Oscars

Rebellen gewinnen keine Oscars

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Der Erfolg der Hollywood-Satire "Birdman" bei den Oscars zeigt, dass kühne Visionen weiterhin möglich sind. Doch eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass die Academy die wahren Rebellen der Traumfabrik ehren würde.

Was können die Oscars dafür, dass sie sich manchmal dann doch vorhersagen lassen? Hauptsache, die Favoriten geben sich Mühe, nicht allzu überrascht zu wirken. J. K. Simmons, überragend als despotischer Musikdozent in „Whiplash“, gelang dieses Kunststück ebenso gut wie dem Regisseur des besten fremdsprachigen Films, von dem polnischen Beitrag „Ida“, Pawel Pawlikowski. „Da stimmt doch was nicht. Da dreht man einen stillen Film in Schwarzweiß über Zurückgezogenheit von der Welt – und landet damit hier, am lautesten Ort der Erde.“ Hochverdient war dieser Preis, mit dem sich das polnische Kino mit jener formalen Strenge zurückmeldete, mit der es in den sechziger und siebziger Jahren Weltgeltung hatte. Und doch erst jetzt erstmals bei den Oscars gewürdigt wurde.

Für Patricia Arquette wäre es dagegen kaum glaubhaft gewesen, Überraschung vorzutäuschen. Richard Linklaters Meisterwerk heißt zwar „Boyhood“, aber die stärkste Rolle darin gehört der Nebenfigur der Mutter. Arquette hatte sich für ihre Dankesworte einen großen Zettel präpariert, um am Ende, unter tosendem Applaus, für Frauen die Gleichberechtigung in den USA zu fordern. Wenn etwas überraschen konnte bei dieser Verleihung, dann war es das Ausbleiben weiterer Preise für diesen einzigartigen Coming-of-Age-Film. Aber der Academy sind nun einmal Independent-Filme wirklich unabhängiger Geister grundsätzlich suspekt.

Was man dagegen bewundert, ist der Wagemut der großen Studios. Geschätzte 22 Millionen Dollar steckte der Branchenriese Fox in „Birdman“ – und wurde dafür gleich vielfach belohnt, darunter in den wichtigen Kategorien „Bester Film“ und „Beste Regie“. Natürlich muss man sich mit Alejandro González Iñárritu freuen, dass derart kühne Visionen möglich sind. Doch wie äußerlich wirkt seine Expression, wirken seine Effekte im Vergleich zum über einen Zeitraum von zwölf Jahren gedrehten „Boyhood“, einem Film, der gerade einmal vier Millionen kostete. Doch eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass die Academy die wahren Rebellen der Traumfabrik ehren würde.

Besonders deutlich wurde die Skepsis gegenüber künstlerischer Eigenständigkeit bei den Animationsfilmen: Wann kommt es schon vor, dass mit „Song of the Sea“ und „Prinzessin Kaguya“ gleich zwei wahre Kunstwerke in dieser Kategorie nominiert werden? Aber gewonnen hat mit „Baymax – Riesiges Rorowabohu“ mal wieder der Disney-Blockbuster. Immerhin erhielt Wes Andersons verspielte Reise in vergangene Kinowelten, „Grand Budapest Hotel“ insgesamt vier Oscars – für Kostüme, Ausstattung, Maske und Musik.

Künstlerisch mochte man mit der Academy streiten, politisch zeigte sie sich einmal mehr von ihrer liberalen Seite. „American Sniper“, Clint Eastwoods Heldengedicht über einen treffsicheren Scharfschützen in einem ungerechten Krieg, konnte lediglich durch seinen Ton überzeugen. Das phänomenale Einspielergebnis von bereits mehr als 300 Millionen Dollar rechtfertigt offenbar dann doch nicht alles. Dafür zeichnete man demonstrativ einen Kurzdokumentarfilm aus, der sich einer Hotline für suizidgefährdete Veteranen widmet („Crisis Hotline: Veterans Press 1“).

