoor – Training – nur eine Illusion? Nicht mehr als Abenteuerurlaub auf Betriebskosten?

Gerade für die Öffnung und Akzeptanz von alternativen Coachingmethoden bedarf es wissenschaftlicher Qualitätskontrolle. Der Coachingmarkt muss sich öffnen. Das würde helfen,  dubiose Guru-Methoden von wirksamen Maßnahmen zu unterscheiden. 

Mehr dazu im Anschluss um 21.00 Uhr in "scobel – Unsere neue Arbeitswelt" und am Freitag, 2. Oktober, 21.00 Uhr, im Wirtschaftsmagazin "makro" mit dem Thema "Arbeit im Wandel".

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