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Mit Elan geht Rike (Klara Deutschmann) die große Herausforderung an, den hochverschuldeten Reiterhof Wildenstein wieder auf Kurs zu bringen.

„Reiterhof Wildenstein: Kampf um Jacomo“

Das Leben ist ein Ponyhof

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Der ARD-Zweiteiler mit Klara Deutschmann setzt konsequent auf die Liebe der weiblichen Zielgruppe zu Pferden.

Klara Deutschmann ist nicht Robert Redford, aber das erwartet auch niemand, selbst wenn der Episodentitel des ersten Films, „Die Pferdeflüsterin“, entsprechende Assoziationen wecken konnte. Zu Pferde aber macht die junge Schauspielerin eine richtig gute Figur. Die ganz schwierigen Dressurszenen hat sie zwar sichtbar nicht selbst geritten, doch davon abgesehen sieht das alles sehr glaubwürdig aus. Das muss es auch, schließlich hat Rike nicht weniger als eine Revolution des Reitsports im Sinn: Wo die Kollegen zu Gerte und Sporen greifen, wenn sie ihre Pferde dressieren, arbeitet sie mit Empathie. Aber das ist nur die eine Seite von „Reiterhof Wildenstein“, einer möglichen neuen Filmreihe, mit der sich die ARD viele junge Freundinnen machen will.

Der Handlungskern ist nicht untypisch für Freitagsfilme im „Ersten“: In Teil eins kehrte Rike, Ende zwanzig, nach 13 Jahren in Amerika anlässlich der Beerdigung ihres Vaters aufs elterliche Gestüt nach Oberbayern zurück. Die alten Gefühle für Jugendliebe Christian (Alexander Khuon), mittlerweile mit ihrer einstigen besten Freundin verheiratet, sind zwar noch da, aber dafür ist die Beziehung zum älteren Bruder Ferdinand (Shenja Lacher) dramatisch abgekühlt. Der Reiterhof ist hoch verschuldet. Letzte Hoffnung ist Dressurpferd Jacomo.

Die weibliche Hauptfigur dient auch Männern als Vorbild

Vor einigen Jahren hat eine neue Führung der ARD-Tochter Degeto beim Freitagsfilm für durchgreifende Änderungen gesorgt. Die Kritiker waren begeistert, das Stammpublikum weniger; allzu viele Geschichten entsprachen nicht mehr der Lebenswirklichkeit der Zuschauer. Das gilt zwar auch für einen Stoff wie „Reiterhof Wildenstein“, aber damit können sich die meisten Menschen leichter identifizieren als mit zwei gleichgeschlechtlichen Paaren mit Kinderwunsch („Vier kriegen ein Kind“) oder einem Jugendlichen, der lieber ein Mädchen wäre („Mein Sohn Helen“, beide 2015). Abgesehen davon richten sich die Filme an ein eher weibliches Publikum; die Affinität dieser Zielgruppe zu Pferden ist sicher mehr als nur ein Klischee.

Der Sendeplatz bewegt sich ohnehin schon seit einiger Zeit wieder stärker in die frühere Richtung. Die handwerklichen Maßstäbe sind allerdings deutlich höher, zumal die Besetzung von einer ganz anderen Vielfalt ist als in jenen Jahren, als Christine Neubauer freitags im „Ersten“ Stammgast war. Und schließlich taugt Hauptfigur Rike auch für Männer als Vorbild. Eine junge Frau, die angesichts enormer Herausforderungen und trotz verschiedener Rückschläge nicht aufgibt: Das ist eine klassische Held(inn)engeschichte, die mit Klara Deutschmann treffend besetzt ist. Dass sie einen Film tragen kann, hat sie 2016 in ihrer ersten Hauptrolle in der „Inga Lindström“-Episode „Zurück ins Morgen“ (ZDF) bewiesen. In den beiden „Reiterhof“-Filmen darf die attraktive Tochter von Heikko Deutschmann ein breites emotionales Spektrum ausleben: Nicht alle in der Familie sind erfreut über Rikes Rückkehr; gerade Ferdinand begegnet ihr mit unverhohlener Feindseligkeit.

Gefühle kommen nicht zu kurz

Natürlich gibt es auch eine romantische Ebene, und das nicht nur wegen der alten Gefühle für Christian. Weil Rike gleich mehrfach nicht unerheblich gegen die Straßenverkehrsordnung verstößt, trifft sie regelmäßig auf einen Hüter des Gesetzes. Die Begegnungen bereiten dem Kommissar (Stefan Pohl) offenkundig mehr als nur berufliche Freude; solche Nebenebenen gehören ebenso zur Grundausstattung des Sendeplatzes wie das schöne Wetter. Sehr besonders sind dagegen die Pferdeszenen, die von einem glaubwürdig innigen Verhältnis zwischen Rike und Jacomo zeugen. Ähnlich überzeugend sind die weiteren Darbietungen, zumal mit Gerd Anthoff (als Anwalt der Familie) und Helmfried von Lüttichau (als Tierarzt) ausgezeichnete Schauspieler zum Ensemble gehören.

Für Qualität steht auch Autorin Andrea Stoll, von der unter anderem die Drehbücher zu dem Heimkinddrama „Und alle haben geschwiegen“ (2013, ZDF) oder der melancholischen Komödie „Chuzpe“ (2015, ARD) stammen. Regie führte Grimme-Preisträgerin Vivian Naefe („Einer geht noch“), eine der erfahrensten deutschen Regisseurinnen, deren umfassende Filmografie zum Beispiel die „Wilde Hühner“-Kinoreihe sowie die Verfilmungen der Familienromane von Andrea Sawatzki („Tief durchatmen, die Familie kommt“) enthält. Erstaunlicherweise verzichten die Regisseurin und ihr Stammkameramann Peter Döttling auf die für solche Sujets eigentlich obligaten Landschaftsaufnahmen; für Augenfutter sorgen hier die Reitbilder von Klara Deutschmann mit ihrer blondgelockten Mähne.

Stoff für weitere Geschichten

Die Fortsetzung, „Kampf um Jacomo“, ist zwar deutlich dramatischer als der erste Film, weil sich Rike aufgrund eines miesen Komplotts vom geliebten Jacomo trennen muss, aber dennoch weniger gelungen: Einige Nebenfiguren sind viel zu eindimensional und entsprechend einfallslos, und gerade die Darstellerinnen einiger jungen Reiterinnen sind nicht immer überzeugend. Auch die Handlung ist mitunter allzu schlicht: Die Essstörungen eines Mädchens stehen selbstredend für die Ehekrise ihrer Eltern, und wenn sich Rikes Mündel Tabea (Nele Trebs), jung, kriminell und zur Resozialisierung auf dem Hof, im Stall vor dem Rauchverbotschild eine Zigarette anzündet, steht kurz drauf natürlich das Stroh in Flammen. Immerhin liefert der Film eine Erklärung für die Wut von Ferdinand, und Rike klärt ihr Liebesleben; zumindest zum Teil. Stoff für weitere Geschichten Fortsetzung gibt es ohnehin genug, und das nicht nur wegen der Umwidmung des Gestüts in ein Therapiezentrum für Problempferde.

Zur Sendung

Drama „Reiterhof Wildenstein: Kampf um Jacomo“
Sendetermin TV: Freitag, 17.5., ARD, 20.15 Uhr
Die Sendung im Netz

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