Die Filmbranche wurde vom Coronavirus stark getroffen.
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Die Filmbranche wurde vom Coronavirus stark getroffen.

Kinobranche

Regina Ziegler: „Filme sind eine Art von Nahrungsmittel“

  • vonSusanne Lenz
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Produzentin Regina Ziegler über die Lage der Brache und das, was sie jetzt an Kapital und Artenschutz benötigt.

Frau Ziegler, ist der deutsche Film in Gefahr?

In wirtschaftlicher Hinsicht gab es immer wieder Probleme. Die US-Konkurrenz hat die Filmtheater schon lange dominiert. Das Risiko, dass die Produzenten auf ihren Kosten sitzen bleiben, ist gerade für künstlerisch ambitionierte Filme sehr groß. Schon seit Jahren stützen die Filmförderungen der Länder und des Bundes die Produktion. Und zuletzt sind mit den Streaming-Angeboten neue Konkurrenten auf einem hart umkämpften Markt erfolgreich aktiv geworden. Und doch hat Covid 19 diese Lage nicht nur verschärft, sondern eine neue existenzielle Bedrohung geschaffen, wie wir sie bisher nicht kannten.

Mussten Sie Dreharbeiten abbrechen?

Es kommt immer wieder vor, dass wir eine Produktion abbrechen müssen, etwa weil ein Schauspieler erkrankt oder das Wetter zu schlecht ist. Damit umzugehen gehört zum Alltag des Filmproduzenten. Dafür ist man auch versichert. Katastrophal und absolut neu für uns ist: Wir können mit dem Drehen erst gar nicht anfangen. Die Mitarbeiter sind „arbeitslos“ und fühlen sich wie in einen endlosen Zwangsurlaub geschickt. Mit dieser Situation muss Tanja derzeit umgehen, die den Dreh für das Kinoprojekt „In einem Land, das es nicht mehr gibt“ von Aelrun Goette, das für Mitte Mai geplant war, im März abbrechen musste. Die bisherige Planung ist Makulatur und das Projekt wird nun neu aufgestellt. Natürlich haben sich die Drehvoraussetzungen seit März dieses Jahres völlig verändert. Man braucht einen Hygienebeauftragten, man braucht mehr Mitarbeiter, um die Infektionsgefahr möglichst zu verringern. Es sind für jeden vor und hinter der Kamera Tests erforderlich. Zu den ersten Überlegungen: Kann man darauf im allgemeinen Lockdown-Fieber verzichten, sage ich: nein! Denn jede Produzentin und jeder Produzent hat die volle Verantwortung für das Team.

Es gibt für Kinofilmproduktionen, die abgebrochen werden mussten, einen Nothilfefonds der Filmförderungen, aber nicht für bevorstehende Produktionen. Was bedeutet das?

„Wir können in Ruhe Neues entwickeln“, sagt Regina Ziegler.

Zunächst bedeutet es, dass ein Produzent, der demnächst mit einem Dreh beginnen will, das volle Risiko trägt. Corona am Set bedeutet Unterbrechung der Produktion. Eine Pandemie kann man nicht versichern. Da ist eine Filmfirma in derselben Lage wie jeder andere Wirtschaftsbetrieb auch: jede Menge Ausgaben, keine Einnahmen. Die Produzentenallianz hat ein Fallout-Modell entworfen, das natürlich nur zum Tragen kommt, wenn der Bund eine Rückbürgschaft erteilt. Hier sind der Finanzminister, der Wirtschaftsminister und der Arbeitsminister angesprochen. Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters, hat ihre Unterstützung bereits zugesagt. Einen halbfertigen Film kann man nicht verleihen. Man kann den unfertigen Film auch nicht auf Messen präsentieren, die sowieso zurzeit nicht stattfinden.

Wie ist die Situation bei den Fernsehfilmen?

Sie ändert sich jede Woche. Derzeit hat sich das ZDF bereiterklärt, mit 50 Prozent in die Kosten zu gehen, die durch Abbruch entstehen. Aber das gilt nur bis zum 31. Mai dieses Jahres. Die Zusage der ARD, einmal Schutzschirm immer Schutzschirm, bedeutet für uns Produzenten, dass wir uns bei Produktionen, die seit dem Ausbruch der Coronakrise unterbrochen werden mussten, darauf verlassen können, dass die ARD 50 Prozent der Kosten übernimmt, die auch bei einem erneuten Lockdown entstehen. Auch wenn wir als Produzenten damit immer noch ein hohes Risiko tragen, können wir mit Hilfe dieses Schutzschirmes unsere Produktionen im Interesse der Fernsehzuschauer fertigstellen.

Autoren und Filmregisseure haben sich kürzlich mit einem Brandbrief an Monika Grütters und Peter Altmaier gewandt, darin ist von einem massiven Produzentensterben, ja der Vernichtung des deutschen Kinos in den nächsten Monaten die Rede. Teilen Sie diese Befürchtungen?

Eine solche Entwicklung ist durchaus wahrscheinlich. Man muss die Lage ja konkret beschreiben, damit man Gehör in der großen Klage der Betroffenen findet, zumal die Künstler und mittelständischen Film- und Fernsehproduzenten bisher nicht optimal berücksichtigt wurden. Es muss und es wird hoffentlich Lösungen geben, Milderungen, Überbrückungen. Die fallen freilich nicht vom Himmel. Wir Produzenten müssen unsere Stimme erheben. Wir müssen solidarisch sein. Es darf nicht dazu kommen, dass der eine was bekommt und der andere leer ausgeht. Wir müssen vor allem darauf verweisen, dass für viele Menschen gerade in Zeiten der Isolierung audiovisuelle Produkte, besonders Filme, zu einer Art von Nahrungsmittel geworden sind. Die Menschen brauchen etwas, das sie ablenkt, wenn die Tage lang werden, das sie unterhält, wenn die große Langeweile ausbricht, etwas, an dem sie sich erfreuen können, ohne sich dabei anzustecken. Wir produzieren keine Masken oder Medikamente, aber eben Filme für ein großes Publikum.

