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Robert Pattinson als Dennis Stock in einer Szene des Kinofilms "Life".

Neu im Kino: „Life“

Regen am Times Square

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Im Biopic „Life“ erzählt Anton Corbijn von der Fotostory, die James Dean kurz vor seinem Tod berühmt machte. Es ist die Geschichte eines jungen Hollywoodstars und seines Fotografen - die leider nicht über das Abbildhafte hinauskommt.

„Der aufregendste junge Schauspieler, der Hollywood seit Marlon Brando erreicht hat, ist der launische 24-jährige James Dean.“ So begann am 7. März 1955 Amerikas führende Illustrierte „Life“ ihre Fotostory über einen aufstrebenden Außenseiter. Am 30. September desselben Jahres war James Dean noch immer vierundzwanzig – und das Todesopfer eines Verkehrsunfalls.

Anton Corbijns Spielfilm, der wie die Zeitschrift „Life“ heißt, erzählt nicht noch einmal von diesem halben Jahr, in dem James Dean in dem Bewusstsein leben durfte, der gefragteste Hollywoodstar seiner Generation zu sein, in zwei weiteren bedeutenden Filmen spielte und seine Liebe zum Motorsport an zwei Porschemodellen erprobte. Corbijn, der als Fotograf berühmt wurde, erzählt von der Vorgeschichte dieser Bildreportage und der Freundschaft zwischen dem aufgehenden Stern und seinem Fotografen Dennis Stock.

Es gibt allen Grund davon zu erzählen, denn es war vielleicht das erste Mal in der Mediengeschichte, dass jemand erst als Mensch und dann als Kinoheld berühmt wurde. Obwohl beides natürlich nicht zu trennen ist, gelang es Stock und den „Life“-Redakteuren, ein Fundament an Glaubwürdigkeit zu legen, gegen das die PR-Strategen des mächtigen Filmstudios Warner, bei dem Dean unter Vertrag stand, später nichts mehr anhaben konnten. So blieb er während seiner kurzen Karriere ein Anti-Star, und bis heute ist er es geblieben.

Natürlich könnte man diese Geschichte auch etwas anders erzählen. Man könnte vom ersten geplanten „Life“-Artikel über Dean erzählen, für den der Fotograf Roy Schatt James Dean bereits drei Monate zuvor denkbar unglamourös im Pullover fotografiert hatte. Doch das war für die Redaktion wiederum nicht seriös genug. Erst Dennis Stock fand den richtigen Ton, als er die Einladung seines Freundes annahm, ihn nach Fairmont in Indiana zu begleiten, wo Verwandte eine Farm besaßen. Das erste, was die „Life“-Leser vom künftigen Hollywoodstar zu sehen bekamen, war ein Doppelporträt mit einem prächtigen Hausschwein.

Liest man den „Life“-Artikel heute (alle Jahrgänge sind online gestellt), staunt man nicht schlecht, dass die Zeitschrift ihren Lesern Dean noch zwei Tage vor dem Kinostart seines ersten Spielfilmauftritts in „Jenseits von Eden“ als Unbekannten präsentierte. Dabei hatte das Studio alles darangesetzt, die Neugier der Medien auf den männlichen Hauptdarsteller zu lenken, der bereits beachtliche Erfolge am Broadway und im Live-Fernsehen vorzuweisen hatte. Und dabei verfolgte man, anders als es der Film darstellt, sehr geschickt eine doppelte Strategie. Einerseits spielte man Dean mit dem italienischen Starlet Pier Angeli (Alessandra Mastronardi) eine Ausgehfreundin zu, in die sich dieser freilich Hals über Kopf verliebte. Anderseits lancierte man in der Presse Anekdoten über seine Unangepasstheit, die ihn als eine Art ungeschliffenen Rohdiamanten auf dem Filmset präsentierten. Leider gibt Ben Kingsley in seiner Nebenrolle als Studiochef Jack Warner keine Vorstellung vom Charisma des gewieften Moguls.

