+
„Houston“ handelt von der Reise eines Mannes ins Nichts.

„Houston“ (ARD)

Reise ins gleißende Nichts

Das Amerika-Drama „Houston“ begleitet einen Headhunter, der in Texas an die Grenzen seines Daseins stößt. Ulrich Tukur ist exzellent wie immer, die Bildgestaltung ist herausragend.

Von Tilmann P. Gangloff

Filmische Reisen in die Finsternis sind in der Regel düstere Geschichten, emotional wie optisch; das liegt in der Natur der Sache. Bastian Günther aber hat für seinen zweiten Film ein völlig anderes Lichtkonzept gewählt. Wie sein Debüt „Autopiloten“ (2007), so handelt auch „Houston“ von der Reise eines Mannes ins Nichts. Sein persönliches Herz der Finsternis befindet sich in Houston, Texas. Dort soll Clemens Trunschka (Ulrich Tukur), ein Headhunter, so diskret wie möglich Kontakt zu Steve Ringer, dem Chef eines globalen Energieunternehmens, aufnehmen; ein deutscher Autokonzern will den Mann als Vorstandsvorsitzenden gewinnen. Trunschkas vergebliche Versuche, zu dem Topmanager vorzudringen, nehmen mit jedem Scheitern immer verzweifeltere und skurrilere Züge an; Ringer wird mehr und mehr zur Chimäre. Trost sucht der Deutsche im Alkohol, weshalb die Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit alsbald verschwimmen.

Dank einer betagten Cinemascope-Technik ist es Günther und seinem Kameramann Michael Kotschi gelungen, dem Film eine ganz eigenwillige Tönung zu geben. Nie war das ohnehin gleißende texanische Licht, das an die frühen Werke von Steven Spielberg oder Francis Ford Coppola erinnert, heller als in „Houston“, zumal Kotschis Blickwinkel immer wieder dafür sorgen, dass es direkt in die Kamera fällt. Die überirdisch anmutende Helligkeit steht somit in krassem Gegensatz zu Trunschkas unaufhaltsamen Abstieg, und so beginnt man irgendwann, die Handlung mit anderen Augen zu sehen. Auf diese Weise ändert sich auch die Bedeutung des aufdringlichen Amerikaners, den der Headhunter im Hotel kennen lernt: Der Mann mit dem Schauspielernamen Robert Wagner (Garret Dillahunt) hat ein Distanzproblem, weshalb dem eigenbrötlerischen Trunschka die Hyperaktivität und die verbale Inkontinenz Wagners rasch auf die Nerven gehen. Andererseits weiß der Amerikaner seltsamerweise einige Dinge über den Konzernchef, von denen der Deutsche keine Ahnung hatte. Wagner bleibt zwar eine Nervensäge, wird für Trunschka aber zum nützlichen Idioten. Außerdem ist er praktisch der einzige Mensch, zu dem der Headhunter in Houston persönlichen Kontakt hat, und so sieht man auch die dramaturgische Aufgabe dieses letzten Verbündeten irgendwann in anderem Licht.

Ulrich Tukur ist einer der vielbeschäftigtsten deutschen Schauspieler, aber er hat offenbar nicht gezögert, die Hauptrolle in „Houston“ zu übernehmen. Dank ihrer Bipolarität – hier das Bild eines Mannes, der alles im Griff hat, dort ein psychisches Wrack – bietet die Figur einen Facettenreichtum, von dem man als Darsteller meist nur träumen kann. Regelmäßige Überblendungen sorgen dafür, dass Trunschkas Changieren zwischen Wahn und Wirklichkeit auch optisch wahrnehmbar wird; gegen Ende hat es auf diese Weise mitunter den Anschein, als sei er schon nicht mehr von dieser Welt. Ein Hörbuchratgeber, der das Streben nach materiellem Besitz predigt, verdeutlicht die Parameter, an denen er gnadenlos scheitert.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion