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Regisseur Werner Herzog: Ekstatische Wahrheiten

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Von: Daniel Kothenschulte

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Cannes, 1982: Die Schauspieler Klaus Kinski (l-r), Claudia Cardinale und der Regisseur Werner Herzog.
Cannes, 1982: Die Schauspieler Klaus Kinski (l-r), Claudia Cardinale und der Regisseur Werner Herzog. © dpa

Der visionäre Bild-Erzähler Werner Herzog wird heute achtzig Jahre alt.

Für einen Monumentalfilm braucht man keine tausend Statisten. Werner Herzog reichten, in der Eröffnungsszene von „Aguirre – der Zorn Gottes“, etwa vierzig Mann, die als spanische Conquistadores im Gänsemarsch einen steilen Berg hinabsteigen: Es ist eine der bildkräftigsten Einstellungen der deutschen Filmgeschichte, 1972 sprengte sie alle Erwartungen an einen kleinen Autorenfilm. Auch wenn Herzog zu den Ersten jener „Jungfilmer“ gehörte, die vom Filmfördergesetz profitierten, war er ein Außenseiter. Die überschaubaren Förder- und Fernsehmittel waren ideal für kleine Gegenwartsstoffe. Aber ein Drama über einen wahnsinnigen Kommandanten auf der Suche nach dem Gold von El Dorado? „Mit dem damals vorherrschenden politischen Kino hatte ich nichts am Hut“, erinnerte sich der Regisseur später. „Ich orientierte mich am deutschen Stummfilm der zwanziger Jahre.“

Diese Kontinuität wurde sofort erkannt: Als Lotte H. Eisner, die große Filmkritikerin des Weimarer Kinos, Herzogs „Lebenszeichen“ sah, zeigte sie ihn Fritz Lang, den er sehr beeindruckte. Denn Herzog setzte alles daran, dieses bildgewaltige Kino, das Deutschland verloren gegangen war, fortzuschreiben.

Werner Herzog zum 80. Geburtstag: Arbeit mit Klaus Kinski

Werner Herzog war dreißig, als er mit seinem dritten Spielfilm diese Ambition verwirklichte. 370.000 Dollar waren veranschlagt, ein Drittel davon floss an den Star. Mit Klaus Kinski fand der Regisseur seinen idealen Darsteller, ein chronisch unterfordertes Genie, das seine Visionen teilte und ihm immer wieder das Leben zur Hölle machte. „Mein liebster Feind“ nannte er seinen Schau- und Gegenspieler später in einem Filmporträt.

Hinzu kommt ein romantisch gefärbter Realismus. In den Naturbildern öffnet sich Herzogs Kino zugleich dem Dokumentarischen. Und seine Filmteams durchleben mitunter die echten Dramen – am extremsten wohl ein Jahr später bei „Fitzcarraldo“. Wieder spielte Kinski einen Wahnsinnigen im Dschungel, doch diesmal wurde ein ganzes Schiff über einen Berg geschleppt.

Heute wird Werner Herzog achtzig Jahre alt, vierundsiebzig Titel zählt seine Filmografie, Kurz-, Dokumentar- und Essayfilme eingerechnet. Ironischerweise ist es wohl gerade die immense Vielfalt seines Werks, die ihn noch immer zum bekanntesten Unbekannten des deutschen Kinos macht. International geachtet wie kaum ein zweiter Regisseur dieses Landes, ist der seit Jahren in Los Angeles sesshafte Künstler in seiner Heimat ein Fremder geblieben. Dass sein Hauptthema, die Suche nach dem Erhabenen, nach Grenzerfahrungen und dem Herauswachsen über das eigene Selbst in der deutschen Kulturgeschichte tief verwurzelt ist, machte es ihm nicht leichter. Zu lang schienen die Schatten, die das Kunstideal der NS-Zeit auf diesen missbrauchten Begriff geworfen hatte.

Regisseur Werner Herzog: Außenseiter sind die Helden

Tatsächlich sind Herzogs gebrochene Spielfilmhelden vor allem Außenseiter, was vielleicht auch den größeren Zuspruch seines Werks in den USA erklärt: Vom wahnsinnig gewordenen Soldaten in seinem Frühwerk „Lebensszeichen“ und dessen Namensvetter in der Migrantengeschichte „Stroszek“ über „Kaspar Hauser“, „Woyzek“ und „Fitzcarraldo“ bis zum Banditen „Cobra Verde“. Selbst der letzte Beitrag dieser Serie, das umstrittene Schausteller-Drama „Unbesiegbar“, verdient eine zweite Betrachtung.

Auch in seinen Dokumentarfilmen führt Werner Herzog schon immer an die Grenzen der menschlichen Vorstellungskraft. Auch hier unterscheidet sich sein Stil radikal vom Dogma des Verismus, wie es gerade in der anspruchsvollen Dokumentarfilmwelt noch immer oft hochgehalten wird. 1992 führte die Aufführung von „Lektionen der Finsternis“ auf der Berlinale zu einem Eklat, der sich an der Verbindung von Aufnahmen der brennenden Ölfelder in Kuwait während des ersten Irakkriegs mit Wagnermusik entzündete.

„Die Höhle der vergessenen Träume“, einer seiner größten Erfolge aus jüngerer Zeit, führte im 3D-Format zu 30.000 Jahre alten Höhlenzeichnungen. Imposanz und Intimität, Übermenschliches und Allzumenschliches. Viel davon ist in der großartigen Skizze von „Aguirre“ schon angelegt. Am Ende hat der Anführer all seine Getreuen und Untergebenen überlebt. Sein wirrer Geist jedoch wirkt ungebrochen: Auf seinem Floß kommandiert er eine Meute Menschenaffen. Tatsächlich braucht man wohl nicht einmal vierzig Statisten für einen Film von imponierender Größe. Man braucht eine Großaufnahme von Klaus Kinski aus leichter Untersicht mit jenem Feuer in den Augen, das er mit seinem Regisseur gemeinsam hat.

Werner Herzog plädiert für die Unsterblichkeit der Kunst

Und wird das Kino als idealer Wirkungsort dieser Visionen Bestand haben? Im Gespräch plädiert Werner Herzog für die Unsterblichkeit der Kunst: „Sagen wir, so lange die Menschheit per se eine Zukunft auf diesem Planeten hat – was anzuzweifeln ist – wird sich auch das bewegte Bild mit einiger Sicherheit halten, daran habe ich keinen Zweifel. Aber wichtiger noch als bewegte Bilder, Kino, glaube ich, dass Geschichtenerzählen eine längere Lebensdauer hat. Weil das eine Errungenschaft ist, die wir uns über Jahrzehntausende erworben haben.“ (Daniel Kothenschulte)

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