Historische Berühmtheiten in Nebenrollen

Umso eindringlicher ist die Präsenz von Robert Pattinson, der den ehrgeizigen jungen Fotografen spielt, der Freundschaft und strategisches Denken unter einen Hut bringen muss. Sein größtes Hindernis: Auch wenn er sich zutraut, James Dean mit seinen Bildern, wie er sagt, berühmt zu machen, scheint es diesen kaum zu interessieren. Tatsächlich muss Stock bei den Gelegenheitsaufnahmen bald feststellen, dass er auf Deans Willen zur Inszenierung, auf seine Ideen angewiesen ist.

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Erst der Ausflug in seine ländliche Heimat führt zu „Hinguckern“, wie sie sich die Redaktion wünscht. Und mit dem ikonischen Porträt des einsamen jungen Mannes bei strömendem Regen am Times Square wächst Stock dann in der Gunst des Augenblickes auch als Künstler über sich hinaus. Nur wenigen Fotografen gelingt es, ein derart unvergessliches Bild zu machen. Dennis Stock hat auch Audrey Hepburn, Marilyn Monroe und den damaligen Cassius Clay fotografiert, doch ein ähnliches Meisterstück ist ihm nicht mehr gelungen.

So hat dieser Film also mit dem jungen, aufstrebenden Fotografen in Pattinsons Darstellung einen interessanten zweiten Protagonisten. Doch was hilft es, wenn James Dean nicht in ähnlicher Weise lebendig wird?

Sicher, Biopics gelingt nur selten die Balance zwischen fotografischer Ähnlichkeit und einer Glaubwürdigkeit jenseits des Abbildhaften. Und wenn sie gelingt, dann weil sich die Leinwandpersona des Darstellers mit der des Dargestellten verbindet, ohne vollends zu verschmelzen.

Dass der mittlerweile 29-jährige Dane DeHaan älter ist als sein reales Vorbild, ist nicht das Problem. Auch Dean sah meist älter aus, als er war. Doch da blitzt nichts auf, und da strahlt nichts. Und genau darum müsste es doch gehen beim Effekt der Dennis-Stock-Fotos: Deans Ausstrahlung und ungelenkte Schönheit brachten diese Bilder gerade in den alltäglichen Situationen oder durch seine Brillenfassung hindurch zum Entzünden. Hier gibt es nicht mal einen Funken. Um es mit dem alten „Life“-Artikel auszudrücken: Er ist nicht aufregend, sondern nur launisch.

Wenn man sich wenigstens dazu entschlossen hätte, Dennis Stock zur Hauptfigur zu machen; doch dafür verfällt der Film wiederum zu sehr dem Starkult. Historische Berühmtheiten in Nebenrollen kommen, gehen und hinterlassen nicht den leisesten Eindruck: Filmemacher Nicholas Ray (Peter Lucas), Darstellerkollegin Natalie Wood (Lauren Gallagher), Regisseur Elia Kazan (Michael Therriault).

Selbst die Breitwandfotografie der Dänin Charlotte Bruus Christensen („Die Jagd“) wirkt mit ihren ungeformten Handkamerabildern fehl am Platz. Das alles ist umso bedauerlicher, als Anton Corbijn ja mit seinem Debütfilm „Control“ über Joy-Division-Sänger Ian Riley einen der besten Filme über frühen Ruhm gedreht hat – und wie man im Alltag damit umgeht.

Nur bei der Wahl der Filmmusik liegt er auch diesmal richtig. Mit dem kanadischen Sänger und Violinisten Owen Pallet entsteht genau jene kongeniale Distanz, die für Biopics so wichtig ist. Weil sie uns erlaubt, durch die Gegenwart auf die Vergangenheit zu blicken.

Life. USA 2015. Regie: Anton Corbijn. 111 Minuten.

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