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Emotionale Splitter eines Familienlebens.

„Ray & Liz“

Glassplitter zerbrochener Bierflaschen

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„Ray & Liz“: Der englische Fotograf Richard Billingham hat auf faszinierende Weise die traurige Realität seiner Kindheit rekonstruiert.

Als der junge englische Fotograf Richard Billingham 1996 ein Buch mit Fotos aus der armseligen Wohnung seiner Familie in der Vorstadt Birminghams veröffentlichte, schrieb ihm sein großer Kollege Robert Frank auf den Umschlag: „Dieses britische Familienalbum ist so cool, dass ich sehen und hören kann, was zwischen den Bildern geschieht.“

Jetzt kann man das tatsächlich. Mehr als zwei Jahrzehnte später hat Billingham das damals zu Schnappschüssen verdichtete Leben mit seinem alkoholkranken Vater Ray, der selten die verdreckte Wohnung verließ, der kettenrauchenden Mutter Liz und dem jüngeren Bruder Jay verfilmt. Es ist ein Regiedebüt von geradezu schwebender Perfektion.

„Ray’s a Laugh“ – der Titel des Buches zitiert Jays Einschätzung, nachdem er aus einer Pflegeeinrichtung nach Hause zurückkehrt und seinen Vater kennenlernt – heißt als Film „Ray and Liz“. Auch sonst hat sich wenig verändert, abgesehen davon, dass Billingham das Fotografierte um das Nur-Erinnerte aus seiner früheren Kindheit ergänzt. Während man im inzwischen leider unbezahlbaren Fotobuchklassiker über das Verhältnis der Familienmitglieder tatsächlich nur zwischen den Bildern lesen konnte, sind diese Zwischenräume nun gefüllt. Die Herzlichkeit und der Zorn, die rührende Anmut der Nippesfiguren in der Vitrine, die auf das Chaos blicken, der Vogel hinter der Fensterscheibe. Diese Welt ist nun wieder da und sie entwickelt denselben Schrecken, dieselbe Faszination und dieselbe Traurigkeit und schwer erklärliche Würde.

Man staunt, dass diese Rückverwandlung tatsächlich möglich ist. Weniger, weil man an der einzigartigen Schauspielkultur auf der Insel zweifeln würde, die in der Darstellung sozialer Realität Maßstäbe im Weltkino setzt. Sondern weil schon das Buch bohrende Fragen nach der Legitimität der damit verbundenen Grenzüberschreitungen stellte.

Wie später bei den Filmen Ulrich Seidls fragte man sich: Ist es erlaubt, das Private derart öffentlich zu machen? Darf man sich am offensichtlichen Kunstwert der fotografischen Darstellungen schutzloser Intimität als Kunstfreund delektieren? Auch wenn Billinghams Schnappschüsse in der Drogerie hergestellt wurden, waren sie meisterlich komponiert und lebten von ihren blutig-glühenden Rot- und schmutzigen Brauntönen. Etwa jener mit der fliegenden Katze in der Luft.

Ethisch ist er in der Rekonstruktion durch professionelle Schauspieler (Justin Salinger und Ella Smith als Eltern) natürlich auf der sicheren Seite. Anderseits hat die emotionale Tiefe in der Nacherzählung einen ganz anderen Gehalt bekommen. Noch immer läuft dabei Film durch eine analoge Kamera. Gibt es in Deutschland noch irgendeinen Filmemacher, der sich nicht freiwillig vom ästhetischen Überschuss des echten Filmmaterials getrennt hat? Auch das klassische 4:3-Format ergänzt die Bildgewalt.

Unter den drei Episoden, in die sich die fragmentarische Erzählung teilt, ist die vom kleinen Jay am Erschütterndsten. Unbemerkt von den Erwachsenen verbringt er eine Nacht im Gartenhaus seines Spielkameraden und erfriert dabei um ein Haar. Als er aus der Familie genommen wird, erleidet sein Bruder schlimme Einsamkeit.

Dass all diese emotionalen Splitter Fragmente bleiben, dass sie kein erzählerischer Kit aus der Drehbuchwerkstatt zusammenklebt, belässt auch ihren Schmerz im Rohzustand. Wie die Glassplitter zerbrochener Bierflaschen schneiden sie sich in unser Bewusstsein – und bleiben dort lange unvergessen.

Ray & Liz. GB 2018.

Regie: Richard Billingham.

108 Min.

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