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Wiedergeburt eines melancholischen Wasserwesens: Paula Beer als Undine. 	Piffl Medien/dpa
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Wiedergeburt eines melancholischen Wasserwesens: Paula Beer als Undine.

Kino

Regisseur Christian Petzold: „Das Kino ist das Medium, das uns in der Krise am besten versteht“

  • Daniel Kothenschulte
    vonDaniel Kothenschulte
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Christian Petzold über den verhinderten Surrealismus seines Großstadtmärchens „Undine“ und die Renaissance des Kinos nach Corona.

Als erster großer Kinofilm kommt Christian Petzolds „Undine“ am heutigen Donnerstag in mehr als siebzig Filmtheater – und hat dabei die Möglichkeit, trotz der Kontaktbeschränkungen, das große Publikum zu erreichen, das dieser schönste deutsche Film des Jahres verdient. Besser könnte sich dieser große Mythentümpel Kino kaum feiern: Paula Beer spielt die Wiedergeburt des melancholischen Wasserwesens aus Friedrich de la Motte Fouqués Kunstmärchen in faszinierender Doppelbödigkeit, betörend, gefährlich und fragil. Nur Minuten nachdem sie den Mann, der sie verlassen hat (Jacob Matchenz), mit dem Tod bedroht, verliebt sie sich buchstäblich Knall auf Fall in einen anderen. Der von Franz Rogowski gespielte Christoph fühlt in der Sache anscheinend ähnlich und zerbricht ergriffen gemeinsam mit ihr das gewaltige Aquarium in einem Restaurant.

Der Industrietaucher und die Nixe auf dem Trockenen sind sogleich in ihrem Element. Irreale Orte wie die Stadtmodell-Landschaften im Berliner Märkischen Museum, wo Undine als Pädagogin arbeitet und eine verwunschene Talsperre dienen als Schnittstellen zwischen Diesseits und Jenseits. Bei aller Todesnähe ist „Undine“ Petzolds leichtester Film bisher, fast schamlos einfach erzählt mit sich wiederholenden Rückblenden und einem mäandernden Bach-Adagio als einzigem Soundtrack.

Herr Petzold, Undine ist die erste, die auftaucht – aus dem Meer der durch die Krise ungezeigten Filme. Wie erleben Sie die Öffnung der Kinos bei der Premierentour?

Mein erster Eindruck erinnerte mich an die halbleeren Ränge beim Donald-Trump-Wahlkampf: Hat hier vielleicht die K-Pop-Bewegung Karten reserviert? Die Leute standen Schlange – und es mussten dann viele abgewiesen werden wegen der Abstandsregelungen. Ein Kinobesitzer hatte Tränen in den Augen, weil er so gerührt war, dass so viele Leute ins Kino strömen.

Das klingt nicht nach dem Kinosterben, dem oft vorhergesagten.

Das Kino hat uns seit 15 Jahren mit Filmen über Dystopien auf diese Krise vorbereitet. Es ist vielleicht das langsamste Medium, weil die Apparate so riesig sind, aber es sieht am weitesten voraus – denken wir an Steven Soderberghs Drama „Contagious“. Ich finde auch, es ist das Medium, das uns in der Krise am besten versteht. Darum braucht es auch die breiteste Unterstützung. Man möchte jetzt alle Veranstaltungsorte wieder aufmachen, damit der Rummelplatz wieder läuft, aber das Kino brauchen wir auf eine andere, tiefere Weise.

Zur Person

Christian Petzold, geboren 1960 in Hilden, ist Regisseur und Drehbuchautor. Seit 1981 lebt er in Berlin, er studierte von 1988 bis 1994 an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin.

Aber das Kino steckte ja schon vorher in der Krise. Es gab starke Umsatzeinbrüche wegen der Streamingdienste. Wenn das Geschäft wegfällt, überlebt es vielleicht nur noch als Museum.

Das sagt auch Lars Henrik Gass, der Leiter der Kurzfilmtage Oberhausen: Wenn der Markt wegfalle, müsse jede Stadt eine Kinemathek bekommen. Aber da bin ich gegen. Ich glaube, dass das Kino immer noch der Ort ist, der die Welt sieht, wie es kein anderes Medium tut. Und ein Museum heißt ja, dass wir uns nur alte Filme angucken.

