Ihrer Zeit weit voraus: Gertrude Bell (Nicole Kidman) erkundet die Arabische Welt.
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Ihrer Zeit weit voraus: Gertrude Bell (Nicole Kidman) erkundet die Arabische Welt.

"Queen of the Desert" und "Taxi"

Der Regisseur des Lebens

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Kurioses von der Berlinale: Während Regisseur Werner Herzog mit "Queen of the Desert" die klassische persische Dichtkunst feiert, erzählt ein lebender Filmpoet aus Teheran in "Taxi" von den engen Grenzen seiner Arbeit.

"Dies die erotischste Szene, die ich je gedreht habe", sagt Werner Herzog stolz zu Darsteller James Franco, und auch der ist mit seiner Leistung im Berlinale-Wettbewerbsfilm „Queen of the Desert“ sichtlich zufrieden. Um einen Kartentrick gebeten, findet er als charmanter Botschaftsattaché in Nicole Kidmans Gertrude Bell eine willige Assistentin. Gebeten, einen Stapel Karten blind nach Farben zu sortieren, macht sie unter seiner spirituellen Führung keinen Fehler. Und fühlt sich nicht nur in seinen Augen sicher aufgehoben. Wie der Trick nun funktioniert?

Das wollten weder Franco noch Herzog gestern auf der Berlinale-Pressekonferenz verraten. „Mein älterer Sohn Rudolph kam damit an“, sagte der Filmemacher nur verschmitzt.

„Queen of the Desert“ ist voller Zaubertricks. Es ist ein hoch elegantes Wüstenstück, dessen schwelgerische Schönheit lediglich durch die Abwesenheit des Zelluloidfilms ein wenig ausgebremst wird. Die technische Schärfe der digitalen Bilder ist die natürliche Feindin jener dezenter Patina, die Herzogs Filmstil immer schon auszeichnete und ihn zu dem vielleicht zeitlosesten Zeitgenossen des Jungen Deutschen Films werden lies. Und jetzt ist es alles wieder da, das Staunen über die Schönheit der selten gezeigten Originalschauplätze in Jordanien und Marokko, die Ruinen und Oasen.

Kulturerbe ist vor keiner Kriegspartei sicher

Man hat die Archäologin, Lyrikerin und Orientalistin Gertrude Bell (1868 -1926) in jüngeren Veröffentlichungen gern auf ihre Rolle als britische Spionin im Ersten Weltkrieg reduziert, doch für Herzog ist das nicht einmal eine Nebenrolle ihrer Existenz. Mit einer minimalistisch aber hoch konzentriert agierenden Nicole Kidman erzählt er von den vielfältigen Liebesgeschichten einer großen Frau, ihren Leidenschaften zu Männern, die sie respektieren konnten, vor allem aber zu den fremden Kulturen. Mancher mag „Queen of the Desert“ für sein Desinteresse an den komplizierten politischen Entwicklungen während der Abenddämmerung des Osmanischen Reiches tadeln, aber genau darin liegt die eigentliche Stärke.

Wenn Herzog seine Gertrude Bell liebevoll persische Dichtung aus dem ersten Jahrtausend übersetzen lässt, wenn er mit staunendem Blick die Weltkulturerbestätten von Petra fotografiert, dann wirbt er für ein weit tieferes Verständnis, nicht nur zwischen den religiösen Traditionen: In den gegenwärtigen Konflikten ist das Kulturerbe vor kaum einer Kriegspartei sicher.

Es ist schon kurios: Am selben Festivaltag, an dem Werner Herzog die klassische persische Dichtkunst feiert, erzählt ein lebender Filmpoet aus Teheran von den engen Grenzen seiner Arbeit. Jafar Panahi hat einen ganzen Film im Taxi gedreht, ein paar fest montierte Kameras reichen aus für einen professionell anmutenden und abwechslungsreich gefilmten, semi-dokumentarischen Spielfilm. Der mit einem künstlerischen Arbeitsverbot belegte Regisseur spielt selbst den Chauffeur eines Sammeltaxis, der mit seinen Fahrgästen über das Leben debattiert. Da lobt sich jemand eine Hinrichtungswelle an Kleinkriminellen, während ein ehemaliger Nachbar Panahis ganz im Gegenteil eine andere Geschichte zu erzählen weiß: Er zieht es vor, von ihm selbst überführte Räuber gar nicht einmal anzuzeigen – aus Mitleid über ihre Existenz.

Freiheit der Kunst in einer Diktatur

Eine Anwältin, die offenbar Panahi persönlich zu ihren Klienten zählt, ist auf dem Weg zu einer jungen Frau im Hungerstreik. Ins Gefängnis brachte diese der – für Frauen verbotene – Besuch eines Volleyballspiels. Sofort ist die Verbindung hergestellt zu Panahis herrlichem Fußballdrama „Offside“ über einen mutigen weiblichen Fan im Stadion. Aus dem unterhaltsamen Publikumsfilm, der bei der Berlinale 2006 seine Erfolgsgeschichte antrat, ist bittere Wirklichkeit geworden. Nur Panahi selbst wird nicht verbittert. Unerschütterlich wirbt er für die Freiheit der Kunst in einer Diktatur.

Der von ihm verkörperte Taxifahrer ist keineswegs die Antithese eines Regisseurs. Ganz im Gegenteil ist er noch immer ein Regisseur des Lebens, gleichermaßen Beobachter wie Lenker. In den schönsten Szenen ist er selbst als Filmlehrer gefragt, seine kleine Nichte soll für die Grundschule einen Videofilm herstellen. Gelehrig liest sie Panahi eine Liste mit Anweisungen ihrer Lehrerin vor, was in einem „vorzeigbaren Film“ am besten fehlen sollte: Kurz zusammengefasst, sind das alle unangenehmen Dinge. Dass Panahi über all diese Schattenseiten nun einen gleichwohl aufbauenden Film gedreht hat, ist nicht nur verboten, sondern fast unglaublich.

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