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Verbindungsstudenten "im vollen Wix" auf Convent in Coburg.

"Drahtzieher Burschenschaften", ZDF info

Rechte Randgruppe

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"Drahtzieher Burschenschaften" gibt auf ZDF info eindeutige Einblicke.

Manchmal sieht man sie noch, immer in Grüppchen, mit diesen bunten Schirmmützen und Bändern quer über der Hemdbrust. Es sind nicht mehr viele, nicht mal ein Prozent der bundesdeutschen Studenten gehören einer Burschenschaft an. Aber ihre Bedeutung wird leicht unterschätzt. Denn sie sind als Akademiker stets auch Rekrutierungsgruppe für die Eliten. Zahllose ehemalige Korpsstudenten finden sich in den höheren Etagen von Politik und Wirtschaft. Michael Freund und Richard Rüb haben einen genaueren Blick auf die Burschenschaften geworfen, um herauszufinden, welche Rolle die Männerbünde heute noch spielen. 

„Drahtzieher Burschenschaften“ ist der Titel des Films, aber wer bei dieser Wertung Einseitigkeit der Autoren vermutet, irrt. Freund und Rüb haben sich durchaus eingelassen auf die inzwischen recht unterschiedlichen Traditionsvereine. Sie erinnern auch daran, dass die ersten Burschenschaften fortschrittliche Gesinnung hatten, schließlich hatte sich die Urburschenschaft vor 200 Jahren gegründet, um für den einheitlichen deutschen Nationalstaat und gegen obrigkeitsstaatliche Herrschaft zu streiten. 

Warum tut sich ein Mensch das an?

Aber die Werte von damals haben sich im Laufe der Zeit eben nicht verändert: Die Burschenschafter hängen immer noch dem Deutschtum und einer – inzwischen überkommenen – Vorstellung vom Nationalstaat an. Das drückt sich dann in mehr oder weniger markigen Wahlsprüchen aus, die sich die Verbindungen – mit stets lateinischen Namen – gegeben haben. „Treu – fest – frei“ etwa steht auf dem Wappen der Stuttgarter „Hilaritas“. 

Deren Sprecher Hannes Gnad erklärt die Mitgliedschaft zum „Lebensbund“. Was bei manchen seiner Mitbrüder auch sichtbar wird. Denn die „Hilaritas“ (zu deutsch etwa „Heiterkeit“) ist eine „pflichtschlagende Verbindung“. Die jungen Herren müssen sich der Mensur unterziehen, und dabei trägt manch einer eben den „Schmiss“ davon. Eine eindrucksvolle Sequenz ist die Begleitung des Mensurtrainings – eine schweißtreibende Veranstaltung. Es gebe noch rund 7000 Mitglieder in schlagenden Verbindungen, heißt es. Warum tut sich ein Mensch das an? Politologe Stephan Peters, der die Burschenschaften erforscht, erläutert: Man setzte seine Körperlichkeit ein, um zu zeigen: „Ich möchte ein Teil von euch sein.“ Anders formuliert: Hier werde „der Kopf hingehalten für die Gemeinschaft“. 

Peters liefert auch eine einleuchtende Erklärung, warum es heute immer noch junge Männer in eine Burschenschaft zieht: Die Verbindung liefere eine soziale Sicherheit, die man sich sonst im Studium als Einzelner mühsam erwerben müsste. Statt soziale Kompetenz zu entwickeln, überlasse man sich dem Schoß der Männergemeinschaft. Der Film lohnt sich nicht zuletzt wegen solcher Einblicke in das Treiben einer rechten Randgruppe, als die man die Burschenschaften sehen muss. Ihre Fackelmärsche und das Absingen der ersten Strophe des Deutschlandliedes weisen sie in der Mehrzahl als rückwärtsgewandt oder rechtskonservativ bis -extrem aus.

Die Autoren befragen auch „Alte Herren“, deren sich einige in Spitzenämtern der Politik finden, wie Günther Oettinger (CDU), Albrecht Glaser (Ex-CDU, nun AfD) oder Markus Söder (CSU). Besonders ausgeprägt ist die Verbindung von Burschenschaft zu politischem Spitzenamt offenbar in Österreich. Gehören dort nur 0,4 Prozent der Bevölkerung einer Burschenschaft an, so sind es im Parlament sieben, bei den Abgeordneten der rechtskonservativen FPÖ aber gleich 20 Prozent.     
Begreift sich einer wie FPÖ-Mann Andreas Mölzer als „konservativer Revolutionär“, so kann der Linzer Antisemitismusforscher Andreas Peham erläutern, dass „Drahtzieher“ wie Mölzer einen „volkstumsbezogenen Vaterlandsbegriff“ haben und deshalb nichts dabei finden, als „deutschnational“ zu gelten. Mölzer nennt die AfD „die Azubis der FPÖ“. Und selbst wenn es inzwischen Burschenschaften gibt, die auch Frauen aufnehmen (Freund und Rüb zeigen auch diese), bleibt der Eindruck einer Gruppierung, die, entstanden aus demokratischem Geist, mit dem Demokratieverständnis von heute fremdelt. 

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