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Unter permanenter Beobachtung: 24/7-Monitoring im Crime Prevention Center der Polizei von Chicago.

"Pre-Crime", Arte

Rechnerisch zum Gewalttäter erklärt

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Ob "Minority Report" oder "Person of Interest" ? ein hochwertiger Arte-Dokumentarfilm beweist einmal mehr, wie schnell die Fiktion von der technischen Entwicklung überholt wird.

Den Titel ihres aufwendigen Dokumentarfilms „Pre-Crime“ haben sich die Autoren Monika Hielscher und Matthias Heeder aus der Science Fiction geborgt. Steven Spielbergs „Minority Report“ wird als Quelle angegeben, aber eigentlicher Urheber ist der Schriftsteller Philip K. Dick, auf dessen Vorlage der Film von 2002 basierte. Darin beschrieb Dick, wie in der Zukunft Verbrechen geweissagt und verhindert werden können. Die nötigen Informationen verdanken sich einer Gruppe von prophetisch begabten Mutanten. Doch übersinnlicher Fähigkeiten bedarf es gar nicht. Ein zutreffenderes Bild entwarf 2011 der Drehbuchautor Jonathan Nolan, Bruder des Regisseurs Christopher Nolan, in seiner Fernsehserie „Person of Interest“. Dort gibt es einen Computer, der Gesetzesverstöße präzise ankündigt und auch gleich eine Wertung vornimmt, welche Verbrechen einen Polizeieinsatz rechtfertigen und welche nicht.

Nolan war hellsichtig genug, die Vorteile, aber auch Schwächen und Gefahren einer solchen Technik in seinen Serienentwurf einzubetten. Die technische Entwicklung hat Nolan eingeholt. Wie der Chicagoer Polizeireporter Jeremy Gorner im Film berichtet: „2012 wurde damit schon ein wenig experimentiert. Und 2013 ist es dann richtig losgegangen.“

Nicht nur in Chicago. Hielscher und Heeder waren in mehreren Städten in den USA, in Großbritannien, Frankreich, Deutschland unterwegs. Sie lassen Fachleute erklären, wie per Datenerhebung und Kameraüberwachung Prognosen erstellt werden, die ein rechtzeitiges Eingreifen der Polizei ermöglichen sollen. Da gibt es die harmlosere Variante, die aus statistischen Auswertungen urbane Verbrechensschwerpunkte errechnet. Für die Polizei eine Möglichkeit, die Routen ihrer Streifenwagen zu optimieren.

Andernorts gehen die Maßnahmen sehr viel weiter. Dort werden Listen mit konkreten Namen erstellt. Robert McDaniel aus Chicago, wegen geringfügiger Delikte mehrfach verurteilt, wurde registriert, weil er einmal gemeinsam mit einem späteren Gewaltopfer festgenommen worden war. Fortan galt er selbst als potenzieller Gewalttäter. Und bekam, für den Film nachinszeniert, Besuch von einer Polizistin und einem Sozialarbeiter, die den überraschten Mann darüber aufklärten, dass er auf der Liste der vierhundert gefährlichsten Menschen Chicagos verzeichnet sei und von der Polizei entsprechend überwacht werde.

Smurfz, ein schwarzer Jugendlicher aus London, machte eine ähnliche Erfahrung. Er erhielt eine Art Mahnbrief. Darin wurde ihm mitgeteilt, dass er festgenommen werden könne, wenn er am Schauplatz eines Verbrechens angetroffen werde oder auch nur in den Verdacht gerate, es nicht verhindert zu haben. Er erhielt den Ratschlag, sich an die Bezirkspolizei oder eine Hilfsorganisation zu wenden, die beim Ausstieg aus dem Milieu behilflich sind. Auch seine Freunde hatten solche Briefe erhalten. Der Computer hatte aus einer Freundesclique eine Verbrecherbande gemacht.

Das Londoner System heißt „Matrix“. Der Titel einer weiteren filmischen Dystopie. Im Kommentar stellen Hielscher und Heeder die berechtigte Frage: „Gibt es eigentlich einen Algorithmus, der auf Wirtschaftsverbrechen zielt?“

Die Qualität dieser Algorithmen wird im Film fachkundig hinterfragt. Die Firmen, die die Computerprogramme entwickeln und für teures Geld an die Behörden verkaufen, halten ihre Kriterien geheim. Wie und wen sie als gefährlich abstempeln, liegt teils gar nicht in den Händen der Justiz, sondern in denen privater Unternehmen. In den Datenbestand fließen Angaben ein, von deren Verwertung die Betroffenen oft gar nichts wissen, Kreditanträge, Reisebuchungen, natürlich die Aktivitäten in den gewerblichen und sozialen Web-Medien. Dass ein ein solches System auch missbräuchliche Verwendungen ermöglicht, versteht sich von selbst.

Wie blauäugig dieser mehr oder minder heimlichen Datenerhebung begegnet wird, belegt der Umstand, dass selbst ansonsten zeitkritische publizistische Medien Unternehmen wie Netflix dafür loben, dass sie das Nutzerverhalten ihrer Kunden akribisch analysieren und merkantil verwerten.

In der neunzigminütigen Koproduktion von Arte und WDR geht es vielfach um Dinge, die im Verborgenen stattfinden. Das Autorenteam meistert die Herausforderung, für abstrakte Vorgänge treffliche Bilder zu finden. Die filmische Gestaltung ist sogar ausgesprochen hochwertig und für sich schon eine Attraktion, die das Einschalten lohnt. Interviewpartner werden häufig in Außenaufnahmen, sogar in Bewegung gezeigt. Es gibt Luftaufnahmen engmaschig überwachter Metropolen und Trickeinblendungen mit Informationen oder als Fingerzeig auf bestimmte Personen, Gebäude oder Vorgänge. Diese flimmernde, bewusst Beunruhigung schürende Ästhetik ist aus der oben erwähnten Fernsehserie „Person of Interest“ gut bekannt.

Einer inhaltlichen Überfrachtung und möglichen Überreizung beugen die Autoren wirksam vor, indem sie ruhige Sequenzen von einer unberührten Felsküste einbauen, wo ein Cartoonist hoch über dem Meer über das Gehörte nachdenkt, es illustriert und kommentiert. Seine letzten Worte im Film: „Willkommen in der Matrix.“

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