Aus dem Fernsehen ist es schon weitgehend verschwunden.

Wir sehen, dass das Kino im öffentlich-rechtlichen Fernsehen keine Rolle mehr spielt, aber das ist einfach ein Hass – die sind eben zu lange vom Kino beschimpft worden. Dafür rächen sie sich jetzt und kaufen keine neuen Filme mehr an. Nein, wir müssen gegen die Musealisierung des Kinos ankämpfen. Schon Michel Piccoli sagte in Agnès Vardas Film „Hundert und eine Nacht“: Das Kino wird niemals sterben, das Fernsehen wird sterben. Im Kino küsst man sich, vor dem Fernseher küsst man sich nicht.

Ihre Filme spielen ja an einer Welt, deren Oberflächen brüchig oder durchlässig geworden sind. Nun hätte man ja auch im Lockdown eine faszinierende Verfremdung sehen können. Konnten Sie dieser Zeit etwas abgewinnen?

Nein, ich habe ja Corona gehabt und lag dreieinhalb Wochen damit im Bett. In der Zeit habe ich gemerkt, wozu DVDs und Streams da sind – um die Krankenzeit zu verkürzen. Das war für mich schon als Kind das Schöne am Kranksein – man durfte viel fernsehen. Das Fernsehen hat deshalb bei mir immer etwas mit Krankheit zu tun. Das Kino damit, dass ich gesund war: Dieses Ausgesetztsein unter Menschen, die man nicht kennt. Wie in einer Bar. Das Kino liebt ja auch diese Szenen, wenn Leute sich in einer Bar ansprechen oder an einer Hotelbar: Aufgehoben in einer sozialen Identität. Ich war bei den ersten Vorführungen in diesen Tagen deshalb wirklich gerührt.

Das ist interessant: Der Verlust an Kommunikation während der Zeit der Kontaktbeschränkungen hat uns erahnen lassen, wie traurig eine Welt ohne Kino wäre.

Auch Filmfestivals könnten diesen Verlust nicht ersetzen. Jede kleine Stadt hat ein Filmfestival, aber vielleicht gar kein Kino mehr – und das ist nicht dasselbe. Ich denke da selbst eher wie eine Stadt: Der Kaufhof macht zu, du hast kein Leben mehr, und das Kino ist etwas Städtisches.

Filme

Für den Spielfilm „Barbara“ mit Nina Hoss in der Titelrolle erhielt er 2012 den Silbernen Bären für die beste Regie. Mit „Transit“, einer Adaption des Romans von Anna Seghers, wurde er 2018 ebenfalls zum Berlinale-Wettbewerb eingeladen. In den Hauptrollen spielten Franz Rogowski und Paula Beer. Zudem wurde er 2018 in die Academy of Motion Picture Arts and Sciences berufen, die die Oscars vergibt. 

„Undine“ entstand 2019 ebenfalls mit Paula Beer und Franz Rogowski. Es ist der erste Teil einer geplanten Trilogie, die sich der deutschen Romantik und speziell des Motivs der Elementargeister annehmen soll. In den folgenden Filmen plant Petzold, sich den Luft- bzw. Erdgeistern zu widmen. Der Film lief im Wettbewerb der 70. Berlinale und wurde mit dem Fipresci-Preis ausgezeichnet. Unser Filmkritiker schrieb (FR vom 24. 2.): „,Undine‘ ist eine metaphysische Romanze, wie sie Frank Borzage, René Clair oder Jean Cocteau gefallen hätte.“ Jetzt läuft der Film in den Kinos an.

Nun hat „Undine“ als erster großer Kinostart vielleicht auch die Chance, in den großen Multiplexen zu laufen – und das breite Publikum zu finden, das er verdient.

