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Mia (Victoria Schulz) wird Kimiko.

„Electric Girl“

Mia rennt

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Ziska Riemanns rätselhafter deutscher Genrefilm „Electric Girl“.

Filme können aus vielen Gründen scheitern, und für gewöhnlich ist das dann auch kein besonders großes Thema. Verschüttete Milch ist selten ein Grund zum Lamentieren, doch die Enttäuschung, die „Electric Girl“ verbreitet, weckt eine merkwürdige Melancholie: Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dieser ferne Abglanz eines interessanten Films tatsächlich einmal einen schönen Traum zum Ursprung hatte.

Acht Jahre nach ihrem vielbeachteten Regie-Debüt „Lollipop Monster“ erzählt die Filmemacherin und Comiczeichnerin Ziska Riemann von einer Studentin und Poetry-Slammerin namens Mia, die den Job bekommt, eine Anime-Figur zu synchronisieren. Mit dem Regisseur beginnt sie eine Affäre und verdrängt zugleich die Härten des reellen Lebens: Ihr Vater liegt im Sterben; ihr Studium findet keine Erwähnung mehr.

Electric Girl. D 2019.

Regie: Ziska Riemann. 89 Min.

Mehr und mehr identifiziert sie sich mit dieser Superheldin Kimiko, hält sich schließlich selbst für ihr animiertes Alter Ego, wenn sie mit blauer Perücke durch die Berliner Straßen fegt. Ihre Darstellerin, Victoria Schulz, erinnert an die junge Franka Potente in „Lola rennt“, wie überhaupt einiges an diesem Film an deutsche Filme der Jahrtausendwende denken lässt.

Der Einfluss japanischer Animationsfilme wie „Ghost in the Shell“, der Ruhm des Hongkong-Kinos und die künstlerischen Genrefilme von Quentin Tarantino und Olivier Assayas andererseits waren damals allgegenwärtig. Gern erinnert man sich an diese experimentelle Zeit im deutschen Kino, als Kunst und Unterhaltung keine Gegensätze waren. Einer der Regisseure, die an dieser Idee arbeiteten, war M.X. Oberg, an dessen „Stratosphere Girl“ der Film entfernt erinnert.

Doch hier passt nichts zusammen; die Zeichentrick-Episoden, treffen nicht im Entferntesten den angestrebten Stil, die Nebenhandlungen wirken fragmentarisch, nichts verbindet das eine mit dem anderen. Obwohl dieser Film keine Geheimnisse zu haben scheint und so einfach wie ein Coming-of-Age-Film für Teenager erzählt ist, wirkt er kaum verständlich. Und statt einer visionären Ästhetik sieht es ein wenig aus, als ob sich „Die Sendung mit der Maus“ an einem Beitrag über Marvel-Helden versuchte.

Eine Anfrage bei der Drehbuchautorin Angela Christlieb führt auf eine Spur: „In meiner Geschichte ging es ursprünglich um die wahre Geschichte einer Freundin, die bipolar ist und als Synchron-Sprecherin für eine japanische Manga-Serie arbeitete. Man ließ mich nicht!“ Das Drehbuch sei unzählige Male umgeschrieben worden, insgesamt sieben Jahre habe Christlieb damit zu tun gehabt. Der Produzentin habe „ein harmloser Mädchen-Film“ vorgeschwebt. Tatsächlich ist das Krankheitsbild, das die Geschichte inspirierte, im fertigen Film nicht mehr auszumachen. Selbstzweckhaft überlagern die Genre-Motive das merkwürdige Pastiche und wirken doch merkwürdig naiv in der Inszenierung. Woher kommt die Vorstellung im deutschen Film, dass man allein mit Genreelementen ein junges Publikum gewinnen könne? War es nicht immer so, dass man als Jugendlicher besonders von dem angesprochen wurde, das verstörend wirkte? Es gibt weder Spannung, noch Romantik, noch Humor, noch Ironie in diesem Film – aber es gibt Spuren von alldem, die genau dieses Kino vermissen lassen. Wann begreift man endlich im deutschen Film und den Fernsehredeaktionen, dass es nichts bringt, sich am vermeintlich coolen oder populären zu orientieren? Die einzige Chance, die das Genre-Kino aber auch der populäre Fernsehfilm angesichts der Streaming-Konkurrenz noch hat, ist persönliches Erzählen.

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