Da störte auch die überzuckerte Form dieser mit Weihnachtsliedern vertonten, überaus konventionellen Reportage wenig. Wie erwartet, ehrte man zudem Laura Poitras’ abendfüllenden Edward-Snowden-Dokumentarfilm „Citizenfour“ – und konfrontierte damit den erzkonservativen Clint Eastwood mit einer Würdigung für den vermeintlichen Vaterlandsverräter. Und mehr noch: Auch Snowdens Lebensgefährtin Lindsay Mills wagte sich endlich an die ihr selten wohlgesonnene amerikanische Öffentlichkeit, als sie mit der Filmemacherin auf die Bühne trat. Snowden selbst veröffentlichte unmittelbar nach der Bekanntgabe eine Glückwunschbotschaft: „Als mich Laura Poitras fragte, ob sie unsere Begegnungen filmen dürfe, war ich sehr widerspenstig. Ich bin froh, dass sie mich dazu überredet hat. Das Ergebnis ist ein mutiger und brillanter Film, der alle Ehren verdient, die er bekommt.“

Die zweite humanitäre Botschaft des Abends war das Engagement für eine nicht nur im öffentlichen Leben verdrängte Krankheit. Wie allgemein erwartet, gewann Julianne Moore als beste Darstellerin in „Still Alice“, einem Drama, das sich vehement gegen die Vorstellung wendet, Demenzkranke verlören mit ihren geistigen Fähigkeiten auch ihre Persönlichkeit. Mit dem Singer-Songwriter Glen Campbell war schließlich sogar selbst ein Alzheimer-Patient unter den Nominierten. Als er seine Diagnose erhielt, schrieb er einen letzten, bewegenden Song, der nun in einem Filmporträt zu hören ist: „I’m Not Gonna Miss You“; vorgetragen wurde er jetzt von Tim McGraw.

So ist das bei den Oscars: Wird man erst einmal auf die Bühne gerufen, kann man eigentlich nur gewinnen. Es sei denn, man ist der Moderator. Der Schauspieler Neil Patrick Harris absolvierte den heiklen Job mit einer manchmal etwas zu kühlen Lässigkeit, war sich allerdings auch nicht zu schade, in Michael Keatons Kostüm der besten „Birdman“-Szene über die Bühne zu laufen – bekleidet mit nichts als einer Unterhose und schwarzen Socken. Was waren das noch für Zeiten, als einer seiner Vorgänger, der große David Niven, so souverän auf einen splitternackten „Flitzer“ reagierte, dass er damit Fernsehgeschichte schrieb.

Das kann man von dieser Gala nicht behaupten. Im Gedächtnis blieben immerhin zwei große Musiknummern: Neil Patrick Harris’ Stärken mögen nicht in spontaner Schlagfertigkeit liegen. Aber das perfekt einstudierte Eröffnungscouplet, das er mit Anna Kendrick und Jack Black über die Bühne brachte, weckte Erinnerungen an ein ausgestorbenes TV-Genre: die große Fernsehshow, wie sie einst Dean Martin oder Jerry Lewis moderierten.

Lady Gaga liebäugelt schon lange mit diesem Erbe und sang jüngst bei einem Duett-Album beinahe schamlos den betagten Tony Bennett an die Wand. Nun präsentierte sie in einem pompösen Kleid, wie es einer Cinderella beim Hofball gut gestanden hätte, ein Medley mit Julie-Andrews-Hits aus „The Sound of Music“. Für Hollywood mag Lady Gaga als Besucherin vom anderen Stern erscheinen, doch gäbe es Oscars für Musikvideos, hätte sie vermutlich längst ein paar davon. Leichtfüßig sang sie sich jetzt durch den Showstopper „My Favourite Things“. Es wäre wohl zuviel verlangt, dass auch bei den Oscars einmal die liebsten Dinge die Preise mit nach Hause nähmen.

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