Wenn man glaubt, die Filmmuseen könnten das Kino retten, kommt mir das schon sehr defensiv, ja erniedrigend vor. So wie man glaubt, man komme im Fußball durch die Relegation, wenn man mit elf Leuten vor dem eigenen Strafraum steht. Man sieht das in alten Filmen, die in New York spielen: Da sieht man die Kinowerbungen von all den Mainstreamfilmen, aber daneben ist auch ein Kino in derselben Straße, das spielt einen kleinen Film von John Cassavetes. Das gehört zusammen, und die Trennung, die wir in den letzten Jahren durchgemacht haben zwischen „Art House“, „Mainstream“ oder gar „Berliner Schule“, fand ich immer zerstörerisch. Wie die Agrarwirtschaft. Es gibt durch die Monopolisierung keine Wildblumen und keine Bienen mehr.

Ihre Filme zitieren oft die Freiräume des alten B-Films, also eines industriellen Kinos, das Platz ließ für eine eigene Poesie. Finden Sie das heute in den Krimis fürs Fernsehen?

Bei den drei Polizeirufen war das so. Die Redakteurin kam auf mich zu, ob ich Lust hätte, für Matthias Brandt etwas zu konzipieren. Dann sah ich ihn mir an und fand, das war genau der Schauspieler, den ich in Deutschland vermisst habe, jemand wie Lino Ventura oder Peter Falk, mit einem extrem uneitlen Spiel und einer warmen Melancholie. Wenn wir Kinofilme machen, müssen das ja immer originäre Werke sein. So wie es in der Architektur ein Museumsbau wäre. Aber es muss ja auch Häuser fürs Wohnen geben. Das gefiel mir an 20 Uhr 15: Die Möglichkeit, eine Baulücke zu füllen.

Bleibt denn das Krimiformat als ein zweites Standbein?

Polizeirufe kann ich nicht mehr machen, die Polizeiruf-Redakteurin Cornelia Ackers hat leider aufgehört. Ich hätte gerne die Geschichte von Barbara Auer und Matthias Brandt noch weitererzählt. „Rimini“ hätte der vierte Film geheißen, da wären sie nach Italien in Urlaub gefahren und wären in einen Fall geraten, der ihnen nicht gehört. Über die Leiche am Strand hätten sie dann über ihr eigenes Leben reflektiert.

Auch „Undine“ handelt von Urbanität, zugleich ist die Stadt ein Einfallstor für Mythen, für echte und für falsche Historie. Außerdem ist es eine jenseitige Liebesgeschichte, die mich an Jean Cocteaus Klassiker „Orphée“ erinnert hat.

Dazu muss ich etwas erzählen: Wir hatten eine ganze „Orphée“-Passage darin, die habe ich herausgeschnitten. Es gab Gesandte aus der Unterwelt, die hatten die gleiche Kleidung wie die Motorradfahrer bei „Orphée“. Die sollten zu Undine kommen und sagen: Du musst jetzt töten. Ich wollte diesen Surrealismus wie bei Cocteau. Doch das hat mir am Schneidetisch nicht mehr gefallen. Wir waren eben nicht im Surrealismus, sondern in einem Realismus, der Eingänge in das Märchen hatte. Ich musste mich davon trennen, in dem Moment wurde der Film „retro“.

Das erinnert mich wiederum an die tschechische „Märchenbraut“ und die surrealen Kinderserien im alten WDR-Fernsehen. Leider gibt es das nicht mehr.

Das Beispiel mit den tschechisch-deutschen Märchenfilmen ist richtig. Man sollte übrigens auch mal darüber schreiben, wie schlecht die Neuverfilmungen dieser Märchen sind. Kinder hassen das. Meine Kinder haben es gehasst. Diese Filme haben keine mythische Kraft. Sie sind eher Mythenvernichtung.

Während „Drei Nüsse für Aschenbrödel“ als Kultfilm gefeiert wird.

Das kriegen sie nicht tot. Sie kriegen auch nicht das Kino tot. Auch Filme aus den letzten Jahren, etwa von Tarantino, haben eine mythische Kraft. Diese Serien werden das nie erreichen.

In den Autokinos in Deutschland läuft jetzt eine neue Verfilmung eines Grimm-Märchens. Der Horrorfilm „Gretel & Hänsel“ ist schick aber wenig gruselig.

Interview: Daniel Kothenschulte

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