+
Schwelgerei in Schwarzweiß: „Elisa y Marcela“.

Berlinale

Rendezvous mit Tintenfisch

  • schließen

Kunst- und Glückloses im Berlinale-Wettbewerb: Beiträge aus Israel, China und Spanien.

Wieder ist die Berlinale nach einer Woche da, wo sie so oft gewesen ist in den zurückliegenden Jahren. Die Stimmung im Pressebereich ist betreten, neue Perspektiven sind ebenso ausgeblieben wie feurige Debatten. Da ist man schon froh, wenn eine anspruchsvolle Künstlerin wie die Berlinerin Angela Schanelec ihr Niveau halten kann. Mit ihrem schillerndes Großstadtmosaik „Ich war zuhause, aber“ bleibt sie nach ästhetischen Maßstäben die einzige Favoritin.

Auch das politische Kino, angebliches Markenzeichen der Berlinale, hat sich bislang nicht gezeigt. Es sei denn, man wollte den Politikbegriff so weit fassen wie Dieter Kosslick mit seinem Berlinale-Motto „Das Private ist politisch“: In seinem Geleitwort schreibt er: „Schließlich zeigen uns die Filme auch, wie das, was wir für privaten Konsum halten mögen, sich am Ende als das Produkt weltweit agierender Agrar- und Lebensmittelkonzerne erweist – und das ist plötzlich hoch politisch.“ Damit scheint zumindest nicht der gesponserte Kaffee gemeint zu sein. Der kommt von der Schweizer Traditionsmanufaktur Nestlé, wird handgepresst aus edlem Aluminium und ist über jeden Kunstverdacht erhaben.

Pseudo-Politisches ist hingegen leicht zu finden. Der aus Tel Aviv stammende Filmemacher Nadav Lapid erzählt in seiner lose gesponnenen Migrations-Satire „Synonymes“ von einem jungen Israeli, der mit wenigen Habseligkeiten nach Paris kommt, um so schnell wie möglich seine Staatsbürgerschaft gegen die französische einzutauschen. Einen tiefen, wenn auch kaum je erklärten Ekel empfindet er vor seiner Herkunft, selbst hebräisch mag er nicht mehr sprechen. In der symbolträchtigen Eröffnungsszene klopft er an eine leere Luxuswohnung, in der er ein Bad nimmt. Dabei werden seine Sachen gestohlen, nackt läuft er zunächst auf den Boulevard, dann wieder zurück ins Bad, wobei mit der unterbrochenen Reinigung auch seine Lebensgeister schwinden.

Fast wie ein Rückschritt: „Di jiu tian chang“.

Ein freundliches Paar kommt ihm aus der benachbarten Edelbehausung zu Hilfe und bereitet ihm ein „neues“ Leben. Es kümmert sich auch in der Folge um den attraktiven aber unberechenbaren Gast, der sich sein Taschengeld als Aktmodell verdingt – offenbar um weitere Nacktszenen zu motivieren.

Einmal will ein lüsterner Erotikfotograf ihn mit einer Palästinenserin ablichten, was diese empört mit Hinweis auf ihre getöteten Verwandten ablehnt. In dieser Szene findet die Satire immerhin einen Angriffspunkt in der Israel-Kritik vieler französischer Intellektueller, doch der Zorn der Hauptfigur bleibt rätselhaft.

Worauf bezieht sich der Antipatriotismus dieses Mannes? Auf die gegenwärtige Regierung? Oder macht der Filmautor hier sehr bewusst keinen Unterschied? Ist ein Netanjahu-Kritiker notwendigerweise zugleich ein Feind alles Israelischen? In einem Integrationskurs singt er inbrünstig die „Marseillaise“, während eine Lehrerin den französischen Laizismus an die Integrationswilligen mit drastischen Worten predigt: „Gott gibt es nicht!“. Keine Frage, dass sich hier die Staatsdoktrinen unterscheiden. Aber die bloße Feststellung besitzt weder besondere politische Aussagekraft noch inspiriert sie hier irgendeine künstlerische Idee.

Dem chinesischen Veteranen der sechsten Filmemacher-Generation, Wang Xiaoshuai, gelingt es dagegen, aus den politischen Widersprüchen der Geschichte einen homogenen und durchaus attraktiven Teppich zu weben. In drei Stunden Filmzeit folgt das Familiendrama „Di jiu tian chang“ („So Long, My Son“) dem Schicksal eines Paares, das seinen einzigen Sohn durch ein Unglück verliert, das ein Nachbarkind verursacht hat. Zuvor hatte schon dessen Mutter als Funktionärin die Geburt eines Geschwisterchens verhindert – zur Durchsetzung der Ein-Kind-Politik hatte sie die Frau zur Abtreibung genötigt. Auch wenn das Paar keinen Groll hegt, wachsen auf der anderen Seite die Schuldgefühle. Nach Jahrzehnten, der Kapitalismus hat die ehemalige Funktionärin und ihre Sippe zu Wohlstand kommen lassen, sucht sie die Aussöhnung auf ihrem Sterbebett.

Eine kürzere Filmzeit hätte diese melodramatische Konstruktion noch deutlicher zu Tage treten lassen, in der geschmeidigen, aber auch biederen Inszenierung wirkt sie fast natürlich. Lange ist es her, dass Zhang Yimou sein Epos „Leben!“ über ein Schicksal in der Kulturrevolution im eigenen Land nicht zeigen konnte. Eigentlich hätte auch er mit seinem neuen Film „One Second“ hier vertreten sein sollen, doch die Teilnahme wurde aus technischen Gründen abgesagt. Wang Xiaoshuai hat einen dezenteren Filmstil als sein berühmterer Kollege, er vermeidet das große Pathos – doch gerade deshalb wirkt sein Film wie ein Rückschritt in die Zeit des staatstragenden Realismus, bevor sich das Kino Chinas erneuerte.

Ein Rückschritt in eine überwunden geglaubte Ästhetik ist auch Isabel Coixets historische Liebesgeschichte „Elisa y Marcela“. Inspiriert von der wahren Geschichte des lesbischen Liebespaars Elisa Sánchez Loriga und Marcela Gracia Ibeas, dem es 1901 gelang, kirchlich zu heiraten, schwelgt sie in weichgezeichneten Schwarzweißaufnahmen. Für die ausgedehnten Liebesszenen fällt der achtmaligen Berlinale-Teilnehmerin nichts Besseres ein als ein Rückgriff auf die Postkarten-Erotik eines David Hamilton. Einmal nimmt das Paar gar aus dekorativen Gründen einen Tintenfisch vom Strand ins Bett.

Historische Ausstattungsfehler – das Paar erlangt durch ein technisch gar nicht mögliches Zeitungsfoto Berühmtheit – sind weniger ärgerlich als das Desinteresse an individueller Charakterzeichnung. Denkbar wenig macht der Film selbst aus der filmischen so reizvollen Verkleidung einer der Frauen als Mann. Besondere Aufmerksamkeit fand in Berlin der Umstand, dass dieser Film vom Streamingportal Netflix produziert wurde, wo er sich vorzüglich in ein für Cineasten weitgehend uninteressantes Programm einfügen dürfte. Auch wenn der Konzern mit dem vorzüglichen „Roma“ derzeit einem Oscar-Erfolg entgegensieht, sollte man sich von einer Perle nicht blenden lassen. Die Konkurrenz von Cannes wird sich angesichts dieses kunstlosen Produkts in seinem Boykott bestätigt fühlen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion