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Renée Zellweger brilliert in „What/if“ als eiskalt intrigierende Finanzinvestorin.

Netflix-Serie „What/if“

„What/if“ tauscht die Geschlechterrollen

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Die Netflix-Serie „What/if“ lässt eine berühmte Ménage-à-trois aufleben - und tauscht die Geschlechterrollen. Unsere Kolumne „nächste Folge“.

Ein finanziell strauchelnder Mann, ein zwielichtiger Geldgeber und ein unmoralischer Ausweg: Anfang der 1990er Jahre sorgte der Film „Ein unmoralisches Angebot“ für Aufregung, als Woody Harrelson seine Angetraute Demi Moore für eine Nacht an den Milliardär Robert Redford verkaufte und mit dieser perfiden Ménage-à-trois das finanzielle Überleben des Paares zu sichern versuchte.

Alte weiße Männer sind finanzkräftig, Frauen sind der Preis, den der findige Held zu riskieren bereit und zu gewinnen gewillt ist. Die Unternehmenslandschaft spiegelt die Deklassierung der Frau als schmückendes Beiwerk wider. Bis heute wird kein einziger DAX-Konzern von einer Frau geführt. In den USA sieht die Quote kaum besser aus, dort werden 23 der 500 größten Unternehmen von Frauen geleitet.

„What/if“: Jane Levy und Renée Zellweger machen Männer zu Nebenfiguren

Netflix lässt die berühmte Ménage-à-trois wiederaufleben – und dreht in der ersten Staffel der Anthologie-Serie „What/if“ die Geschlechterrollen. Nicht Männer streiten sich um eine verobjektivierte heiße Frau, sondern eine gestandene, eiskalt intrigierende, Cercei-Lennister-würdige Finanzinvestorin unterbreitet einer enthusiastischen, intelligenten Biochemikerin ein unmoralisches Angebot. Der Mann wird in dieser Serie zum Sahnehäubchen auf den Geschäften der Protagonistinnen – und zum nett anzuschauenden Beiwerk der weiblichen Handlungen.

Lisa (Jane Levy), die Chefin des finanziell strauchelnden Biotech-Start-ups „Emigen“, forscht aus Überzeugung, aus eigener, leidvoller Verlust-Erfahrung, an DNA-Sequenzierungen. Sie ist sicher, ihre Forschungen werden den Medikamentenmarkt revolutionieren. Händeringend sucht sie Investoren, die den Schritt zur Marktreife finanzieren. Vorstellig wird sie bei alten weißen Männern, scheitert aber mit ihrer sachlichen Präsentation. Einzig Anne Montgomery (Renée Zellweger), berüchtigte Finanzinvestorin, sieht das Potential des Unternehmens und seiner Gründerin, die sie formen will. Später in der Serie wird sie trocken feststellen: „Vielleicht sind alle Mädchen töricht – bis sie es besser lernen“. Anne knüpft ihre Investition an eine unmoralische Bedingung: Eine Nacht soll ihr Lisas Ehemann Sean (Blake Jenner), ein gut gebauter, ehemaliger Baseball-Pitcher, zu Diensten sein – ohne darüber sprechen zu dürfen, was genau die Finanzhaiin von ihm verlangt hat.

„What/if“ zeigt das Ringen um weibliches Selbstverständnis und die Moral

Anne und Lisa verfolgen über die Staffel hinweg ein verbales Schachspiel, nicht um den Mann, sondern um weibliches Selbstverständnis, ihre Position in der Gesellschaft, Gleichberechtigung, aber auch um die Frage, was Frauen bereit sind, auf dem Karriere-Altar zu opfern. Es geht um Menschenkenntnis, Integrität, Werte – und die diversen Ausprägungen höchst individueller Moralkodizes.

„What/if“ zeigt Frauen als völlig natürlichen Teil der Unternehmensführung sowie des Kapitalmarkts und erkennt sie in Entscheider-Positionen ganz selbstverständlich an. Ihre Stärke und ihre unterschiedlichen Vorstellungen von Moral werden zum tragenden Element der Serie. Ganz nebenbei gelingt der Netflix-Produktion ein weiteres, längst überfälliges Anerkenntnis: Am Rande der Handlung führen zwei homosexuelle Männer eine Beziehung mit Höhen und Tiefen – ohne dass ihre Liebe zueinander wie für die Quote aufgesetzt wirkt.

„What/if“, Staffel 1 ist auf Netflix verfügbar.

Die Kolumne „Nächste Folge“ nimmt Streaming- und TV-Serien in den Blick. Zuletzt:

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