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Das "M" steht nicht für Michael Schumacher, aber Nachahmer von "Speed Racer" wird es wohl auch geben.
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Das "M" steht nicht für Michael Schumacher, aber Nachahmer von "Speed Racer" wird es wohl auch geben.

Futuristischer Actionfilm

Die Rekonstruktion des Staunens

  • Daniel Kothenschulte
    VonDaniel Kothenschulte
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Die Wachowsky-Brüder verfilmen mit "Speed Racer" eine verpasste Fernseherinnerung.

Allen, die Kritiken als Gebrauchsanweisungen für Filme missverstehen, sei ausnahmsweise recht gegeben. Die wichtigsten Informationen zum neuesten futuristischen Actionfilm der Wachowsky-Brüder in aller Kürze: Knopf A: Die Teleskopstützen der Räder werden ausgefahren; das Auto springt über Hindernisse. Knopf B: Die Spikes kommen aus den Reifen. Knopf C: An der Seite erscheinen frei nach "Ben Hur" rotierende Sägeblätter für den Pisten-Nahkampf...

Anders als bei ihren "Matrix"- Filmen lassen die Wachowsky-Brüder in "Speed Racer" nicht lange nach verborgenen Inhalten suchen. Sie halten sich recht genau an die Handlungsvorgabe der gleichnamigen japanisch-amerikanischen Zeichentrickserie der späten sechziger Jahre, wo auch von den untersten Lenkradknöpfen ausgiebig Gebrauch gemacht wurde: F: Verwandlung in ein U-Boot. G: Aussendung der funkgesteuerten zielsuchenden Roboterbrieftaube.

Nur eine Woche nach "Iron Man", der ersten großen Spielfilmproduktion des Comic-Riesen Marvel, verwandeln sich abermals Cartoon-Helden in Hollywoodstars. Die augenfälligste kulturelle Transferleistung ist eine Besetzung mit beeindruckendem Filmkunst-Renommee: Emile Hirsch, der Sean Penns experimentelles Aussteigerdrama "Into the Wild" nahezu allein auf seinen Schultern getragen hatte, spielt Speed, den zum Rennfahrer geborenen Sohn eines Autobauers mit dem schönen Familiennamen Racer. (im japanischen Original hießen die Leute nach Kurosawas Lieblingsdarsteller Mifune, was diesen Griff nach den Weihen der Hochkultur motiviert haben könnte). Seine Mutter spielt mit sorgenvoller Stirn keine Geringere als Susan Sarandon, die ihre anspruchslose Rolle ebenso leichthändig meistert wie Christina Ricci die ihre als angehende Schwiegertochter.

Nicht, dass wir die Arbeit in Datenanzügen, umgeben von leeren Studiokulissen, unterschätzen würden. Allein der grünen Farbe wegen, die sich für Nachbearbeitungen empfiehlt. Vielleicht stellt die Beschränkung auf elementare Blicke und Gesten gerade große Schauspieler vor besondere Herausforderungen. Immerhin galt es den Stil der "limited animation" zu treffen, der berühmten Fähigkeit des japanischen Anime, Bewegungen auch mit vier gleichen Einzelbildern einzufangen.

Während "Iron Man" alles daran setzt, die gezeichnete Vorlage möglichst spurlos in einen konventionellen Spielfilm zu verwandeln, stellen sich die Wachowsky-Brüder der Flächigkeit des Anime und begreifen sie als ästhetische Herausforderung. In einer neuartigen Montagetechnik legen sie mehrere Ebenen wie in einem Collagebild aufeinander, wobei sie auch Parallelhandlungen simultan abbilden können.

Wie hatten die Schöpfer des deutschen Stummfilmklassikers "Das Kabinett des Dr. Caligari" 1919 gefordert? "Das Filmbild muss Graphik werden." Das ist nun zweifellos gelungen. Auf die Handlung übertragen schien besondere Tiefe ebenfalls entbehrlich. Dass es überhaupt eine Handlung gibt rund um manipulierte Autorennen (von denen drei höchst beeindruckende Beispiele das Herz des Films bilden) kann man fast bedauern.

Ich habe mir "Speed Racer" zusammen mit meinem fünfjährigen Sohn angesehen, der der Handlung mühelos zu folgen schien. Das heißt abzüglich einer Szene mit gefräßigen Piranhas, in der sich meine Hand, stellvertretend für die Zensoren bei der FSK, reflexartig vor seine Augen legte. Ansonsten stellt der Film dem Zuschauer - anders als den Rennfahrern, die darin die Hauptrollen spielen - keinerlei Hürden in den Weg. Abgesehen natürlich von der gut zweistündigen Laufzeit selbst, doch auch darüber scheiden sich die Geister. Man glaube jedenfalls nicht, dem Nachwuchs deshalb am Ende mit einem triumphierenden Ausdruck begegnen zu können wie: "Jetzt siehst Du, wie es ist, jemandem stundenlang beim Computerspielen zusehen zu müssen."

Auf eine sehr elementare Weise kann "Speed Racer" tatsächlich begeistern. Kürzlich fand ich einen abgegriffenen Katalog der Modellautomarke Corgi aus dem Jahre 1971 bei meinen alten Spielsachen, der seinerzeit eine unstillbare Sehnsucht in mir geweckt hatte. In gewisser Weise ist sie nun befriedigt. Wer noch Augen hat, das zu bewundern, freut sich über eben- solche futuristische Rennwagenkonstruktionen in grandiosen Looping-Bahnen, dargeboten im dreifachen Carrera-Tempo.

Weitgehend unbemerkt waren im selben Jahr 1971 nur vier von acht ursprünglich angesetzten Folgen der originalen Fernsehserie über deutsche Bildschirme geflimmert. Auch wenn es Mode geworden ist, über immer neue Cartoon- und Comicverfilmungen zu berichten, als seien ihre Originale unumstößliche Stützen der Popkultur, waren mir diese - so der erste Folgentitel - "Autoakrobaten" gänzlich verborgen geblieben.

Im Frankfurter Filmmuseum bietet derzeit eine Anime-Ausstellung Gelegenheit, der Geschichte japanischer Trickfilmeinflüsse umfassend nachzuspüren. "Speed Racer", so scheint es, war zumindest den deutschen Fernsehvorlieben um einen kurzen Moment voraus. Nur wenige Jahre später sollten Wickie, Kimba und Biene Maja das Rennen gewinnen.

Der Wachowsky-Film, der in Babelsberger Ateliers entstand, möchte das Verpasste nachholen. Was die Brüder diesmal konstruieren, dekonstruieren und rekonstruieren ist also nicht die Matrix virtueller Realitäten. Es ist der vergänglichste Teil der Medienkultur: Das Staunen der Fünfjährigen. Das es ihnen gelang, lässt sich aus erster Hand bestätigen, wenn auch nicht ganz ohne Wermutstropfen: "Und die bösen Fische habe ich trotzdem gesehen." Oh weh.

"Speed Racer", USA/D 2008. Regie: Andy und Larry Wachowsky. 129 Min.

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