Zur Person

Regina Ziegler, 1944 in Quedlinburg geboren, ist eine der erfolgreichsten deutschen Filmproduzentinnen. 1973 gründete sie in West-Berlin die Regina Ziegler-Filmproduktion und erhielt für ihre erste Produktion „Ich dachte, ich wäre tot“ den Bundesfilmpreis. Sie konzentrierte sich zunächst auf die Förderung von jungen, wenig bekannten Regisseuren. Später produzierte Ziegler häufig für das Fernsehen. Insgesamt produzierte sie bisher etwa 500 Filme und Serien, zuletzt etwa „Ich war noch niemals in New York“. Ihre Tochter Tanja Ziegler stieg 2000 in das Unternehmen ein und besitzt seit 2006 die Mehrheit der Anteile. 2005 wurde Regina Ziegler von der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ zur Honorarprofessorin für das Fach Film- und Fernsehproduktion bestellt. Seit 2011 führt sie mit Tanja Ziegler das Berliner Programmkino Filmkunst 66.

Als Streamingangebot in Corona-Zeiten zeigen Regina und Tanja Ziegler seit Anfang Mai Filme auf ihrer Webseite, Devise: „47 Jahre Ziegler Film / 47 Filme zu Hause“. www.ziegler-film.com

Welche Hilfen braucht die Filmbranche?

Natürlich brauchen wir wie alle anderen Branchen Geld, das uns hilft, über die nächsten schweren Runden zu kommen. Wie jedes Wirtschaftsunternehmen ohne den kalkulierten Umsatz sind wir auf den Staat angewiesen, der uns nicht hängen lassen darf. Außer Geld brauchen wir – und da vertrauen wir auf den Staat – eine zeitliche Perspektive, aus der hervorgeht, wann wir wieder drehen dürfen. Wir brauchen ein Verfahren, wir brauchen Verabredungen, die auf Solidarität aufbauen. Sie müssen sich das konkret vorstellen: Wenn alle zur selben Zeit wieder anfangen zu drehen, herrscht Stau. Es wird einen Mangel an kompetenten Mitarbeitern geben. Dazu brauchen wir nur eine verbindliche Planung.

Wann rechnen Sie damit, wieder drehen zu können?

Wir planen ab Mitte Juli mit den Fernsehproduktionen wieder anzufangen. Bis dahin sind hoffentlich die Basiszahlen der Pandemie so niedrig, dass das Risiko kalkulierbar ist. Wir müssen lernen, mit der Situation umzugehen und sicher zu produzieren. Dazu gehört auch eine innere Einstellung, denn wenn nur eine Produktion in Bedrängnis kommt, wird das die ganze Branche treffen.

Was bedeutet diese Pause für den Ausstoß an Filmproduktionen, für die Organisation der Arbeit?

Einerseits ist der übliche Zeitdruck nicht zu spüren. Wir können ein Drehbuch nochmal durch die Mühle drehen, wozu üblicherweise kaum Zeit bleibt. Wir können auch in Ruhe Neues entwickeln. Für das Publikum bedeutet die Pause, dass Serien unterbrochen werden, Reihen ins Stocken geraten. Für die Anstalten ist Planung nur möglich, wenn man auf das Vorhandene zurückgreift. Und die Streaming-Anbieter werden nach einem Hoch, das sie zur Zeit haben, eine Zeit lang keine neue Ware ins Haus bekommen.

Selbst wenn es Wege aus der Krise geben wird, wo sehen Sie langfristig Handlungsbedarf?

Bei der wieder aufgeflammten Diskussion um die zuletzt von den Ministerpräsidenten beschlossene Gebührenerhöhung und der dabei vertretenen Forderung, diese aufgrund der Corona-Wirtschaftskrise, auszusetzen, wird ein für uns als Produzenten ganz entscheidendes Argument nicht beachtet: Die öffentlich-rechtlichen Sender sind ein existenziell wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Film- und Medienbranche. Sie sind die größten Auftraggeber für uns. Gerade in der aktuellen Krise wäre es fatal, wenn die Sender wegen geringerer Mittel weniger Aufträge vergeben könnten. Ihre eigenen Sparabsichten, wie sie etwa der NDR bekannt gegeben hat, sind schon folgenreich genug. Wenn an anderer Stelle über Konjunkturprogramme gesprochen wird, wäre dies ein direktes Konkursprogramm für die deutschen Produktionsunternehmen und würde in der Folge zu massiver zusätzlicher Arbeitslosigkeit in der gesamten Medienbranche führen. Mehr als 50 000 Arbeitsplätze von Kreativen und Filmschaffenden sind von der Beauftragung von Neuproduktionen abhängig. Da die einzig verfügbare Manövriermasse die Produktionsetats der Sender sind, bedarf es einer ausreichenden Finanzierung von ARD und ZDF. Der Film ist ein Wirtschaftsgut. Dafür braucht er Kapital. Doch er ist auch ein Kulturgut. Deshalb braucht er auch Artenschutz.

Interview: Susanne Lenz

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