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Zurecht guckt im Hintergrund Ricks Mitarbeiterin skeptisch.
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Zurecht guckt im Hintergrund Ricks Mitarbeiterin skeptisch.

Kino

„Reminiscence - Die Erinnerung stirbt nie“ im Kino: Die totale Erinnerung

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Eine grandiose Enttäuschung: Lisa Joys Zukunftsthriller „Reminiscence – Die Erinnerung stirbt nie“.

Manchmal kommt es vor, dass einem amerikanischen Blockbuster so viele schlechte Kritiken vorausgehen, dass man ihn erst recht sehen möchte. Alles, woran „Reminiscence“ wie man hört gescheitert ist, klingt unwiderstehlich: Ein „film noir“ mit Hugh Jackman als Detektiv, der mittels einer futuristischen Maschine die Erinnerungen seiner Kundschaft ausliest. Ein von der Klimakatastrophe schwer getroffenes Miami mit versunkenen Straßen als Neon-Venedig. Rebecca Ferguson als femme fatale, die in einer schummrigen Bar so beziehungsreiche Lieder singt wie: „Where or When“. Ja, wo oder wann haben wir das denn zuletzt gesehen?

Das Spielfilmdebüt von Lisa Joy, einer der Erfinderinnen der Serienversion von „Westworld“, handelt nicht nur von Erinnerungen, es weckt auch eine Menge – vor allem an bessere Filme. Einige zitiert sie sogar im Dialog wie den Film-Noir-Klassiker „Out of the Past“, andere, wie „Brazil“ oder „Blade Runner“ beschwört die opulente, wenn auch in weiten Teilen digitale Ausstattung herauf.

Ein Miami, in dem man sich wegen der Hitze nur noch nachts auf die überfluteten Straßen wagt, ist zumindest visuell eine gute Idee. Und wie viel Freude machte seinerzeit Kevin Costners ebenfalls weithin verrissene „Waterworld“-Dystopie? In diesem Strom filmischer Erinnerung schwimmt sie ebenfalls ganz oben mit. Und wäre das nicht genug, wird uns auch noch eine gute Portion Neo-Noir-Erotik versprochen: Auch „9 ½ Wochen“ zählt offenbar zu Joys Lieblingsfilmen.

Nur Hugh Jackmans Detektiv Rick Bannister scheint nicht viele Filme gesehen zu haben. Sonst gingen wohl alle Alarmglocken an, als die laszive Mae eine Erinnerungs-Session bestellt, nur um nach verlorenen Schlüsseln zu suchen. Spitzzüngig wird Ricks von Thandiwe Newton gespielte Mitarbeiterin bemerken: „Die ist doch nur eine Idee, die man in ein enges Kleid gezwängt hat.“ In der Tat ist sie die personifizierte Idee einer femme fatale, so wie jene von Mary Astor gespielte Schönheit, die im Klassiker „Die Spur des Falken“ in Humphrey Bogarts Detektivbüro spazierte – angeblich, um nach ihrer Schwester zu suchen. Aber die Warnung kommt zu spät: Da hat unser Rick sich schon unrettbar verliebt. Nach einer kurzen Affäre taucht sie spurlos ab – und Rick bleiben nur die Erinnerungen, in die er sich wie ein Suchtkranker verliert.

Das Gedächtnis von außen?

Man muss wohl noch erwähnen, dass Lisa Joys Schwager Christopher Nolan heißt, ein Filmemacher, der sich mindestens so sehr für die Phänomene von Zeit und Erinnerung interessiert wie Hitchcock für Morde. Doch während Nolan auch seine Drehbücher mit Uhrmacher-hafter Präzision verfertigt, kümmert Joy sich wenig um eine Logik im Absurden. Die holografischen Erinnerungsfilme, die sich bei Ricks Sessions auf einer kleinen Bühne präsentieren, laufen in der dritten Person ab. Das Gedächtnis erscheint also kurioserweise in Außenperspektive, so als hätte man die Überwachungskamera Gottes angezapft. Immerhin erlaubt es ein derart objektivierbarer Schatz an Information dem Detektiv, auch in den Erinnerungen von Maes Bekannten nach Spuren ihrer Existenz zu suchen. Wie man sich denken kann, sind das überwiegend böse Buben, und offensichtlich führte sie ja auch etwas im Schilde.

Tatsächlich verfolgt man die erste Stunde dieses vielleicht aufwendigsten Filmdebüts seit Jahren fasziniert. Dann aber hat man sich an den Kulissen sattgesehen wie bei einer teuren, aber einfallslosen Opernproduktion. Nicht nur Rebecca Fergusons Filmfigur ist wenig mehr als eine Idee, die man in ein Kostüm gesteckt hat. Hugh Jackman gebührt geradezu Respekt dafür, wie geduldig er eine Rolle ausfüllt, die einfach nicht lebendig werden darf. So sehr Lisa Joy einer nur äußerlich verinnerlichten Filmgeschichte huldigt, so sehr unterwirft sich Hollywood der Serienkultur, für die sie steht. Doch wer eine Endlosserie wie „Westworld“ schreibt, muss sich wenig Sorgen machen um plausible Entwicklungen oder einen befriedigenden Schluss – schließlich lässt sich jede Figur auf neue Bahnen lenken.

Nur versagt sich Joy bei ihrem ersten Kinofilm das Spielerische. Bevor sie mit einem merkwürdigen Hollywood-Ende aufwartet, das sicher niemanden befriedigt, bleiben ihre Figuren so steif und geradlinig wie die Erinnerungsfilme, die sie mit sich führen. Das versunkene Miami, diese finster-schwelgerische Traumstadt, hätte interessantere Bewohner verdient.

Reminiscence – Die Erinnerung stirbt nie. USA 2021. Regie: Lisa Joy. 116 Min.

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