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Zerstreuter Bildungsbürger auf Sinnsuche: Raimund Gregorius (Jeremy Irons) im Nachtzug.

„Nachtzug nach Lissabon“ Verfilmung

Reiselatein für Gutwillige

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Bille August verfilmt zwar die Story, aber er scheitert am Geist von Pascal Merciers Roman „Nachtzug nach Lissabon“. Übrig bleibt eine lieblose Literaturadaption.

Pascal Mercier, der Autor des Bestsellers „Nachtzug nach Lissabon“, kennt sich aus mit dem Stoff, aus dem die Filme gemacht sind. Unter seinem richtigen Namen Peter Bieri promovierte der Schweizer in Philosophie über das Verhältnis von „Zeit und Zeiterfahrung“. Wie beiläufig er seinen Romanhelden, den Lateinlehrer Raimund Gregorius, gleich zu Beginn seines Werks als Cinephilen charakterisiert – das verrät den Kinokenner. Selbst an jenem schicksalhaften Abend, an dem Raimund seinem Leben den entscheidenden Stoß in eine andere Richtung geben wird, lässt er sich um ein Haar ins Kino locken. Nur schwer kann er sich losreißen vom Plakat eines alten Films mit Jean Gabin; der Beschreibung nach ist es wohl „Die Katze“.

Auch wir gäben der Simenon-Verfilmung gern den Vorzug vor Bille Augusts Kinoadaption von „Nachtzug durch Lissabon“. Denn Bille August hetzt so lustlos durch das Buch, als hieße dies „Billigflieger nach Lissabon“. Dabei kann man doch gar nichts falsch machen bei einem Buch von so präziser Bildhaftigkeit. In Raimunds Lebensfilm verschieben sich beim Lesen förmlich die Hintergrundprospekte vor unseren Augen: Die rätselhafte Begegnung mit einer Portugiesin und der Fund eines philosophischen Erinnerungsbuchs in deren Sprache lässt ihn seine frühere Existenz in Frage stellen. Der Altphilologe wird zu einem Lebensforscher: Von der Begegnung mit der Schwester des Autors führt der Weg in die dunkle Vergangenheit der faschistischen Diktatur. Auch diese Spurensuche ist ideales Kinomaterial. Spur um Spur verdichtet sich das Bild. Doch keine Figur wirkt in Bille Augusts Film plastisch oder gar lebendig.

Zerstreuter Bildungsbürger auf Sinnsuche

Der norwegische Regisseur gilt zwar als Spezialist für Literaturverfilmungen, doch weder „Das Geisterhaus“ noch „Fräulein Smilas Gespür für Schnee“ oder „Les Misérables“ fanden zu künstlerischer Eigenständigkeit; diese Filme lassen kaum die Besonderheiten ihrer Vorlagen erahnen. Was würde erst Raimund, ein bedächtiger Mann, der sich dem Farbfernsehen beharrlich verweigert und lieber die letzte schwarz-weiße Flimmerkiste vom Sperrmüll rettet, wohl von diesen 110 Filmminuten halten?

Der Drehbuchautor Greg Latter arbeitete sich an der Vorlage mühsam ab: Allein der gröbste Inhalt schafft es in die filmische Übersetzung. Bille August scheut selbst die nötige Filmzeit, um Raimund in seinem bisherigen Leben zu charakterisieren: Er verlässt sich, wie bei seiner prominenten Besetzung generell, auf das, was die aus früheren Filmen mitgebracht haben, auf eingeführte Leinwandpersona. So verkörpert Jeremy Irons in der Hauptrolle als Raimund einmal mehr das Klischee vom zerstreuten Bildungsbürger auf Sinnsuche. Und kann kaum vermitteln, warum er nach der Bekanntschaft mit einer attraktiven Augenärztin (Martina Gedeck), die sich in ihn verliebt, überhaupt in sein früheres Leben zurückkehren möchte. Aber vielleicht tut er es auch gar nicht, denn die letzten Seiten des vierten, mit „Die Rückkehr“ überschriebenen Romanteils lässt der Film einfach weg.

Noch weniger aber versteht man, wie der vom Jungstar Jack Huston smart, aber ohne jede intellektuelle Ausstrahlung gespielte Autor Amadeu des portugiesischen Bändchens überhaupt zu jenen weisen Worten finden konnte, die Raimund so faszinieren? Anstatt eine Vorstellung vom philosophischen Buch im Buch zu geben, wird nur immer wieder dessen Einzigartigkeit behauptet.

Lieblos inszeniert

Manche internationale Koproduktionen scheinen nur zu existieren, um deutschen Stars zu Nebenrollen zu verhelfen. So teilen sich dann zwei Charaktermimen verschiedener Generationen die Rolle des Apothekers Jorge – auch wenn sich August Diehl und Bruno Ganz kein bisschen ähnlich sehen und Letzterer viel zu alt wäre für die Liebe seines Lebens (Mélanie Laurent als junge, Lena Olin als alte Estefania). Raimunds Begegnung mit der ehemaligen Untergrundkämpferin ist besonders lieblos inszeniert.

In seinem Bemühen um Begradigung der narrativen Pfade wiederholt Bille Augusts Film den Kardinalfehler so vieler liebloser Literaturadaptionen. Hätte er doch auf Amadeu gehört und die Weisheit seines Buchs im Buch. Der empfiehlt „die Anerkennung der Verwirrung“ als den „Königsweg zum Verständnis dieser vertrauten und doch rätselhaften Erfahrungen“. Ja, ein paar Umwege nach Lissabon hätten eher ans Ziel geführt.

Nachtzug nach Lissabon Dtl./Schweiz/ Portugal 2013. Regie: Bille August, Kamera: Filip Zumbrunn, Darsteller: Jeremy Irons, Charlotte Rampling, August Diehl, Bruno Ganz, Martina Gedeck u. a.; 110 Minuten, Farbe. FSK ab 12.

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